Piko-Tag Tausende Besucher im Modellbahnrausch

Madlen Pfeifer

Mit einem Jahr coronabedingter Verspätung bittet die Piko Spielwaren GmbH am Samstag, 18. Juni, zum Tag der offenen Tür. Der zwölften Auflage tut das keinen Abbruch. Wie eh und je pilgern Tausende Menschen nach Sonneberg, um in die Modellbahnwelt einzutauchen.

Ein paar Güterwagen, eine Lok, Personenwagen. Das und noch ein bisschen mehr ist die erste Ausbeute, die Familie Engel am Samstagmorgen in mehr als einem halben Dutzend weißen Plastiktüten mit der unübersehbaren roten Aufschrift „Piko“ in Sonneberg in den Händen hält. Sohn Markus schnauft. Schweißperlen glänzen in seinem Gesicht, als er sich vom Verkaufstresen, wo es Artikel zweiter Wahl vergünstigt zu erwerben gibt, durch die Masse an Leuten in eine halbwegs ruhige Ecke zu Mutter Ilona und Vater Thomas durchgekämpft hat. Kurz durchatmen, zurück zum Auto gehen, einladen „und dann wagen wir noch einen Versuch“, sagt der Modellbahnfan.

Familie Engel gehört am Samstag wohl mit zu den ersten Besuchern, die kurz vor 9 Uhr das Piko-Gelände in Oberlind stürmen – markiert mit einem leuchtend grünen Klebepunkt auf der Kleidung, als Zeichen für den Geimpft-, Genesen- oder Getestet-Nachweis. Gut eine Stunde bevor die Tore zum zwölften Tag der offenen Tür des Modellbahnherstellers und zugleich zu dessen 30. Jubiläum seit Kauf durch Geschäftsführer René F. Wilfer aufgehen, ist das Engelsche Dreiergespann bereits da. „Um 5 Uhr sind wir aufgestanden und um 6 Uhr losgefahren“, erzählt Markus. „Alle Jahre wieder“, sagt Mutter Ilona, komme man aus dem knapp 180 Kilometer entfernten Burgstädt in Sachsen nach Sonneberg, wenn Piko einlädt. Sie tatsächlich „nur“, um beim Tragen zu helfen. Sohn und Mann, „um sich mal wieder einzudecken“, so Markus. Es gehe ja immer mal was kaputt.

„Wie die Verrückten“

Nicht nur bei den Zweite-Wahl-Artikeln ist der Andrang riesig. Ein paar Meter weiter durchs Werk hindurch an der Station angekommen, wo Piko-Oldies verkauft werden, hat sich bereits wenige Minuten nach Tor-Öffnung eine meterlange Warteschlange gebildet. Im eigentlichen Verkaufsbereich spielen sich schon Szenen ab, bei denen jemand, der mit Modellbahnen nicht viel am Hut hat oder an jenem Tag das erste Mal zugegen ist, seinen Augen nicht recht trauen mag.„Die sind wie die Verrückten“, staunt auch Anke Brunn nicht schlecht. Seit acht Wochen gehört sie zu den 171 Beschäftigten am Sonneberger Standort des Modellbahnherstellers. Folglich ist es für sie eine Premiere in Sachen Tag der offenen Tür. Wie der für gewöhnlich abläuft, hat sie sich zwar vorab erzählen lassen, aber um es glauben zu können, sagt sie, „muss man es einfach gesehen haben“.

Für Piko-Mitarbeiter Chris Handtusch ist es ebenfalls das erste Mal. Sein Gesichtsausdruck verrät: Auch er ist verblüfft von diesem zum Teil ungezügelten Andrang. „Vorsicht bitte“, sagt er zu einem Mann, der gerade wahrlich im Modellbahntunnel zu sein scheint, nur die unzähligen Einzelteile von Schrauben über Motoren bis hin zu Gehäusen in den Kartons und Regalen sieht und versucht, das Beste für sich in seine gerade ergatterte rote Kiste zu packen. Er ist einer der Glücklichen, der eine große, die mehr Platz für den Piko-Einkauf bietet, abbekommen hat. „Wo sind denn die großen Roten“, fragt ein anderer Herr bei Mitarbeiter Handtusch nach. „Die sind alle schon unterwegs“, antwortet dieser.

