Pandemie Intensivpatienten in Sonneberg werden immer jünger

Ist es die Senke bevor sich der Tsunami auftürmt? Mit Blick auf die absehbar von der Omikron-Variante geprägte fünfte Corona-Welle geben Regiomed-Mediziner nicht viel auf die gegenwärtig leicht sinkenden Inzidenzen.

Die Aufnahme zeigt einen Patienten, der Anfang Dezember am Sonneberger Klinikum beim Atmen technisch unterstützt wird. Foto:  

Sonneberg/Hildburghausen/Coburg - Eine sich überlappende Welle von Erkrankungen an der Delta-Variante des Corona-Virus und eine sich zeitgleich massiv aufschaukelnde fünfte Welle, getrieben von Omikron – ein solches Szenario steht im Laufe des Januars zu befürchten. Auf einer Videokonferenz mit Pressevertretern am Mittwoch äußerten Mediziner aus dem südthüringisch-oberfränkischen Klinikverbund Regiomed einhellig ihre Sorge vor der Entwicklung in den kommenden Wochen. Der Leiter des Lungenzentrums und Pandemiebeauftragte am Coburger Klinikum Claus Steppke wurde mit Blick auf die zuletzt gesunkene Zahl an Neuaufnahmen von Corona-Patienten drastisch: „Wir schauen aufs Meer und wissen, die Senke geht dem Tsunami voraus.“ Kaum anders umriss Georg Breuer seine Einschätzung. Der Notfallmediziner und ärztliche Direktor am Coburger Klinikum ordnete die leicht rückläufige Entwicklung als Vorbote von Schlimmerem ein. Ein „gespanntes Abwarten“ präge die Stimmung auf den Stationen. Dies in einer Situation, in der nach knapp zwei Jahren Pandemiebekämpfung die Mitarbeiter längst an den Möglichkeiten ihrer psychischen und physischen Belastung angelangt sind. Und die Kapazitäten, um den Versorgungsauftrag gegenüber der Bevölkerung in den Kreisen Sonneberg, Hildburghausen, Lichtenfels und Coburg zu erfüllen, sich damit vorab einer Omikron-Welle „hart an der Grenzlinie“ bewegen.

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An den Beginn des Pressegesprächs hatte Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke den Überblick zur Belegung in den Akutkliniken gestellt. Als beispielhaft darf dabei der Trend in Sonneberg und Neuhaus am Rennweg gelten. Lag zu Beginn des Monats die Zahl der Menschen, die auf ärztliche Hilfe angewiesen waren um eine Covid 19-Erkrankung zu durchstehen, in der Spitze bei zeitgleich 85 Betroffenen in beiden Medinos-Häusern, so gab Schmidtke das Aufkommen – Stand Mittwochvormittag – mit 40 an. In der Folge habe eine Station in Sonneberg, die zuletzt allein für die Aufnahme von Corona-Patienten reserviert war, zwischenzeitlich wieder umgewandelt werden können.

Aufmerken ließ das mit 52 geringe Durchschnittsalter jener beiden Patienten, die aktuell auf der Intensivstation in Sonneberg liegen und der Prozedur einer künstlichen Beatmung unterworfen sind. Für Hildburghausen nannte Schmidtke 25 Corona-Patienten, zwei hiervon werden passiv beatmet. In der Summe aller Häuser im Verbund werden kurz vor Heiligabend 133 Corona-Infizierte betreut. Von den 15 Männern und Frauen hiervon, die intensivmedizinische Fürsorge benötigen, seien zwölf ungeimpft. Auf den Normalstationen halte sich derweil das Aufkommen von Geimpften und Ungeimpften die Waage, so Schmidtke.

200 Betten ohne Personal

Dass Corona das Geschehen in den Kliniken fest im Griff hat, untersetzte der Manager mit einem Hinweis auf die Vielzahl an planbaren Eingriffen, die vergangene Woche abgesagt werden mussten. Bis zu 30 Operationen seien in Coburg verschoben worden, dazu 95 in Sonneberg und Neuhaus.

