Provinzschrei-Festival Kultur ist wie Klebstoff

Schauspielerin Katja Riemann kommt am 12. September. Foto: /Agentur

Kultur ist – tja, was eigentlich? Hendrik Neukirchner, Chef des Suhler Provinzkultur-Vereins, sagt: Sie sei, was das Leben zusammenhält, die Freude am Leben fördert. Und Kultur ist das, was fehlt. Deshalb startet ab 1. September das 21. Provinzschrei-Festival durch.

Eigentlich, hoffen im Moment nicht nur die Macher des Provinzschrei-Festivals, sondern so gut wie alle, die Kultur auf die Beine stellt, müssen ihnen die Karten geradezu aus der Hand gerissen werden. Die Menschen seien hungrig nach der durch die Pandemie verordneten Abstinenz. Aber nein, so ist es nicht. Jedenfalls nicht ganz. Die Menschen, zumindest einige, haben sich gewöhnt – an keine Kultur. Also könnten die Macher des 21. Provinzschrei-Festivals den Kopf in den Sand stecken. Machen sie natürlich nicht, weil sie wissen, dass ohne Kultur etwas fehlt. „Kultur ist wie Klebstoff für das Leben“, sagt Hendrik Neukirchner. Und das stimmt. Sie hält zusammen, was sich aufzulösen droht: Das Miteinander. Und so ist das Festival, traditionell am 1. September durchstartet, auch ein trotziges Manifest: „Jetzt erst recht!“.

Und das rauscht, am 1. September, mit Marthe Cohn in die Provinz. Über 101 Jahre ist die in Metz geborene Französin inzwischen alt, und erst seit wenigen Jahren redet sie über das, was sie prägte: Den Krieg. Denn Cohn war Spionin der Alliierten in Nazi-Deutschland. Die Regisseurin Nicola Alice Hens, die u.a. an der Weimarer Bauhaus-Universität studierte, hat ihr Leben mit der Kamera eingefangen. Das beeindruckende Filmporträt „Chichinette – wie ich zufällig Spionin wurde“ ist am Mittwochabend im Zella-Mehliser Kino „Schauburg2Go“ zu sehen (19.30 Uhr). Wer mag, kann im Anschluss mit der Regisseurin diskutieren.

Es gehört zur DNA des Provinzschrei, Kultur und Politik in lockerer zusammenzufügen und so nicht nur gesellschaftliche Debatten in einem immer öfter zum streitbaren Dialog unfähig erscheinenden Land zu befeuern, sondern auch die Freude am Leben. Das gelingt mit Filmen, Büchern – oder Musik. Und so kommen am 11. September die Musiker Dirk Zöllner und André Drechsler zur musikalischen Lesung „Herzkasper“ nach Suhl (19.30 Uhr, Villa Sauer). Bestenfalls aber mischt sich ein Künstler oder eine Künstlerin sogar gesellschaftspolitisch ein – wie die engagierte Schauspielerin Katja Riemann. In ihrem Buch „Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen“ beschreibt sie die Arbeit von Nicht-Regierungsorganisationen in Afrika, Nepal oder Moldawien, das als ein Zentrum des Menschenhandels gilt (12. September, 17 Uhr, CCS).

Beiträge zur politischen Debatte leisten Ex-BND-Präsident Gerhard Schindler, der am 17. September sein Buch „Wer hat Angst vorm BND“ vorstellen wird (siehe nebenstehenden Beitrag) und ARD-Auslandskorrespondent Jörg Armbruster. Er hat sich viele Jahre lang mit den Konflikten in der arabischen Welt auseinandergesetzt und wird sein Buch „Die Erben der Revolution – was bleibt vom arabischen Frühling“ am 24. September (19.30 Uhr) in der Arena „Schöne Aussicht“ Zella-Mehlis. Eher gesellschaftspolitisch sind die Abende mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidtbauer („Was macht die Pandemie aus der Konsumgesellschaft“, 8. Oktober, 19.30 Uhr, Arena „Schöne Aussicht“) und dem Neuro-Mediziner Hans-Joachim Maas („Das gespaltene land – ein Psychogramm“, 15. Oktober, 19.30 Uhr, Uni-Bibliothek Ilmenau),

Und dann sind da auch noch ein paar Leute für einen geselligen Abend. Franziska Troegner und Jaecki Schwarz zum Beispiel, die am 25. September (19.30 Uhr, Arena „Schöne Aussicht“ Kurzgeschichten von Roald Dahl in verteilten Rollen lesen und spielen. Oder Dieter Birr, der am 1. Oktober (19.30 Uhr, Kirche Themar) aus 50 Jahren Puhdys erzählt – und natürlich singt. Oder Schriftsteller Christoph Hein, der mit dem legendären Schlagzeuger Günther Baby Sommer eine szenische Lesung auf die Bühne bringt (16. Oktober, 19.30 Uhr, CCS) – letztere wird übrigens am 5. November noch einmal zu erleben sein. Und, ach ja, außerdem kommen noch Martin Sonneborn – mit einem „Medienspektakel“ zwischen Krawall und Satire (7. November, 19.30 Uhr, CCS) und natürlich der Nachholtermin mit Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer („Chocolat – eine himmlische Verführung“, 29. November, 19.30 Uhr).

Karten sind in den Geschäftsstellen dieser Zeitung erhältlich oder unter Telefon 03681-792413.

www.provinzschrei.de

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