Protest Immer wieder montags: Wer protestiert weshalb in Hildburghausen?

Rolf Dieter Lorenz

Sie nennen es Spaziergang statt Demo. Und: sie fühlen sich wie eine große Familie. Was sie eint: Frust, Protest und Wut gegen eine Politik, die Freiheit, Wohlstand und Zukunft bedroht, sagen sie. Und gehen jeden Montag auf die Straße. Unsere Redaktion war jüngst dabei.

Als Zeichen des Friedens lässt ein Züchter Tauben aufsteigen, bevor sich der Protestzug am Montag in Hildburghausen in Bewegung setzt. Foto: Steffen Ittig

Es ist Montagabend, eine Viertelstunde vor sieben. Da machen sich die Spaziergänger von Hildburghausen auf den Weg zum wöchentlichen Sammeltreffpunkt vor der Wacholderschänke. Sie sind aus Jüchsen, Schleusingen und Lengfeld angereist, aus dem Grabfeld, auch aus dem bayrischen Bad Königshofen. Der Großteil kommt aus Hildburghausen. „Pflegen – Helfen – Impfpflicht – ohne uns“ steht auf dem T-Shirt einer Frau geschrieben. Viele der weiblichen Spaziergänger sind oder waren in der Pflege und im Gesundheitswesen tätig. Sie wehren sich bei den Montagsprotesten gegen die Impfpflicht für Gesundheitsberufe.

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„Steckt euch eure Impfung in den Arsch“, heißt es auf dem T-Shirt des 55-jährigen Harald. Er ist aus dem 25 Kilometer entfernten Jüchsen angereist, um am Montagsspaziergang teilzunehmen. So nennen die anonym agierenden Organisatoren ihre nicht angemeldeten Corona-Proteste, zu denen sie über den Internetdienst Telegram aufrufen. Auch jetzt im Hochsommer, wo Corona kaum noch ein Thema ist und es weder eine allgemeine Impflicht noch eine Maskenpflicht in Innenräumen gibt.

„Das ist doch nur eine Momentaufnahme“, sagt Harald. „Wir wissen doch alle, was der Herr Lauterbach (Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, die Redaktion) vorhat. Der Herbst naht, der 1. Oktober. Und obwohl derzeit überhaupt keine Inzidenzen vorliegen, werden schon wieder Termine gesetzt. Da muss man klar dagegen halten“, sagt Harald. Außerdem gehe es inzwischen nicht nur um die Pandemie. „Die Anfangsgründe waren Corona, aber das erweitert sich ja ständig, da kommt man gar nicht mehr hinterher“, so Harald. Der Jüchsener beklagt die Entwicklung der Preise. Sie gingen nach oben, und die Politik wolle uns weismachen, das sei international. „Das ist es nicht, Deutschland kriegt das Embargo gegen Russland vorgeschrieben.“ Der Bundeskanzler sei bei dem Treffen im rheinland-pfälzischen Ramstein bei Kaiserslautern umgeschwenkt. „Da wissen wir, dass Deutschland eine Kolonie ist“, sagt Harald. Wessen Kolonie? „Der USA.“

Dass es nicht nur um Corona-Einschränkungen geht, sondern um Krieg, Gas- und Ölknappheit, Lieferengpässe, steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise sowie um die Sanktionen gegen Russland, das zeigen zwei Schilder. Auf einem sind die Nationalflaggen Russlands und Deutschlands aufgemalt. „Wir gehören zusammen“ steht darauf geschrieben. „Ami go home“ – Amerikaner geht nach Hause – steht auf einem anderen.

Es sind knapp 300 Demonstranten, die sich an diesem Montagabend vor der Wacholderschänke in Hildburghausen versammelt haben. Einige tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Freies Thüringen“ sowie „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ und „Thüringer Bündnis“. „Grüßt euch, Servus“, ist oft zu hören. Man kennt sich von vorangegangenen Montagsspaziergängen. Fünf Deutschlandfahnen sind zu sehen. Auf einer steht: „Wir sind das Volk“. Ein Mann schwenkt sogar die sogenannte Wirmer- oder Stauffenberg-Flagge. Sie zeigt ein gelb umrandetes, schwarzes Kreuz auf rotem Hintergrund. Es ist die Flagge der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944. Josef Wirmer hat sie entworfen. Sie sollte gemäß seiner Idee nach einem erfolgreichen Attentat Stauffenbergs gegen Hitler und dem Machtübergang auf die Verschwörer die neue Flagge Deutschlands werden.

Nachdem ein Züchter 32 Tauben vor der Wacholderschänke aus einem Transportkäfig als Zeichen des Friedens hat auffliegen lassen, setzt sich der Protestzug in Bewegung: mit lautstarken Pauken-, Tröten- und Trommeltönen sowie ganz ohne Polizeibegleitung. Kein Fahrzeug, kein uniformierter Beamter ist zu sehen. Zwei Transparente sind inzwischen entrollt worden. „Hildburghausen – Widerstandsrecht, Grundgesetz-Artikel 20, Absatz 4, Ziviler Ungehorsam“ heißt es auf einer der Stoffbahnen. Auf der anderen steht: „Für Freiheit und Souveränität – Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“

Holger, 55 Jahre alt und aus Lengfeld, ist einer der das Transparent an der Hand führt. Seit anderthalb Jahren nimmt er an den unangemeldeten Demos teil. Weshalb, was stört ihn? „Alles, alles, das fängt bei der Energie an, das fängt bei der Regierung an“, sagt er. „Wir werden nur noch belogen und betrogen, von der Regierung und von den Medien, ganz besonders von den Medien – und deswegen gehen wir auf die Straße.“ Was will er damit erreichen? „Wir wollen unsere Freiheit, wir wollen Frieden in Europa und überall. Wir wollen unsere Souveränität wiederhaben, wir brauchen eine andere Regierung oder normalerweise überhaupt keine Regierung. … Sie müssen das Gespräch mit dem Putin suchen, sucht ja keiner, der Putin ist ja der Schuldige normalerweise.“ War es nicht Putin, der die Ukraine angegriffen hat? „Er hat angegriffen, wie oft hat die USA angegriffen und da hat keiner sich aufgeregt“, sagt Holger aus Lengfeld.