Einmal mehr erneuerten Regiomed-Management und Ärzte ihren Appell, sich impfen zu lassen. Christoph Sommer vom Ethikrat des kommunalen Gesundheitskonzerns, führte dabei ein Mitarbeiterschreiben an, in welchem die Notwendigkeiten von Maskenpflicht, Abstand und Impfschutz betont werden. Die dringende Bitte an Skeptiker laute, ihre Position zum Ansteckungsschutz aus der Spritze zu überdenken. Man sei in der Verantwortung für die Versorgung der Menschen in der Region. Zudem müsse man sicherstellen, dass nicht nur Covid-Erkrankte, sondern ebenso Tumore oder Frakturen behandelt werden. Aufgrund von Personalausfällen und hohem Krankenstand von 200 Mitarbeitern sind in allen Häusern zurzeit 200 Betten gesperrt, hieß es.

Dass die allgemeine Forderung, die Ärmel hochzukrempeln, in der Belegschaft umstritten bleibt? Daran hat derweil auch die gesetzliche Impfpflicht für im Gesundheitswesen Beschäftigte nichts geändert, bekannte Schmidtke. Es wird viel gemunkelt und gemurrt auf den Fluren, äußerte er. Wie berichtet, müssen Mitarbeiter von Kliniken, Pflegeheimen, Arztpraxen und Rettungsdiensten bis 15. März ihrem Arbeitgeber einen Nachweis vorlegen über eine abgeschlossene Impfung, einen Genesenennachweis, oder ein ärztliches Attest, dass sie nicht geimpft werden können. Schmidtke sagte, ihn hätten zwischenzeitlich zwei Kündigungen von Medizinern erreicht, die deswegen ihr Arbeitsverhältnis beendet hätten. Ansonsten bleibe man als Arbeitgeber um Aufklärung bemüht, versuche Bedenken zu entkräften. Wobei Robert Koburg, Leiter des Hildburghäuser Klinikums, Skeptiker warnte ihre Entscheidung nicht über den Januar hinaus auf die lange Bank zu schieben. Angesichts der allgemeinen Knappheit an Wirkstoffdosen drohe man sonst die vom Gesetzgeber verfügte Frist zu reißen.

Ungeimpfte erwischt es

Deutliche Worte fanden die Ärzte zu Mutmaßungen, die Omikron-Variante böte etwaig die Chance über eine allgemeine Durchseuchung zur Herdenimmunität zu gelangen und in der Folge zum Ende der Pandemie. „Corona bleibt ein gefährliches Virus“, hieß es mehrfach. Daten aus Großbritannien und Dänemark würden zudem nahelegen, dass schwere Verläufe bei einer Ansteckung mit dieser Virus-Mutante keineswegs ausbleiben. „Die Impfung wirkt gegen Omikron“, unterstrich Lungenarzt Steppert. Geboosterte könnten damit rechnen, vor schweren Verläufen geschützt zu sein. Insgesamt stehe seiner Ansicht nach fürs Frühjahr zu erwarten, dass sich die meisten Ungeimpften das hochinfektiöse Omikron-Virus einfangen werden: „Fast alle werden bis März infiziert sein.“ Umso mehr müsse es der Anspruch sein, bei der Impfkampagne alle Register zu ziehen, ergänzte Koburg. Angesichts der vielen „Spaziergänger-Aktionen“ in Coburg, Sonneberg oder Hildburghausen in den vergangenen Wochen gelte es bis zuletzt alle Möglichkeiten auszureizen, die Menschen zu überzeugen. Wobei, so hieß es im Rahmen der Presse-Schalte, niemand der Skeptiker darauf bauen solle bereits im Frühjahr auf einen traditionell hergestellten anstatt der neuen mRNA-Wirkstoffe Zugriff nehmen zu können. Weder bei den Zulassungsverfahren noch bei der Massenherstellung stehe diese Option sicher zu erwarten. „Ungeschützt rauszugehen“, auf Abstand, Maske oder Impfung zu verzichten, das sei in diesen Tagen „eine Form von russischem Roulette“, spitzte Steppert seinen Warnruf zu.