Nahversorgungs-Probleme Heimkehrerin bietet Hilfe und Selbsthilfe

Katrin Schwanz, eine Heimkehrerin in die Rhön, will älteren Menschen helfen, sich ihre Einkäufe mit allem, was man zur Grundversorgung braucht, selbst zu organisieren. Hintergrund ist: Der Dorfladen in Kaltenwestheim schließt leider in Kürze die Türen.

Katrin Schwanz (42) macht gerade einen längeren Erholungsurlaub in der Rhön und will dabei etwas Nützliches tun. Sie bietet Einkaufshilfe an. Foto:  

Kaltenwestheim - Eine beliebte Einkaufssstätte, Herold Wucherts „Mein Markt“, bleibt ab 1. Dezember geschlossen – für viele Kaltenwestheimer und Mittelsdorfer, aber auch Käufer aus anderen umliegenden Orten ein schwerer Verlust. Insbesondere für die älteren Rhöner wird es nun schwieriger – im eigenen Dorf und gar noch fußläufig gibt es für die Kaltenwestheimer dann kein „Konsum-Angebot“ mehr.

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Obendrein „geht ein wichtiger sozialer Treffpunk im Ort“ verloren, bedauert auch der Bürgermeister von Kaltennordheim, Erik Thürmer. Doch bei ihm im Rathaus hat sich in der vergangenen Woche eine junge Frau gemeldet, die „aufgrund dieser Problemstellung gerne etwas tun möchte“. Gemeinsam habe man „eine Stunde Brainstorming gemacht und gemeinsam Ideen weiterentwickelt“, so Thürmer.

Dass die älteren Mitbürger die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfes nun neu organisieren müssen, sieht Katrin Schwanz als eine ziemliche Herausforderung an. Sie hat sich „Gedanken über diese aktuelle Situation gemacht und möchte dort helfen, wo Hilfe benötigt wird.“ Vom 1. Dezember bis zum 28. Februar 2022 bietet sie darum zunächst einen ehrenamtlichen Einkaufsservice für Kaltenwestheim und Mittelsdorf an. Einkaufswünsche kann man ihr mitteilen und sie bringt die Waren dann montags und/oder donnerstags am Nachmittag ins Haus.

Doch dies ist nicht alles: Die 42-jährige Lehrerin für Deutsch und evangelische Religion weiß, dass es wichtig ist, dass Senioren sich für die künftige Versorgung den Einkauf eigenständig organisieren können. Da immer mehr Lebensmittelmärkte auch in Kaltennordheim die Auslieferung von bestellen Einkäufen anbieten, wäre dies eine Option. Doch wie kann man bestellen? Leider nur auf elektronischem Weg über Internet oder Apps. „Genau das ist für unsere älteren Mitbürger nicht immer einfach. Nicht jeder hat schon mit digitalen Angeboten gearbeitet“, sagt Erik Thürmer. Wenn man das Ganze aber am Handy oder Tablet installiert und in Ruhe erklärt, könnten auch die Senioren sicher im Internet über Apps bestellen, ist er überzeugt.

Katrin Schwanz bietet daher neben dem Bringen der Einkäufe an, bis Ende Februar beim Umgang mit dem Internet zu unterstützen. Sie führt mit Interessierten die Anmeldung bei den gewünschten Apps durch und steht ihnen bei ersten Bestellungen mit Rat und Tat zur Seite. „Wenn es dann einmal geklappt hat, werden Sie Ihre Einkäufe künftig selbstständig organisieren können. Tun Sie sich aber dazu auch gerne mit Nachbarn und Freunden zusammen, bestellen Sie gemeinsam, um den sozialen Kontakt auch beim Online-Einkauf zu pflegen“, wirbt der Bürgermeister.

Wie aber kam Katrin Schwanz überhaupt auf die Idee – und wer ist die Frau? 26 Jahre lang lebte sie nicht in Kaltenwestheim, freilich steht ihr Elternhaus in der unmittelbaren Nachbarschaft von Wucherts Laden: „Das war immer nur ein Katzensprung“, erzählt sie.

„Ach ja, und der Laden fehlt ja jetzt bald für immer – und nicht nur mir“, dachte sich die Frau, die in den vergangenen acht Jahren in Schloss Hohenwehrda im Unteren Haunetal an der Hermann-Lietz-Schule als Internatslehrerin mit Schülern aus aller Welt gearbeitet hatte und wegen der schwierigen Corona-Jahre nun nach eigenem Bekunden eine Pause brauchte. Sie hat dort gekündigt, orientiert sich gerade neu, möchte dann am liebsten nach Tel Aviv und dort in einer deutschen Schule oder Ähnlichem arbeiten. „Ob das klappt, weiß ich noch nicht. Jetzt brauche ich erst mal eine Pause in der ehemaligen Heimat, mit viel Natur und Ruhe“, sagt sie. Die Arbeit als „Familienmutter“ für die Internatsschüler – sie war Kümmerer für bis zu 13 Schülerinnen – habe sie ganz schön in Anspruch genommen.

Nun ist sie meist am Weidberg-Camping anzutreffen, in der Abgeschiedenheit und „als Naturcamper“, sagt die Lehrerin, die in Marburg und Darmstadt studiert und gearbeitet hat. Aber auch in Kolumbien, Peru und weiteren Ländern wie Israel hat die Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache schon gelebt.

„Vielleicht kann ich in meiner Erholungsphase ja der Gemeinde etwas zurückgeben?“, so beschreibt sie ihre Motivation, sich jetzt dem Rhöner Einkaufs-Projekt zu stellen. Als Familienmutter habe sie immer auch eine Fürsorge- und Vorbildfunktion gehabt. Als „sehr hilfsbereit“ würde sie sich bezeichnen. Und sie findet es gut, wenn man selbst auch zum Vorbild für die gemeinnützige Tätigkeit anderer wird. „In Köln gibt es ein Projekt, das mich sehr begeistert hat, es heißt Kind of beauty“, erzählt sie. Es lebt durch die Mitwirkung verschiedener Menschen. Ideen weitertragen, damit zugleich das Tun weitertragen und andere in Projekte mit einbinden – das, findet Katrin Schwanz, ist eine tolle Sache.

Die Aufnahme ihrer Idee seitens der Stadt Kaltennordheim hat sie übrigens sehr begeistert, auch wenn sie deutlich sagt: „Ich mache das in einer Übergangsphase, danach sollen sich die Menschen selbst helfen können.“ Bürgermeister Thürmer habe sogar schon Gedanken entwickelt, wie man zum einen nachhaltige andere Lösungen für die Grundversorgung findet und zum anderen, wie die Stadt die elektronische Bestellung auch mit Hardware unterstützen könne, erzählt sie.

Denn klar ist: Zum Bestellen und für die Apps braucht man ein internetfähiges Handy, ein Smartphone – noch besser ein Tablet oder einen PC, weil darauf für Senioren natürlich alles größer und damit besser zu lesen ist. Der aktuelle Stand des Projektes: Derzeit prüft Katrin Schwanz gerade, welche Einkaufsmärkte der Region denn einen Bestell- und Lieferservice anbieten. „Und dann berate ich die Interessenten völlig markenoffen“, betont sie.