Provinzschrei-Festival Die Unkaputtbaren

, aktualisiert am 10.02.2021 - 16:25 Uhr
Macher und Förderer des Provinzschrei-Festivals: Michael Kraus (Rhön-Rennsteig-Sparkasse), Alexander Keiner, Pierre Döring (Verlagsleiter unserer Zeitung), Hendrik Neukirchner – von links. Foto: /ari

„Provinzschrei“ – das war letztes Jahr, zum 20. Geburtstag des Kulturfestivals im Thüringer Wald, eine Geschichte so spannend wie ein Abenteuer-Roman. Nun könnte eine Fortsetzung folgen. Immerhin: Es gibt erste Termine.

Suhl - Die Macher, das muss man einfach mal sagen, haben die Lust nicht verloren. Und das will etwas heißen. Wer Kultur in der Provinz auf die Beine stellt, der wird nicht reich – aber es kann erfüllend sein. Deshalb sitzen sie gerade im verschneiten Thüringer Wald, erzählen von den spannenden Eskapaden des 20. Festivals im letzten Jahr: Davon, wie ihnen das Virus das Jubiläum so richtig versaute, blicken auf Jahrgang Nummer 21 – und ahnen: Schon wieder wird ihnen das Virus sorgsam ausgetüftelte Pläne durchkreuzen. Geschichten wie aus einem Abenteuer-Roman.

Aber da ist kein Weltuntergang in Sicht – nicht bei Alexander Keiner, dem Festivalmanager im zweiten Dienstjahr, nicht bei Hendrik Neukirchner, dem Chef des Provinzkultur-Vereins. „Irgendwie mussten wir ja was machen“, sagt Keiner. Und erzählt, wie sie letztes Jahr geradezu im Monatstakt Festivalpläne schmiedeten, Künstler engagierten, wieder allen absagten und von Neuem planten. Sie schrieben ein Hygiene-Konzept nach dem anderen. Sie probierten Mini-Konzerte in Wohngebieten und Open-Airs auf dem Suhler Platz der Deutschen Einheit. Und als es dann am 1. September mit Friedrich Schorlemmer endlich losgegangen war, folgte am 14. Oktober mit Matthias Platzeck schon das vorzeitige Finale. Der Rest der schönen Pläne: alles Makulatur.

„Lange Zeit wussten wir nicht, ob es überhaupt ein Festival geben wird. Wir haben den Umständen entsprechend das Mögliche herausgeholt. Bedanken können wir uns bei unserem Publikum und unseren Sponsoren, weil sie uns die Stange gehalten haben“, sagt Hendrik Neukirchner. Ein Jubiläums-Jahrgang sollte es werden – nun geht das 20. Festival als die abenteuerlichste Kultur-Party in die „Provinzschrei“-Geschichte ein. Vielleicht wird ja im Herbst nachgefeiert. Sicher ist das, wir ahnen es, nicht.

Beim Blick zurück sind Alexander Keiner und Hendrik Neukirchner dennoch glücklich. „Wir haben Leute erreicht, die sonst nie zum Konzert gekommen wären“, sagt Keiner über die sechs Mini-Konzerte in Suhler Wohngebieten: Rund 700 Menschen hörten zu. Es gab Veranstaltungen im CCS und auf dem Platz der Deutschen Einheit in Suhl, in der Stadtkirche Themar, im Alten Gericht Meiningen, im Roten Ochsen Schleusingen und in der Zella-Mehliser Mehrzweckhalle. Und natürlich ist der Verein, der mit seinen vielen fleißigen Helfern das Kulturfestival erst ermöglicht, an diesem „Provinzschrei“-Abenteuer gewachsen. Corona hat reingehauen, aber nicht umgehauen. Das Festival ist so leicht nicht kaputt zu kriegen. Im Gegenteil, solche Krisen sind der Beweis: Hier hat wirklich etwas Wurzeln geschlagen. Das ist, bei allem Bedauern über so schöne abgesagte Veranstaltungen wie etwa die mit den Schauspielern Harald Krassnitzer und Ann-Kathrin Kramer, die eigentliche, die froh machende Botschaft. Nebenbei: Der Abend mit dem österreichischen Tatort-Kommissar und seiner Frau soll nachgeholt werden.

Und so zeigt die Malaise der Pandemie vor allem eins: Kultur gelingt immer dann, wenn Menschen an sie glauben – vor, hinter und auf der Bühne. Wenn es Förderer gibt, wie unsere Zeitung, wie die Rhön-Rennsteig-Sparkasse, wie die Thüringer Staatskanzlei. Wenn die Sucht der Macher und die Sucht des Publikums so groß sind, dass sie den „Provinzschrei“ von Festival zu Festival tragen. Immerhin 1275 Besucher zählten die elf Veranstaltungen im letzten Herbst – ohne die bereits erwähnten Mini-Konzerte. „Das ist wirklich gut“, sagt Hendrik Neukirchner. Üblicherweise kommen zu Lesungen, Konzerten und Kleinkunst-Abenden des „Provinzschrei“ bis zu 5000 Besucher. Dafür, dass 2020 an allen Veranstaltungsorten wegen der Hygiene-Konzepte viel weniger Plätze als sonst zur Verfügung standen und das Festival ja auch abgebrochen werden musste, kann sich diese Zahl schon sehen lassen.

Das neue Jahr indes hat für Alexander Keiner begonnen, wie schon das alte anfing: Die für März geplanten (Nachhole-)Veranstaltungen mussten schon wieder verschoben werden. Und auch der April und Juni sind mit großen Fragezeichen versehen. Daher will das Festival noch keine Termine nennen und natürlich auch den Kartenverkauf noch nicht starten. Aber für unsere Leser im Programm blättern, das machen Hendrik Neukirchner und Alexander Keiner dann doch: Wenn alles einigermaßen nach Plan läuft, dann werden die Münchner Tatort-Kommissare Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec zur Lesung nach Suhl kommen. Auch Schriftsteller Christoph Hein und Jazz-Musiker Günter Baby Sommer sind eingeladen, ebenso Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, die Schauspieler Jaecki Schwarz und Franziska Troegner, Nahost-Korrespondent Jörg Armbruster, Jörg Schindler – der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes –, die Schauspielerinnen Karoline Eichhorn und Catrin Striebeck. Es wird eine Lesenacht geben, einen „Bühne frei“-Abend für junge Talente, ein zweitägiges Festival in Kloster Veßra – und Landolf Scherzer wird ein neues Buch vorstellen. Jetzt muss nur noch das Virus mitspielen.

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