Protest Die Frage nach Verantwortlichen läuft ins Leere

Gleich drei Protestaktionen gegen die Ansteckungsschutz-Regeln hatte die Polizei am Montag in den Innenstädten von Sonneberg und Neuhaus am Rennweg zu begleiten.

Eine Kundgebungspause für Sonneberg zwischen den Feiertagen kündigen die Protestler für nächste Woche an. Foto: /Zitzmann

Sonneberg/Neuhaus am Rennweg - Auf ein Dutzend Ordnungswidrigkeiten plus eine Strafanzeige lautet die Bilanz der Polizei zu den abendlichen „Spaziergängen“ in Sonneberg und Neuhaus am Rennweg. So war für 18 Uhr in den sozialen Netzwerken mobilisiert worden, im Umfeld von Spielzeugmuseum und Juttaplatz ein „Zeichen gegen Spaltung“ zu setzen. In der Spitze rund 50 Männer und Frauen – mit dabei einige Kinder und so mancher Hund – kamen zusammen. Nachfragen zu den Beweggründen der Demo-Teilnahme? Konterte die eine belustigt damit, Bewegung an der frischen Luft stärke ja bekanntlich das Immunsystem. Und der andere mit der Richtigstellung, dass er hier nicht demonstriere, sondern nur spaziere.

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Erst auf Nachfrage hin, ging’s etwas unverklemmter zu. „Das Recht auf Meinungsfreiheit lassen wir uns nicht nehmen“, hieß es. Eine Frau aus Föritztal erboste sich über Zustände „schlimmer als im Sozialismus“ – damals habe man wenigstens noch in die Kneipe gehen können. Ihr Enkel sei völlig durch den Wind, weil ihm die Spielpartner fehlen. „Es können gar nicht genug Leute auf die Straße gehen, um Gesicht zu zeigen.“

Die Polizei versuchte zunächst im Umfeld des Juttaplatzes durch direkte Ansprache einen Verantwortlichen auszumachen. Als dies ohne Ergebnis blieb? Folgte 18.10 Uhr eine Lautsprecher-Durchsage, wonach die Zusammenkunft als – obgleich nicht angemeldet – Versammlung gewertet werde. Das Angebot hieß diese zu schützen, so sich einer zu erkennen gibt, mit dem man sich auf die Einhaltung von Infektionsschutzvorgaben verständigen könne. Ein solcher möge sich beim Streifenwagen melden. Bitte.

Mut zur Verantwortung? Mochte indes keiner bekennen. Lieber setzte sich der Tross stumm um 18.11 Uhr in Bewegung, direkt zur SzG-Kundgebung am Rathausvorplatz.

Bei acht Personen hatte die Polizei am Juttaplatz die Personalien erhoben, weitere vier kamen in Neuhaus hinzu. In allen Fällen müssen sich die Beteiligten auf teure Post einstellen. Ihnen droht ein Verfahren wegen ordnungswidrigem Verhalten bezogen auf missachtete Abstandsregeln bzw. ignorierte Maskenpflicht. In Neuhaus kam es zu einer Tätlichkeit. Als ein Polizist einen Mann aufforderte den Ausweis vorzuzeigen, schubste dieser den Ordnungshüter und versuchte zu türmen – was misslang. Eine Strafanzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte ist die Folge. In Neuhaus waren wie in der Vorwoche rund hundert Männer und Frauen einem Aufruf im Internet gefolgt. Erneut mochte sich in der Rennsteigstadt der Polizei gegenüber keiner als Ideengeber zum Beisammensein im Umfeld des Kulturhauses outen. Durchgeführt wurde die Demo trotzdem. Eine halbe Stunde zog der Tross, begleitet von einem halben Dutzend Polizisten, um’s Karree bevor er sich zerstreute.

