Neue Ausstellung Wie die Glanzzeiten des Theaters begannen

red
Das Herzogliche Hoftheater Meiningen. Es wurde 131 errichtet und brannte 1908 ab. Ein Jahr später konnte der Neubau an gleicher Stelle eröffnet werden. Foto:  

Mit der Regentschaft von Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen 1866 begannen die Glanzzeiten des Meininger Hoftheaters. Eine Sonderausstellung widmet sich den frühen Jahren.

Meiningen - Die ab morgigen Donnerstag zugängliche Sonderausstellung der Meininger Museen, kuratiert von Volker Kern und Florian Beck, widmet sich einem bisher noch nicht näher betrachteten Komplex der Meininger Theatergeschichte: den Jahren 1866 bis 1871. In dieser Formierungsphase des Hoftheaters, zeitlich von den historisch markanten Ereignissen der Reichseinigungskriege 1866 und 1871 umrissen, wird vieles von dem erprobt und vorgezeichnet, was dann ab 1874, mit Beginn der Gastspielreisezeit, in die deutsche und europäische Theatergeschichte eingehen sollte.

Die Ausstellung spannt den Bogen über lokale Ereignisse zur Stadtentwicklung in jenen Jahren hin zu Ereignissen von weltweitem Format und setzt somit den regionalhistorischen wie auch globalgeschichtlichen Rahmen zur näheren Beschreibung der Ereignisse um das Phänomen „Meininger Hoftheater“.

Erst durch die erzwungene Abdankung Bernhards II. konnte am Meininger Hoftheater eine Kultur entstehen, die den Ruf Meiningens in der Welt des Theaters etablieren sollte. Sein Nachfolger, Herzog Georg II., konnte und wollte sich mit der Rolle eines Mäzens nicht begnügen. Es begann die vielleicht aufregendste Zeit am Meininger Hoftheater, geprägt von einer künstlerischen Aufbruchsstimmung bei gleichzeitiger Konzentration auf das Schauspiel.

Als erstes richtungsweisendes Ereignis muss der 4. November 1866 gelten. Dies war der Tag, an dem mit der „Hamlet“-Vorstellung die „künstlerische Regierungserklärung“ Georgs II. über die Bühne des Hoftheaters ging. Von nun an, so der Wunsch des De-facto-Intendanten des Hoftheaters, sollten „avantgardistisch“ gestimmte Theaterleute für aufsehenerregendes Theater in der kleinen Provinzstadt sorgen, sollte die theaterbegeisterte Welt nach Meiningen blicken und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Die Ausstellung widmet sich in ihrem ersten Teil dem Repertoire des Hoftheaters in jenen Jahren. Dramen aus der Feder verschiedenster Autoren standen auf dem Spielplan. Der Fixpunkt war schnell gefunden. Georg II. ließ sein Haus zur deutschen Shakespeare-Bühne proklamieren. Schnell kommen weitere Werkgruppen auf den Prüfstand. Antike Stoffe werden erprobt, um schlussendlich verworfen zu werden. Glücklicher verläuft die Befragung der nordischen Dramatik auf Tauglichkeit. Die Versuche mit zeitgenössischen deutschen Autoren bleiben sporadisch, werden aber nie aufgegeben. Schließlich werden den Shakespeare-Inszenierungen groß angelegte, erfolgversprechende Schiller-, Kleist- und Molière-Linien an die Seite gestellt.

Es ist das Grundgerüst des klassischen Gastspielreise-Repertoires, das in jener Phase entsteht. Welche Bezüge lassen sich zwischen der Vorgastspielreise-Ära und der Gastspielreise-Ära herstellen? Was wurde außerhalb des heute gültigen Kanons gespielt? Wie war es um die Rezeption der damals bekannten, heute vergessenen Autoren bestellt?

In ihrem zweiten Teil stellt die Ausstellung die Akteure vor, ohne die es die berühmt gewordenen „Meininger“ nie gegeben hätte: die Schauspieler. Künstler, die später, wenigstens zeitweise, die Führungsriege des Hoftheaters bilden sollten, waren entweder schon am Haus (Carl Grabowsky, der erfahrene Direktor und Regisseur ist da zu nennen) oder werden in den Jahren bis 1869 neu engagiert. Jeder, der sich für die hiesige Theatergeschichte interessiert, kennt die Namen. Friedrich Bodenstedt, der in Intellektuellenkreisen gut vernetzte Dichter und Shakespeare-Übersetzer, soll für Muster­inszenierungen des britischen Weltdramatikers sorgen. Der „Theaterherzog“ kannte ihn spätestens seit der Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft im Jahre 1864. Geadelt und ad hoc mit Intendantenbefugnissen ausgestattet, stellt sich dessen Verpflichtung nach nur zwei Jahren als großes Missverständnis heraus.

Von Ludwig Chronegk war zunächst nicht zu erwarten, dass er mehr sein würde als der agile Charakterkomiker im heiteren Fach. Als Großstadtkind wollte er eigentlich so schnell wie möglich die ihn ein­engenden kleinbürgerlichen Verhältnisse verlassen. Er erwarb sich jedoch das Vertrauen des Herzogs und stieg in kontinuierlichen Schritten die Karriereleiter empor.

Mit Josef Weilenbeck hatte man einen genialen, feinsinnigen Darsteller verpflichtet, dessen stilbildenden Einfluss auf das Ensemble man nicht unterschätzen darf. Dass er durch seine zunehmende Erblindung zur tragischen Figur im Ensemble wird, gehört auch zu diesen Jahren.

Schließlich Ellen Franz, eine hochgebildete, hochbegabte junge Frau, der weibliche Star der Truppe, die fortan ihren Hauptrollen einen neuen Glanz verleiht. Ihr weiterer Weg als Gattin und kongeniale Partnerin des Herzogs in allen Theaterfragen deutet sich in diesen Jahren bereits an.

Soweit die Etablierten. Aber was ist mit den vielen talentierten Schauspielern, oftmals Anfänger, die in dieser Zeit den Weg nach Meiningen finden, was mit denen, die im technischen Background agierten? Wer kennt den langjährigen Hof- und Theaterfriseur Adolf Kunst, der so gut „Bärte konnte“? Was ist mit Hermann Jaritz, der nur zwei Spielzeiten blieb, später vergeblich ein Reengagement anstrebte, es aber bis zum Intendanten des Stadttheaters Hanau brachte?

Was ist mit den „Fräulein“ Bissinger, Schmidt oder Delia, den Herren Busse, Menzel oder Jantsch? Viele von ihnen haben kaum oder nur geringe Spuren hinterlassen. Und doch wäre ohne sie die Entwicklung des Meininger Theaterstils nicht möglich gewesen. Andere haben eine respektable Karriere gemacht und das in Meiningen Gelernte an den Theatern Deutschlands verbreitet.

Es sind die Jahre, in denen, gespeist aus vielerlei Anregungen und eigenen Neuerungen, eine neue Theaterästhetik erprobt wurde, die nur wenige Jahre später das Publikum der europäischen Metropolen – von London bis Odessa, von Stockholm bis Triest – verzaubert hat.

 Kurator Florian Beck erwartet die Besucher am kommenden Sonntag um 11 Uhr zu einer Führung durch die Ausstellung in der oberen Galerie von Schloss Elisabethenburg. Weitere Führungen am 21. November, 12. Dezember, 16. Januar, 20. Februar und 27. März.

 

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