Orgeln der Region Passion für Kirchenmusik und Bauprojekte

Eigentlich sollte sie das Orgelspiel nur aushilfsweise übernehmen, doch nun ist Friedhilde Schellenberger seit zehn Jahren Organistin in Neubrunn. Hier sitzt sie vor einem Stück von Johann Sebastian Bach. Foto: /Anna Hönig

Organistin seit 10 Jahren – Friedhilde Schellenberger

Neubrunn - „Ich komme gerade frisch von der Baustelle“, sagt Friedhilde Schellenberger, kurz nachdem sie die Dorfkirche betreten hat. Die 66-Jährige ist Organistin in Neubrunn und begleitet seit nunmehr zehn Jahren die Gottesdienste im Dorf. Die meiste Zeit sitzt Schellenberger aber im Büro statt an der Orgel oder ist eben auf Baustellen unterwegs. Denn sie ist Architektin. „Nach der Wende habe ich mein eigenes Büro gegründet“, erzählt sie. Architektur und Kirchenmusik – wie passt das zusammen?

Die Musik begleitet Friedhilde Schellenberger schon länger als die Architektur. „Ich hatte früh Klavierunterricht, da war ich wohl in der zweiten oder dritten Klasse“, erinnert sie sich. Den Unterricht nahm sie bei dem damaligen Kantor von Neubrunn, Karl Keßler. „Mein Vater war Maler und hatte gerade einen Auftrag bei Keßlers, irgendwie wurde sich dann darauf geeinigt, dass ich dort unterrichtet werde“, sagt Schellenberger. Von wem die Initiative damals ausging, weiß sie nicht, aber ihre Familie sei schon immer sehr musikalisch gewesen.

„Da musste es wohl zwangsläufig dazu kommen, dass ich auch ein Instrument spiele“, erzählt die Architektin und lächelt dabei. Kurze Zeit später verstarb Karl Keßler und Schellenberger wechselte nach Meiningen für ihren weiteren Unterricht. „Klavier und Orgelspiel wurden damals zusammen unterrichtet und man wurde darauf vorbereitet, auch tatsächlich bei Gottesdiensten spielen zu können“, erzählt sie. Somit saß Schellenberger schon bald selbst vor der Neubrunner Kirchenorgel, als sie Keßlers Nachfolger Georg Stertzing vertrat, als dieser für einige Zeit zur Armee ging. „Da habe ich dann ziemlich regelmäßig ausgeholfen“, erinnert sie sich. Als Stertzing allerdings zurückkehrte, widmete sich Schellenberger vornehmlich ihrer Arbeit als Architektin und ihrer Rolle als Mutter. „Ich habe dann bestimmt zwanzig Jahre lang nicht gespielt.“

Mittlerweile sind beide Kinder erwachsen: Der Sohn arbeitet ebenfalls als Architekt, hat allerdings auch eine enge Verbindung zur Musik. „Er spielt Waldhorn. Damals haben wir ihn lange nach Weimar zum Unterricht gefahren“, erzählt Schellenberger.

Ihr Sohn habe Architektur und Musik parallel studiert, sich aber letztendlich doch für ersteres entschieden. Ihre ältere Tochter habe vor kurzem eine eigene Arztpraxis eröffnet. Zwei Enkelkinder hat Friedhilde Schellenberger außerdem. Doch es gibt noch einen weiteren wichtigen Teil in ihrem Leben: Ihren Mann Martin Schellenberger. Seit vielen Jahren ist er Bürgermeister von Neubrunn und sehr engagiert in der Kommunalpolitik. „Da leidet man oft mit“, erzählt sie. Auch Friedhilde Schellenberger hat sich viele Jahrzehnte lang für die 500-Einwohner-Gemeinde engagiert.

