Projekte zum Jahrestag Der Schnitt, der Deutschland trennte

Das Ende der Welt signalisierte ab 1952 die abgeriegelte innerdeutsche Grenze. Nur Berlin blieb noch bis zum 13. August 1961 als Schlupfloch in den Westen. Foto: imago/ United Archives/Erich Andres

Vor 70 Jahren wurde die innerdeutsche Grenze abgeriegelt und in der DDR Menschen aus dem Grenzgebiet vertrieben. Ein Erzählsalon sammelt am Samstag Erinnerungen an den dramatischen Einschnitt. Ein neues Buch der Landeszentrale für politische Bildung beschreibt die Hintergründe.

Am 26. Mai jährte sich die Schließung der deutsch-deutschen Grenze zum 70. Mal: Die damals entstandenen kollektiven oder persönlichen Traumata wirken bis heute bei den Bewohnern nach. Viele von ihnen konnten mit den veränderten Lebensstrukturen und den neuen politischen Verhältnissen gut umgehen, andere hatten Schwierigkeiten. Etliche private und gesellschaftliche Probleme der massiven Umstellungen wurden tabuisiert oder sogar über Generationen weitergegeben.

„Um diese Erfahrungen bekunden und verarbeiten zu können, müssen sich die Menschen mitteilen – authentisch und gemeinschaftlich“, erklärt die Jenaer Biografie-Expertin Katrin Rohnstock (61), die mit dem von ihr entwickelten Veranstaltungsformat Erzählsalon bereits erfolgreiche Zeitzeugen-Erzählprojekte in Thüringen umsetzte. Auf das Wissen von Rohnstock und ihrem Team von Rohnstock Biografien bauen auch der Thüringer Geschichtsverbund und die Stiftung Naturschutz Thüringen.

In der Veranstaltungsreihe „Der Schnitt – Die Grenzabriegelung der DDR 1952“ bieten von Juni bis Oktober neben vielen weiteren Veranstaltungen acht Erzählsalons entlang des thüringischen Grünen Bands Anwohnern einen Raum zum Erzählen. Unter Leitung einer Rohnstock-“Salonnière“ geben die Menschen ihre Erfahrungen weiter. „Mit der Veranstaltungsreihe möchten wir erreichen, diese Zeit in Erinnerung zu rufen und sich darüber auszutauschen, regionale Identität zu stärken und Potenziale für die Zukunft zu ergründen“, so Denis Peisker, Geschäftsführer der Stiftung Naturschutz Thüringen.

Veranstaltung am 13. August

Nach den ersten drei Erzählsalons in Lindewerra, Eisfeld und Vacha folgt nun der vierte: am Samstag, 13. August, 15.30 Uhr im Blauen Salon des Technischen Denkmals Lehesten. Ihre Erinnerungen und Erfahrungen teilen unter anderen eine Ortschronistin aus Großgeschwenda und zwei Schieferbergmänner aus Lehesten. Wer ebenfalls erzählen oder nur zuhören will, ist eingeladen, teilzunehmen. Moderiert wird der Erzählsalon von Katrin Rohnstock.

Der Abschluss der Reihe „Der Schnitt“ findet am 9. und 10. November im Haus des Volkes in Probstzella statt. Das Programm dort umfasst neben einer Wanderung und der Besichtigung des Grenzbahnhofs auch Vorträge und eine Diskussionsrunde.

Neue Publikation

Unter dem Titel „Stacheldraht, Sperrzone, Zwangsaussiedlungen – Die Befestigung der DDR-Westgrenze 1952“ hat der Historiker Roman Grafe bei der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung ein Sonderheft über die Schließung der innerdeutschen Grenze veröffentlicht. Komprimiert auf 38 Seiten schildert er die nur noch wenig bekannten Ereignisse von 1952.

Bereits in seinem 400 Seiten umfassenden Buch „Die Grenze durch Deutschland“ hatte er die Geschichte der Deutschen Teilung exemplarisch in der Region um Ludwigsstadt und Probstzella aufgearbeitet. Auch das Heft der Landeszentrale, das in der Reihe „Quellen zur Geschichte Thüringens erscheint“, konzentriert sich auf diesen Abschnitt der thüringisch-fränkischen Grenze. Das Heft kann kostenfrei auf der Internetseite der Landeszentrale (www.lztthueringen.de/publikationen) bestellt werden.

