Petition gegen Corona-„Spaziergänge“ „Unverständnis, Sorge und immer größerer Zorn“

hi

Eine Petition aus Meiningen wendet sich gegen die „Spaziergänger“, die in der Theaterstadt gegen die Corona-Politik protestieren. Rund 500 Menschen haben bislang unterschrieben, darunter Bürger­meister Fabian Giesder.

Immer montags demonstrieren Menschen in Meiningen gegen die Corona-Politik. Eine Unterschriftenpetition wendet sich jetzt gegen die „Spaziergänger“. Foto:  

Meiningen - Karsten Merkel (61) sitzt am Mittwochvormittag in seinem Büro vorm Computer und schaut auf die Liste mit den Namen der Unterzeichner. (Hier geht es zur Petition:) Fast 500 Menschen haben bislang die Petition „Meiningen für alle“ unterschrieben, die er zusammen mit Freunden auf den Weg gebracht und am vergangenen Freitag ins Internet gestellt hat. Sie lehnt sich an die „Bautzener Erklärung“ und den offenen Brief „Freiberg für alle“ an. „Ich hätte nicht geglaubt, dass wir so schnell so viele Unterschriften bekommen“, sagt der Architekt.

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Die Petition beginnt mit den Worten: „Mit Unverständnis, Sorge und immer größerem Zorn beobachten wir die montäglichen ,Corona-Spaziergänge’ durch Meiningen. Seit Monaten befinden wir uns in einer Pandemie und seit Kurzem spitzt sich die Situation zu wie nie zuvor ... Ausgerechnet in dieser Zeit gehen einige unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die Straße und tragen mit ihrer Haltung erst recht zur Verbreitung des Virus bei.“

Zu den Unterzeichnern der Meininger Petition gehören Bürgermeister Fabian Giesder, die SPD-Landtagsabgeordnete Janine Merz, der SPD-Kreistagsfraktionschef Rolf Baumann, die Pfarrerin und Krankenhaus-Seelsorgerin Bettina Schlauraff, etliche Medizinerinnen und Mediziner, darunter der Ärztliche Direktor des Helios-Klinikums Meiningen, Michael Hocke.

Am vergangenen Montagabend liefen etwa 600 Menschen durch Meiningen, um gegen die Corona-Politik zu protestieren. So viele wie noch nie. Auch an den Montagen zuvor waren Menschen auf den Beinen. Merkel erzählt, er habe seit Wochen immer wieder mit Freunden und Bekannten über Corona gesprochen. Die hohe Zahl an Erkrankten und Gestorbenen mache sie alle sehr betroffen. 493 Menschen sind laut Statistik seit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 allein im Landkreis Schmalkalden-Meiningen im Zusammenhang mit Corona verstorben. „Wir können das Virus nicht wegreden. Es ist da und beschäftigt uns“, betont er.

„Wir sind die Mitte“

Aus den Gesprächen im Freundes- und Bekanntenkreis sei die Idee entstanden, mit einer Petition auch jenen Meiningern eine Stimme zu geben, die anderer Meinung sind als die Corona-„Spaziergänger“, so Merkel. In ihrem Aufruf heißt es: „Wir wollen Verantwortung für unsere Stadt übernehmen, wir schließen uns zusammen, denn wir sind die Mitte dieser Gesellschaft. Die Corona-Protestler nutzen die Pandemie als Vorwand, um Krawall zu stiften, die Demokratie zu gefährden und die Gesellschaft zu spalten... Wir können es nicht zulassen, dass diese kleine, viel zu laute Gruppe noch lauter wird. Meiningen ist und soll auch fortan kein Platz der Coronaleugner sein.“

Stiften die Meininger „Spaziergänger“ Krawall? Gefährden sie die Demokratie? Bisher sind sie schweigend und friedlich durch die Stadt gelaufen. Karsten Merkel sagt, er habe sich noch keinen dieser „Spaziergänge“ angesehen. Und er sagt auch: „Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen und zu demonstrieren. Aber dabei sollten die Regeln eingehalten und eine Maske getragen werden, außerdem die Abstände gewahrt bleiben, damit sich das Virus nicht immer weiter verbreiten kann. Jeder sollte sich seiner persönlichen Verantwortung bewusst sein und auf den anderen achten.“

Der 61-Jährige erzählt von einem guten Freund in der Altstadt, ein Mann wie ein Baum, der gerade schwer an Corona erkrankt sei. Und von einer Meiningerin, deren Leben durch das Virus viel zu früh mit 52 Jahren jäh beendet wurde. Er berichtet von dem früheren Lehrer seiner Kinder am Gymnasium, der die Infektion mit Anfang 70 nicht überlebte. All diese traurigen Nachrichten gingen ihm sehr nahe. Und: Alle diese Menschen seien ungeimpft gewesen.

In der Petition ist zu lesen: „Wir sind fassungslos. Wir wollen es nicht weiter hinnehmen, dass die Protestler die Krise durch Egoismus befeuern. ...Wir tun es nicht gerne, aber wir tragen die temporären Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus aus Verantwortungsgefühl unseren Mitmenschen gegenüber mit und im Vertrauen darauf, dass die von der Wissenschaft empfohlenen und von der Politik beschlossenen Maßnahmen notwendig sind, um noch viel größeren Schaden abzuwenden. Ebenso vertrauen wir darauf, dass diese Maßnahmen von den zuständigen Politikern und Institutionen auch in der Region durchgesetzt werden und wie versprochen sofort wieder aufgehoben werden, sobald es gesundheitlich vertretbar ist.“

Vor 32 Jahren, im Herbst 1989, war Karsten Merkel auch auf die Straße gegangen. Damals protestierte er gegen die SED-Gängelei und Bevormundung, die Stasi-Bespitzelung, die Misswirtschaft im Staat, die Unmündigkeit der Bürger. „Die Demonstrationen kann man nicht vergleichen. Das war damals eine andere Situation, es ging um Grundsätzliches. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in dem es den Menschen gut geht. Auch wenn es Dinge gibt, die einem nicht gefallen“, sagt der Meininger. Er selbst finde nicht alle beschlossenen Corona-Maßnahmen gut. Aber: „Wer die Corona-Politik kritisiert, sollte Alternativvorschläge nennen, wie die Pandemie anders in den Griff zu bekommen ist.“

Die Petition endet mit den Sätzen:

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie die Freiheit des anderen begrenzt. Dieser Punkt ist längst erreicht. Das solidarische Miteinander ist der einzige Weg, möglichst schnell aus der Pandemie herauszukommen.“ hi