Als Mitglied im Gemeindekirchenrat oder als Ideengeberin für die Dorfentwicklung war sie immer nah an der Gemeinschaft dran. „Ich wollte mit meinem Beruf auch etwas für das Dorf tun“, sagt sie. Viele Ideen für Projekte seien mit ihrem Mann am Frühstückstisch entstanden. „Ich habe in all den Jahren wirklich viel gemacht“. Doch verschiedene Ereignisse in der Vergangenheit haben bewirkt, dass sie sich nun aus diesem Engagement zurückzieht. „In letzter Zeit habe ich viele Enttäuschungen erlitten“, sagt die Architektin. Sie merke, dass der Rückhalt in der Dorfbevölkerung fehle und ziehe daraus ihre Konsequenzen. So ganz loslassen kann und wird Schellenberger aber trotzdem nicht. Zum einen durch das Amt ihres Mannes, zum anderen natürlich durch das Orgelspiel. 2011 verstarb der Organist Georg Stertzing und damit endete auch die musikalische Auszeit für Friedhilde Schellenberger. „Ich saß dann im Gottesdienst und es wurde a cappella gesungen. Da hat mir einfach was gefehlt.“ Kurzerhand wendete sie sich an den damaligen Pfarrer und bot an, als Aushilfe einzuspringen. „Ich wusste ja, dass ich es mal konnte. Ich musste es nur wieder hervorkramen“, erzählt die Organistin. Aus der musikalischen Aushilfe wurde ein Langzeit-Ehrenamt – unentgeltlich. Nun sind es bereits zehn Jahre, die Schellenberger wieder vor der Orgel in der Dorfkirche sitzt. „Ohne diese Aufgabe, wäre ich der Musik wohl nicht so treu geblieben“, erzählt sie und muss schmunzeln. Ob sie damals eine gute Klavierschülerin war, kann sie nicht beurteilen. „Aber mein Mann erzählt immer gerne eine Geschichte dazu“, setzt sie an.

Auch Martin Schellenberger war damals Musikschüler bei demselben Lehrer wie Friedhilde. Allerdings war er wohl weniger ambitioniert. „Herr Keßler muss wohl zu Martin gesagt haben ‚Schau mal was die kleine Schmidt schon alles spielen kann.‘ So erzählt er es immer“, berichtet Schellenberger. Schmidt war früher ihr Mädchenname.

Mittlerweile ist sie in den Chorälen und der Gottesdienstbegleitung routiniert. Die Herausforderung sei vor allem, sich zum Beispiel für den Ausgang aus der Kirche immer wieder etwas Neues zu überlegen. „Das Improvisieren konnte Stertzing wirklich gut, aber ich habe das in meinem Unterricht nicht so gelernt. Ich muss mir also vorab ein neues Stück suchen und das wirklich ein paar Mal üben.“, sagt Schellenberger. Für Hochzeiten und Trauergottesdienste hat sie eine Absprache mit dem Pfarrer, dass sich das Brautpaar oder die Angehörigen eventuell einen professionelleren Organisten suchen. „Ich habe auch schon die ein oder andere Hochzeit begleitet oder früher auch mal Trauergottesdienste, aber das ist schon etwas sehr Persönliches“. Deshalb überlasse sie diese Anlässe lieber erfahreneren Musikern.

Das Rentenalter hat Friedhilde Schellenberger eigentlich schon erreicht, aber das hindert sie weder am Orgelspiel noch an ihrer Arbeit als Architektin. „Ich könnte jederzeit meine Zulassung bei der Architektenkammer abgeben, aber ich habe noch ein paar Projekte.“ Große Sachen mache sie zwar nicht mehr, in den vergangenen Jahren habe sie aber doch noch so einigen Leuten versprochen, ihnen bei ihren Bauvorhaben zur Seite zu stehen. Daran möchte sie sich auch halten.

„Jetzt hat meine Tochter auch gefragt, ob ich ihr noch bei einem Bauprojekt helfen kann“, sagt Schellenberger. Das klingt noch nicht nach dem verdienten Ruhestand. Und auch der Orgel in Neubrunn möchte sie so lange treu bleiben, bis sie merke, dass sich die Leute nicht mehr darüber freuen. Und Musik kommt wohl niemals aus der Mode.

 

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