Als der Protestzug auf die Schleusinger Straße in Richtung Friedhof marschiert, ertönt zwischen Krankenhaus und einem Supermarkt hinter den Demonstranten plötzlich ein lautstarker Knall. Irgendwer hat einen großen Böller auf der Straße gezündet. Von den „Spaziergängern“ kann es niemand gewesen sein. Möglicherweise war es einer der Jugendlichen, die sich hinter dem Protestzug mit ihren Fahrrädern aufhielten.

Auf dem Weg entlang am Friedhof beklagt sich eine Frau, die nichts über sich preisgeben will, dass die „Spaziergänger“ oft als Rechtsextreme, als Antidemokraten und Staatsfeinde verunglimpft würden. Dagegen wehre sie sich. In 75 Kommunen Thüringens würde jeden Montag demonstriert. Das sei das Recht eines jeden Bürgers, egal welcher politischen Couleur. „Hier läuft die Vernunft“, sagt sie.

Irgendetwas läuft schief

Torsten aus Hildburghausen, der mit einem Zählgerät 280 Spaziergänger registriert hat, geht - wie er sagt - seit 23 Jahren auf die Straße. Mit 18 Jahren habe er mitbekommen, dass irgendetwas in den Regierungen verkehrt läuft. „Unsere Steuergelder werden nicht ordentlich eingesetzt, jetzt wird alles teurer, die Gaspreise, die Lebensmittelpreise“, sagt Torsten. Warum? „Weil Sanktionen gegen Russland verhängt werden. Wir haben mit dem Ukrainekrieg gar nichts zu tun. Der geht uns nichts an. Warum machen wir Sanktionen gegen Russland. Das ist ein Krieg, der da unten stattfindet. Und wir müssen uns nicht überall reinhängen.“ Deutschland habe sich in sieben Kriege reingehangen - unter anderem in Syrien, in Afghanistan, in Irak – was hinterlassen wurde, seien zerstörte Länder gewesen. Die Flüchtlinge, die zu uns kämen, hätten nicht die Ausbildung um hier zu arbeiten. Sie lebten von unseren Steuergeldern. „Das hat nichts mit rechtsradikal zu tun, das ist ein gesunder Menschenverstand“, sagt Torsten. Er würde die Länder lieber aufbauen, dass die Menschen dort ordentlich leben könnten. „Die 100 Milliarden Euro Steuergelder zur Aufrüstung der Bundeswehr würden sinnlos verballert und in die Waffenindustrie gesteckt, wegen eines Krieges, mit dem wir nichts zu tun haben“, so der Hildburghäuser.

Auf dem Weg zum Markt, am Goetheplatz, winken einige Anwohner den Demonstranten zu. Die Pauken und trommeln werden jetzt kräftiger geschlagen. Eine Krankenschwester, die mitläuft, sagt: „Wir werden von der Regierung richtig verschaukelt. Ich möchte, dass die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden.“ Das gehe eigentlich nur gegen das deutsche Volk. „Der Mittelstand, die kleinen Leute, bezahlen alles, und in naher Zukunft werden sie sich wahrscheinlich ihr Leben nicht mehr leisten können.“ Eine 46-jährige Frau aus Römhild, die auch im Gesundheitswesen arbeitet, beklagt auf dem Markt die berufsbezogene Impfpflicht, die eine Spaltung der Gesellschaft hervorrufe. Das gehe teilweise durch einzelne Familien. Da werde sich gegenseitig kaputt gemacht, körperlich und psychisch. „Wer pflegt denn die Leute in Seniorenheimen und in den Krankenhäusern noch, wenn alle Ungeimpften gekündigt werden“, fragt sie. Impfen oder Maske tragen, das solle eine freie Entscheidung sein und nicht diktiert werden. Nun werde uns noch aufdiktiert, nicht mehr die Hände zu waschen, kalt zu duschen und im Winter zu frieren, um Energie zu sparen. „Es werde viele geben, vor allem Ältere und Rentner, die das nicht mehr bezahlen können. Wir sollten uns generell aus dem Krieg raushalten und ihn nicht noch befürworten, indem wir Waffen dorthin liefern.. Es gab so viele Kriege bis jetzt, auch bei den Amis, haben wir da Sanktionen gemacht“, fragt sie.

Es sind normale Leute, Mitarbeiter aus der Pflege und dem Gesundheitswesen, aber auch einige Frustrierte, Unzufriedene und Wutbürger, die ihrem Ärger bei den Montagsspaziergängen Luft machen. Steffen Braunersreuther, einer der Trommler, kommt aus Großbardorf bei Bad Königshofen. „Wir sind eine riesengroße Familie aus West und Ost, man kennt sich, alles was rechts ist, fliegt raus“, sagt er. Am nächsten Montag wird er wieder seine Trommel schlagen, entweder in Bad Königshofen oder in Hildburghausen.