Beim ersten Blick in die Besucher-Massen erfüllt sich die Vorstellung vom Klischee-Klientel der Modellbahnliebhaber männlich und 50 plus. Aber auch jüngere Herren sind dabei sowie so manche junge Dame. So fällt etwa beim Oldie-Verkauf zwischen den Kartons und den älteren Männern die 22-jährige Anna Feldmann auf. Sie hat das Hobby vermutlich vom Stiefvater „geerbt“ und teilt es nun mit ihrem Freund Michael. Alle drei sind zusammen mit Mutter Andrea und Hündin Trixie 3 Uhr nachts im Sauerland gestartet, um pünktlich in Sonneberg anzukommen. Seit 7 Uhr haben sie in der ersten Reihe vorm Piko-Werkstor gestanden. Sie sind das dritte oder vierte Mal da, wie Anna erzählt. „Einfach um zu schauen und sich ein bisschen inspirieren zu lassen.“ Mit Erfolg. Denn, „den ganzen Haufen da“, der sich um Mutter Andrea stapelt, haben sie schon ergattert.

Alte Hasen beim Tag der offenen Tür

Während in den vorderen Werksbereichen das typisch hektische Treiben zu erleben ist, geht es in der Produktion ruhiger zu. „Noch“, wie Marina Gruber aus Erfahrung weiß. Seit gut 30 Jahren arbeitet sie bei Piko. Auf 45 Jahre kommt ihre neben ihr sitzende Kollegin Dorothea Brückner. Jeden Tag der offenen Tür haben die beiden Damen bisher mitgemacht. Und nun auch den zwölften. Bei ihnen können Besucher einen Einblick in die sonst hinter den Kulissen ablaufende Arbeit erhalten. Sie setzen gerade die Piko-Lok BR01 zusammen. Dorothea kümmert sich um den Rahmen, Marina um das Gehäuse. Für beides braucht es – und das ist nicht zu übersehen – „eine ruhige Hand und gute Augen“.

All diese und noch weitaus mehr Eindrücke erhalten Besucher allein in der ersten Stunde nach Tor-Öffnung, bis Piko-Inhaber Wilfer den Tag ganz offiziell einläutet. Auch Sonnebergs wieder gewählter Bürgermeister Heiko Voigt spricht ein paar Worte und wünscht allen „interessante Einblicke in die Welt der Modellbahnproduktion“ sowie „ein paar unvergessliche Stunden in unsrer schönen Spielzeugstadt“. Eine, wie sich Vize-Landrat Jürgen Köpper anschließt, „deren glorreiche Epoche als einstige Weltspielwarenstadt“ an Tagen wie diesen wieder spürbar werde.

„Lassen Sie sich beeindrucken“, lautet die Empfehlung von Piko-Chef Wilfer an die erwarteten 10000 bis 15000 Gäste. Ein umfangreiches Programm wird ihnen auf dem Gelände jedenfalls an Dutzenden Stationen geboten. Nicht nur bei der Jagd nach Zweite-Wahl-Artikeln und Oldies oder beim Blick hinter die Produktionskulissen. Infostände und Infofilme gibt’s ebenso wie etwa einen Reparaturservice oder die Möglichkeit, sich ein Piko-Modell mit Foto bedrucken zu lassen. Auch an die kleinen Besucher ist mit einer Spielwiese inklusive Gartenbahnspielanlage, Hüpfburg und Malaktion gedacht.

Der nächste Tag der offenen Tür bei Piko, der für gewöhnlich, wenn Corona nicht gerade alles durcheinanderwirbelt, alle zwei Jahre ansteht, ist folglich für 2024 geplant. Dann, wenn das Sonneberger Traditionsunternehmen 75 Jahre alt wird.

Piko spendet 35000 Euro an Sonnebergs Ukraine-Hilfe

Einen Scheck in Höhe von 35000 Euro hat Piko-Geschäftsführer René F. Wilfer beim Tag der offenen Tür an Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt übergeben. Wie berichtet, hat das Unternehmen einen Benefiz-Wagen zur Ukraine-Hilfe aufgelegt. Verkaufsstart war am 27. Mai. Seither konnten über 1200 Exemplare zum Preis von je 30 Euro verkauft werden. Die letzte Möglichkeit, sich ein solches Modell zu bestellen – die Auslieferung ist für Oktober geplant – haben Interessierte am Samstag gehabt. Wilfer geht davon aus, dass dann die 1300 voll wird und somit abzüglich der ans Finanzamt abzuführenden Mehrwertsteuer der genannte Betrag zusammenkommt. Wenn nicht, legt Piko selbst den Rest obendrauf. Das Geld kommt den aus der Ukraine geflüchteten Menschen in der Kreisstadt zugute. „Wir haben uns überlegt“, so Bürgermeister Voigt, „mehrere altersgerechte ‚Willkommenspakete’ zu schnüren. Sie sollen möglichst nachhaltig sein und ein Stück zur Integration der Menschen in Sonneberg beitragen.“ Angefangen von einem Spielpaket für die ganz Kleinen, über ein Sprachpaket als Unterstützung beim Sprachelernen für Kinder und Jugendliche bis zu einem Heimatpaket, mit dem zweisprachige Stadtführungen angeboten werden, um den Familien die neue Umgebung zu zeigen.

 

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