Ökumenischer Gottesdienst auf Point Alpha Zwei unterschiedliche Jahrestage

Zwei Gedenktage standen im Mittelpunkt des ökumenischen Gottesdienstes am 3. Oktober in der Gedenkstätte Point Alpha: die Wiedervereinigung 1990 und die Zwangsaussiedlungsaktion „Kornblume“ 1961.

Geisa/Rasdorf - Den gut besuchten Gottesdienst im Zelt vor der Fahrzeughalle gestalteten gemeinsam Regionalbischof Probst Tobias Schüfer (Meiningen), Dechant Markus Blümel (Dekanat Hünfeld-Geisa), Pater Binesh Mangalan (Dekanat Hünfeld-Geisa), Pfarrer Harald Krüger (Hohenroda) sowie Pfarrer Alfred Spekker (amtierender Superintendent im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Die musikalische Umrahmung übernahmen Rebecca Göb (Gesang) und Ulrich Göb (E-Orgel) aus Geisa.

„Der 3. Oktober – die meisten von uns verbinden damit Dankbarkeit und Freude – ist etwas Besonderes“, sagte Tobias Schüfer in seiner Predigt. Im Sperrgebiet sei die Freude besonders groß gewesen, weil dort zwei Zäune abgebaut wurden und man nun Besuch aus Ost und West bekommen konnte. Für jeden gebe es meistens auch einen persönlichen Grund zur Freude. „Für uns ist das ein besonderer Feiertag. Meine damalige Freundin habe ich 1987 kennengelernt. Die Stasi beobachtete uns, weil sie aus dem Westen kam“, erzählte der Probst. „Wir sind noch da und lieben uns noch immer, aber die Stasileute sind nicht mehr da“, sagte er.

War der Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ein Grund zur Freude, bedeutete dieses Datum 29 Jahre zuvor für viele Menschen im Sperrgebiet Willkür, Leid und Schrecken. Bei der Zwangsaussiedlungsaktion „Kornblume“ am 3. Oktober 1961 wurden insgesamt rund 5000 Menschen aus dem Grenzgebiet gegen ihren Willen ins Landesinnere umgesiedelt.

Die aus Geisa stammende Marie-Luise Tröbs (geborene Wagner) erlebte als Kind die Zwangsumsiedlung ihrer Familie. Heute ist sie Präsidentin des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten. Beim Gottesdienst am Sonntag las sie das Evangelium und trat als Teil der Predigt in Dialog mit Probst Schüfer. „Es war ein Dienstag, ich bin nicht gleich zur Schule, sondern erst in die Kirche – wir Kinder gingen vor der Schule in den Früh-Kindergottesdienst“, erinnerte sie sich. Nach der Schule lief sie nach Hause, erschrak über die Lastwagen, die in der Schulstraße in Geisa standen. Sie betrat das Elternhaus und verlor plötzlich ihre kindliche Unbeschwertheit, als sie dort die vielen fremden Leute sah, die meisten von ihnen waren bewaffnet. „Das Gesicht meiner Mutter voller Kummer und Schmerz werde ich nie vergessen“, so Marie-Luise Tröbs. Eindrucksvoll berichtete sie vom Schicksal ihrer Familie. Auf der Straße seien viele Geisaer gewesen. Der eine oder andere weinte, aber es habe Schweigen geherrscht. „Ich hatte mir damals gewünscht, dass man uns half, jemand etwas sagte. Das schweigende Zusehen war für mich wie eine Zustimmung zur Maßnahme ... Ich habe mich von der Welt verlassen gefühlt, seitdem ist Angst in mir eingekehrt“, sagte die Zeitzeugin.

„Unfassbar, was damals in jeder einzelnen Familie passiert ist in jedem Ort im Sperrgebiet. Es war die böse Absicht, Angst zu verbreiten, die sich über Jahrzehnte festgesetzt hat“, erklärte Tobias Schüfer. Anhand der Seligpreisungen aus der Bergpredigt (Matthäus 5, 1-10) mahnte er, Unrecht anzusprechen und nicht zu schweigen. Vieles, was Jesus in den Seligpreisungen sagt, sei provokativ und widerspreche der Logik der Welt. „Hoffnung ist in der Welt immer Illusion. Gibt es keine Gerechtigkeit, wird es auch in Zukunft keine geben, so will uns die Logik der Welt einreden. Jesus hält dem entgegen und kehrt die Verhältnisse um. Er nimmt die Benachteiligten nicht nur in Blick, sondern seine Sicht geht grundsätzlich von ihnen aus“, erklärte Schüfer. Die von Jesus gepredigte Hoffnung auf Gottes Herrschaft, eine neue Erde, in der Gerechtigkeit wohnt, habe Auswirkungen auf unsere Gegenwart und deren Gestaltung. „Wir sehen Gottes Gerechtigkeit und sehen in seinem Licht die Ungerechtigkeit dieser Welt. Trauen wir uns, das Unrecht zu benennen“, warb der Probst.

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