Neuer „Botschafter“ des Freistaats im Gespräch Zwerg erobert die Thüringer Staatskanzlei

Zwerg Wilhelm, rechts in Rohform, soll Einzug in Thüringens Staatskanzlei halten. Unternehmerin Helma Ortmann (rechts) stellte einer nicht abgeneigten Thüringer Kulturstaatssekretärin, Tina Beer, den Wilhelm aus Ton und Geheimzutaten in Gräfenrodas Zwergenwerkstatt vor. Foto: Klämt

Nach Unternehmerwechsel viele Ideen/Auch Zwergen-Museum soll neu aufleben

Gräfenroda - Teils verhöhnt, verlacht oder gar tot geglaubt; der oft als Kitsch gar, bereits auch gehasste Gartenzwerg bekommt gerade neues Leben eingehaucht, ja er könnte über die bezipfelte Kultfigur hinaus gar zum Kulturträger der Region in Mittelthüringen werden. Denn er hat „das Zeug zum Botschafter Thüringens“, sagte diese Woche Juliane Stück­rad und sieht dies nicht etwa in den roten Mützen der zerbrechlichen Figuren begründet oder in preislich auch schon hoch gehandelten Einzelstücken, sondern vielmehr im bodenständigen Hintergrund ihrer Herstellung.

Die Verfahren um die Keramikproduktion und künstlerische Bemalung sieht sie als bewahrenswerte Handwerkskunst und bislang als in Thüringen zu wenig dokumentiert und hervorgehoben. Genau da setzt Stückrad, die sich als empirische Kulturwissenschaftlerin in ihrer Dissertation mit der Genese bürgerlicher Familienfeste in Jena und Weimar um 1800 beschäftigte, zu deren Forschungsschwerpunkten aber auch der Unmut in der Kultur gehört, an. Sie holte die Thüringer Kulturstaatssekretärin Tina Beer mit in die Zwergenmanufaktur Gräfenroda, wo beide am Donnerstag auf eine zukunftsgeladene, vor Ideen sprudelnde Neuunternehmerin Helma Ortmann trafen, die erst vor wenigen Monaten aus den Händen von Vorbesitzer Reinhard Griebel den Betrieb und damit quasi den Vorgarten der Zwergenwelt schlechthin übernahm. Gräfenroda gilt als Ursprung der stummen Gesellen, die vorwiegend männliche Charaktere verkörpern. An ihrer Geburtsstätte, zwischen Gießformen und bunten Farben, trafen nun drei Frauen aufeinander, die sich in der Sache auf Anhieb verstanden und der Miniatur-Männerwelt zu neuem Glanz verhelfen wollen. Und der soll nun auf verschiedenen Wegen im Zwergenland angegangen werden, allein der Unternehmerin schweben ein gutes Dutzend Ideen dazu vor. Neu für sie war dabei die Erhebung ins Kulturerbe.

2013 war die Bundesrepublik der UNESCO-Konvention für immaterielles Kulturerbe beigetreten, die auf breiter Ebene über Generationen weitergereichte menschliche Ausdrucksformen an Kultur bewahren und dokumentieren möchte. 120 Staaten schlossen sich diesem völkerrechtlich verbindlichen Übereinkommen bereits an, heißt es beim Freistaat dazu. Mit Stand April seien 549 kulturelle Ausdrucksformen aus allen Weltregionen bei der UNESCO verzeichnet. Vier davon habe Thüringen bisher beigesteuert, zählte Stückrad, die im Namen der Volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen die Thematik betreut, das Lauschaer Glas, das Altenburger Skatblatt, die Palmsonntagsprozession Heiligenstadts und den Eisenacher Sommergewinn auf. Vier aber seien „ein bisschen wenig für Thüringen“, bringt sie nun auch den Gartenzwerg aus Gräfenroda ins Gespräch, der Eingang in das Bundesverzeichnis finden soll. Bis 30. November läuft das inzwischen 5. Auswahlverfahren.

„Ich nehme den Gartenzwerg sehr ernst, denn er trägt Leichtigkeit und Fröhlichkeit in sich“, sagte sie beim Treffen mit der Unternehmerin und der Staatssekretärin am Donnerstag in Gräfenroda, vor allem aber, „weil er eine historisch traditionelle Handwerkstechnik verkörpert“. Dazu spanne sich längst ein weltweites Netzwerk um ihn, habe er Freunde auf vielen Kontinenten.