Von rund 50 Protestveranstaltungen – zumeist als „Spaziergänge“ verbrämt – mit rund 14 000 Teilnehmern thüringenweit sprach am Dienstag die Landespolizei. Entsprechend aufgesplittet waren die Kräfte. In Sonneberg bzw. Neuhaus war es eine überschaubare Anzahl von Uniformierten, welche das Treiben absicherte – gegen etwaige Unfälle im Straßenverkehr beim nächtlichen Umzug. Dass sich für den Sonneberger Juttaplatz und für Neuhaus keine Anmelder fanden, nennt Sonnebergs Polizeichef René Schunk gegenüber Freies Wort im Nachgang bedauerlich. Der volle Grundrechtsschutz stehe jeder Versammlung zu, die den Behörden vorab zur Kenntnis gegeben wird, betont der Inspektionsleiter. Gelinge die Verständigung auf den Infektionsschutz, müsse niemand riskieren wegen einer Ordnungswidrigkeit infolge der Teilnahme an einer rechtswidrigen Menschenansammlung in Pandemiezeiten belangt zu werden.

Ein gutes Beispiel böten hier die montäglichen Kundgebungen der Formation „Sonneberg zeigt Gesicht“. Anna Bernardy habe er über die Monate hinweg als verbindlich auftretende Anmelderin bei den Kooperationsgesprächen erlebt.

Maskenpflicht und Abstand einzuhalten, auch wenn einem die Auflagen nicht schmecken würden, dazu hatte Bernardy am Montagabend die knapp 200 Teilnehmer auf dem Rathausvorplatz ausdrücklich angehalten. Ebenso mahnte sie ein insgesamt friedliches Gepräge an. Anstatt überschießenden Emotionen freien Lauf zu lassen, lautete ihr Appell es angesichts der vielen Kinder vor Ort bei einem sachlichem Grundton zu belassen. Das Wort „Widerstand“ unterm Beifall des Publikums zu skandieren, wie es in der Vorwoche Falko Graf noch übernahm, derlei unterblieb dieses Mal.

Ohne Regeln mehr Opfer

Eignet sich die Omikron-Mutante des Virus als „Geschenk“ und Chance, um sich gewissermaßen via einer raschen Durchseuchung der Gesellschaft die Impfung zu ersparen? Solche Vorschläge verbreitete am Montagabend kurz nach Ende der SzG-Kundgebung der AfD-Kreistagsabgeordnete und Sonneberger Stadtrat Holger Winterstein auf seinen Facebook-Auftritt.

Von falschen Vorstellungen spricht diesbezüglich Mathias Nüchterlein. Der amtierende Leiter des Gesundheitsamtes im Landratsamt stellt klar, dass – „einerlei ob mutmaßlich leichter oder schwerer Verlauf“ – angesichts der absehbar mit Omikron einhergehenden explodierenden Fallzahlen es zu einer Vielzahl an Erkrankungen zeitgleich kommen wird. „Ohne Maßnahmen zum Ansteckungsschutz würde es in der Folge noch mehr Opfer geben, als wenn man Maßnahmen ergreift, darüber muss man sich im Klaren sein.“ Ein steigendes Risiko, wonach schwer Erkrankte in einem überlasteten Gesundheitssystem, das noch eigene Personalausfälle zu verkraften hat, nicht adäquat versorgt werden können, stehe schon angesichts der schieren Masse an Betroffenen zu erwarten. Entsprechend seien Anstrengungen gefordert weitere Infektionen zu verhindern. Und nicht Überlegungen, sich eine solche mutwillig einzufangen.

Ein erster Omikron-Fall war zu Wochenbeginn in Coburg festgestellt worden. Der Mann „jungen bis mittleren Alters, zweifach geimpft“, zeige nach Auskunft des Coburger Landratsamtes bislang keine besorgniserregenden Symptome.

Dass eine Corona-Ansteckung ein mitunter tödliches Risiko birgt, erwies sich in den vergangenen Tagen für weitere sechs Landkreisbürger. Im Zusammenhang mit einer bestätigten Infektion verstarben drei Sonneberger im Alter von 52, 81 und 78, außerdem zwei Neuhäuser im Alter von 60 und 84 sowie ein Betroffener aus Schalkau im Alter von 74 Jahren.