Premiere in Weimar Ein Triumphzug der Einfälle

Joachim Lange
Camila Ribero-Souza Foto: / Welz/DNT

Am Deutsche Nationaltheater in Weimar legt Operndirektorin Andrea Moses mit „Aida“ los.

Wer die Arbeiten von Andrea Moses kennt, der weiß, dass bei dieser „Aida“ die Elefanten im Zoo und die Palmen im Botanischen Garten bleiben würden. Was Jan Pappelbaum auf die Drehbühne gesetzt hat, ist vom gerade eröffneten Humboldt-Forum in Berlin inspiriert. Also von jener Replik des alten Stadtschlosses der Hohenzollern, die bei der Suche nach ihrer Bestimmung als Ort der Völkerverständigung mitten in den Debatten über die Herkunft der Exponate gelandet ist, mit denen man die Offenheit für die Kulturen der Welt belegen will. Was so einfach nicht ist, weil dazu auch die Debatte über ihre Aneignung und in vielen Fällen die Forderungen nach Rückgabe gehören.

So ähnlich ist auch mit Giuseppe Verdis, 1871 in Kairo uraufgeführter „Aida“, die gleichsam mit imperialer Geste den Ägyptern ihre Identität „erklärte“. Doch Dank ihrer ungebrochenen Popularität steht sie unter Artenschutz. Und für den Rest gibt es was von klugen Regisseuren.

So wie jetzt in Weimar, wo Moses Epochen und Perspektiven verschränkt, um daraus packendes Musiktheater zu machen, das seine Bildersprache aus unserer Gegenwart bezieht. In ihrem Kunst-Schloss soll in illustrer Runde eine Ausstellung eröffnet werden. Hier gehört Aida zu den Putzfrauen. In Leuchtbuchstaben prangt als Titel der Schau „ZWEIFEL“. Was produktiv und doppelbödig ist. Schon, weil hier an allem zu zweifeln ist. Von der Provenienz der Exponate (eine Benin Bronze grüßt von einem Sockel), über den Raum ihrer Präsentation (das strittige Christenkreuz wird zusammengebaut und entschwindet Richtung Schlosskuppel), bis zur behaupteten Identität dessen, was Ägypten und Äthiopien, dominierende imperiale Macht oder Kolonie, was liberaler Pluralismus oder autoritärer Dogmatismus sein soll und wie das eine auf das andere wirkt. Bilder eines Terroranschlags stören die Vernissage. Mobilmachung ist die Folge - Radames wird zum Anführer des Gegenschlags bestimmt. Den Chor hat Jens Petereit für Bühne und Video bestens präpariert.

Die exaltierte Amneris überreicht ihm ihren Slip als Talisman und markiert damit ihren Anspruch auf den Mann. So nimmt auf der persönlichen Ebene der tödliche Ein-Mann-zwei-Frauen-Konflikt Fahrt auf. Bei Verdi ist die Verschränkung einer Liebesgeschichte mit der Haupt- und Staatsaktion das Salz in der Suppe und für eine so perfekt mit einer detaillierten Personenführung arbeitende Regisseurin wie Moses natürlich ein gefundenes Fressen. Sie erzählt besonders die beiden Frauen gleichsam zu Ende. Sie billigt der ohnehin selbstbewussten Aida eine Entschlossenheit zu, die sie zur Kämpferin werden lässt. Selbst schon verwundet, bringt sie auf auf dem Weg zu Radames den Wachmann um. Auch Amneris kommt nicht nur ins Zweifeln, auch sie kämpft aktiv für Radames bzw. die Reste von Recht und Freiheit, die es nach der Machtergreifung durch die radikalen Ideologen noch gibt. Am Ende sitzt sie mit der Benin-Bronze in dem Lastwagen, in dem schon die gefangenen Äthiopier ins Museum gekarrt worden waren. Den Erstickungstod im Schlepper-Laster als Todesursache für Aida und Radames verkneift sich die Inszenierung.

Beim Triumphmarsch gelingt ein Triumph des vieldeutigen Gesamtkunstwerks. Einerseits werden die Gefangenen wie zu einem Abendmahl an einer Tafel drapiert und zynisch als Tableau vivant zum Ausstellungsobjekt gemacht! Als Coup werden die für diese Produktion restaurierten „Aida“-Trompeten quasi der Vergangenheit entrissen und feuern ihren Klang so über die Rampe in den Saal, dass es unter die Haut geht.

Zum Triumphzug der Einfälle, der Personenregie, der Assoziationen und beständig angerissenen Wechselbezüge entfaltet sich ein Triumph der Stimmgewalt. Gegen die vor allem durchschlagende Wucht von Eduardo Aladréns (Radames), die sonore Gewalt von Avtandil Kaspeli (Ramphis) und die fanatische Prägnanz von Alik Abdukayumov (Amonasro) muss Dominik Beykirch eher die fabelhaft aufspielenden Musiker der Staatskapelle verteidigen, als umgekehrt. Camila Ribero-Souza riskiert als Aida auch mal eine bewusst eingesetzte Schärfe, besticht aber mit wunderbaren Piani. Eine echte Sensation ist Margarita Gritskova als Amneris. Prägnant mit dunkler Farbe und lodernder Höhe, aus dem Körper geschleudert Stimmgewalt. Sie ist der vokale i-Punkt auf einer „Aida“, die als Aufforderung zum Diskurs ebenso ihre Meriten hat, wie als sinnlich packendes Theaterereignis!

Nächte Vorstellungen: 04./27. November, www.nationaltheater-weimar.de

 

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