Letzteres bestätigte Unternehmerin Ortmann aus den ersten Geschäftserfahrungen. Die Medien hätten den Wechsel in der Zwergenmanufaktur bundesweit begleitet, das Thema sei durch Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen gelaufen und habe dafür gesorgt, „dass die Produktion kaum noch nachkommt“, sagte sie. Ihr Mann, der noch die letzten Aufträge im Messebau abschließt, den sie beide zuletzt als ihr Berufsfeld betrieben, werde sie aber in Kürze mit voller Kraft unterstützen. Dabei strömen die Ideen aus der Frau heraus, wie der flüssige Ton aus den abzugießenden Zwergenformen.

Ihr Mann habe mit Entscheid, das Unternehmen zu übernehmen, gleich die Idee gehabt, alles breiter aufzustellen. Zwergenproduktion ohne ein Plus drumherum funktioniere nicht. So war recht schnell klar, Produktion und Verkauf funktionierten nur mit erlebbarer Manufaktur, Museum und weiteren Angeboten. „Wir brauchen mehr Kultur hier, die Menschen wünschen es sich“, berichtete sie aus Gesprächen und freute sich, dass zwei junge Frauen aus Regierungskreisen den Weg zu ihr gefunden haben, „denn eine Generation ist ja komplett weg hier, im Prinzip ihre. Die Alten sind sehr verbittert darüber, wie das alles gelaufen ist. Wir möchten die Menschen wieder abholen und mitnehmen, zu Veranstaltungen, Kultur, Begegnung, vor allem die jetzige Jugend lechzt danach!“

Personell ist der kleine Handwerksbetrieb inzwischen bestens aufgestellt, nicht einmal Nachwuchsprobleme gibt es mehr. Porzellanmalerin Veronika, „unser i-Tüpfelchen“, wie Ortmann sagt, lernt inzwischen einen Quereinsteiger für diese Kunst an, ansonsten machen viele im Unternehmen viel Verschiedenes.

Ein Volkshochschulkurs im Winter ist geplant. Der Verkaufsladen wurde schon modernisiert und im Sommer eröffnet. Leider habe mit Übernahme nun genau Corona übel hineingespielt, doch inzwischen werde der Hof sehr gut angenommen. „Schweizer sind mit Paketen von Zwergen hier raus“, schildert Ortmann. Exportiert werde aber auch nach Amerika, Frankreich oder Schweden. Alle zwei Wochen gehe eine Exportsendung ab.

Das kleine Museum soll neu aufgestellt werden. Dabei denkt Ortmann auch an eine museumspädagogische Begleitung, vor allem für Kinder soll es Angebote geben, sich selbst auszuprobieren. Und die Produktion soll als eine „Gläserne Manufaktur“ eingerichtet werden, erste Führungen habe es inzwischen gegeben.

Mit feinster Kosmetik bei den Zwergen wurde bereits ein kleines Wunder ausgelöst: Ein Ladenhüter aus der Zwergenwelt sei in kurzer Zeit zum Verkaufsschlager geworden, der Zwerg mit Pfeife. Allein eine Farbänderung und Hervorhebung des Faltenwurfs der Kleidung bescherten diesen Aufschwung. Viel Eigenkapital steckte die Unternehmerin in das Anwesen von 1630 und weiß, dass noch viel zu tun bleibt bis zur Schaufabrik. Auch das Zwergenmuseum mit kleinen Landschaften um Modellbahn, Höhlen oder Märchen steht vor Erneuerung, dann sollen auch die Kristallfunde im Bergwerk der Zwerge richtig funkeln.

Für das Museum will die Kulturstaatssekretärin, die beim Besuch streckenweise als Praktikantin beim Gießen und Entgraten der Zwerge eine gute Figur machte, nach Fördermöglichkeiten Ausschau halten, um das jetzige Niveau Heimatstube aufzustocken. Dass der Hof als zentrale Anlage erhalten werden müsse, drückte sie auch wörtlich so aus. Einen Vorstoß der Chefin der Gartenzwerge in Gräfenroda nahm Staatssekretärin Beer mit nach Erfurt. Sie will nun dort ansprechen, dass Zwerg Wilhelm – mit 70 Zentimetern Standhöhe ein ausgewachsener Repräsentant Thüringer Zwergenkultur – einen ansehnlichen Platz in der Staatskanzlei findet. Sie könne sich das gut vorstellen, so Beer. Stückrad wiederum will den Zwerg mit einer Dokumentation ausstatten. „Ich werde fragen, ob Wilhelm in die Staatskanzlei kommen darf“, so Beer.

 

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