Das Heft widmet sich der oft vergessenen ersten Phase der Grenzschließung, die ab dem 26. Mai 1952 harte Realität für hunderttausende Menschen in Ost und West entlang der 1400 Kilometer langen Grenze wurde.

70 Jahre nach der Befestigung der innerdeutschen Grenze durch die DDR sind ihre Spuren in der Landschaft nur noch vereinzelt offen erkennbar. Allerdings lässt die unübersehbare Waldschneise entlang des heutigen Grünen Bandes, einem inzwischen einmaligen Naturschutzgebiet, das Ausmaß erahnen, in dem Stacheldrahtzäune und Drahthindernisse einst das Bild der Landschaft und das Leben der Menschen prägten.

Auch entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze um Ludwigsstadt, Probstzella, Gräfenthal und Lehesten gibt es nur wenige Relikte aus dieser Zeit – wie den ehemaligen Grenzzaun bei Lehesten, der vor Kurzem von den Schülern der Karl-Oertel-Grundschule Lehesten wieder freigelegt wurde, oder den Grenzturm auf dem Hopfsberg als einer der wenigen noch existierenden Grenztürme.

Das Sonderheft der Landeszentrale für politische Bildung widmet sich den regionalen und überregionalen historischen Hintergründen einer Zeit, lange vor dem Bau der Berliner Mauer, in der die dramatischen Auswirkungen der Staatsgrenze für die betroffenen Menschen von der Einschränkung der Bewegungsfreiheit bis hin zur Zwangsumsiedlung spürbar wurden.

Hintergrund und Filmgeschichte

Die Region um Probstzella und Ludwigsstadt wurde in der Vergangenheit aufgrund ihrer Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze mehrfach als Dreh- und Spielort verschiedener Filme und Bücher gewählt, die sich mit dem Thema befassen.

Bereits im Jahr 1955 veröffentlichte der Düsseldorfer Regisseur Helmut Käutner das Filmdrama „Himmel ohne Sterne“, in dem er die Probleme der Menschen, die in der Nähe der geschlossenen Grenze lebten offen anspricht. In diesem Film, der im Jahr 1953 spielt und in Ludwigsstadt gedreht wurde, stellt der Drehort im Westen eigentlich den Grenzort Probstzella im Osten dar. Thematisiert wird eine Reihe von charakteristischen Konflikten der Anfangszeit der innerdeutschen Teilung.

Sonneberger Autor

In den Verfilmungen der Bücher „Klaras Mutter“ (1978) und „Eisenhans“ (1983) von Tankred Dorst wurde die Region um Ludwigsstadt und Kronach als Drehort gewählt. Der deutsche Dramatiker, der ursprünglich aus Oberlind im Landkreis Sonneberg stammte und 2017 in Berlin verstarb, arbeitete an der Verfilmung beider Dramen maßgeblich mit. Während „Klaras Mutter“ in den 1930er Jahren spielt, bewegt sich der Film „Eisenhans“ zwar in der DDR-Zeit, spricht die Konflikte, welche die innerdeutsche Grenze in der Lebensrealität der Menschen verursacht, allerdings nicht offen an.

Im 2019 erschienen Roman „Was uns erinnern lässt“ wählt die Schriftstellerin Kati Naumann die Region Sonneberg/Tettau/Gräfenthal/Spechtsbrunn, um in einer fiktiven Geschichte zu erläutern, was in der Zeit der innerdeutschen Trennung mit Gebäuden und Existenzen passierte, die ihren Standort im sogenannten Sperrgebiet hatten.

Wie im Drama „Himmel ohne Sterne“ spielt auch im 2021 erschienenen Film „3 ½ Stunden“ der Grenzübergang bei Ludwigsstadt/Probstzella eine entscheidende Rolle – allerdings in einem ganz anderen Licht. Der Film erzählt die Geschichte des Interzonenzuges D-151, der am 13. August 1961 – am Tag des Mauerbaus – von München über den Grenzübergang Ludwigsstadt/Probstzella Richtung Ost-Berlin fährt.

Vom Beginn der Abriegelung der ehemaligen Grenze durch die DDR 1952 bis heute stellt die Region einen exemplarischen Ort des Gedenkens an die Zeit der Teilung dar.

www.stiftung-naturschutz-thueringen.de/1952

www.geschichtsverbund-thueringen.de

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