Freies Wort hilft Nach der Flutwelle: Einfach ist nichts mehr

, aktualisiert am 02.08.2021 - 10:53 Uhr
Die Kaffeemaschine konnten sie noch retten: Familie Bleß, Moritz, Holger, Kirsten und Benjamin (von links), stehen in ihrem Haus, das von der Flut betroffen war. Entlang der Ahr in Rheinland-Pfalz haben durch die jüngste Hochwasserkatastrophe ungezählte Menschen alles verloren – so auch im kleinen Bad Bodendorf (Stadtteil von Sinzig im Landkreis Ahrweiler). Foto: Michael Reichel

Entlang der Ahr in Rheinland-Pfalz haben durch die jüngste Hochwasserkatastrophe ungezählte Menschen alles verloren – so auch im kleinen Bad Bodendorf, über dem an manchen Stellen noch immer der Geruch der Verwesung liegt. Ein Ortsbesuch.

Bad Bodendorf - In der größten Rotweinregion Deutschlands, als das Wasser kommt, trifft Holger Bleß eine Entscheidung. Er rettet die Kaffeemaschine. Sie und ein anderes Küchengerät gehören zu den wenigen Dingen, die der Familienvater noch nach oben stellen kann, als die Flut das Haus erreicht in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli. Das Allermeiste von dem, was die Familie besitzt und was im Erdgeschoss ihres Hauses steht, ist in diesen Minuten nicht mehr zu retten. „Wir haben es einfach nicht mehr geschafft, noch viel mehr nach oben zu räumen“, sagt er.

Ungefähr zweihundert Meter von der Ahr entfernt steht das Haus der Familie Bleß. Von jenem Fluss also, der bei Remagen in den Rhein mündet. Der für gewöhnlich ungefähr acht Meter breit ist. So, wie auch an diesem Samstag, als sein Wasser braun und mit Abwasser und Ölen belastet ostwärts fließt, Bleß von der Nacht der Flut erzählt und an dem er sagt: „Mit einem Hochwasser wie diesem hat hier niemand gerechnet.“ Seine Frau Kirsten sagt das fast wortgleich. Viele andere, die nicht weit von der Familie entfernt wohnen, sagen diesen Satz auch. Eine Flut wie diese? Undenkbar!

In der Nacht, als das Wasser kommt, hat sich die Ahr hier wahrscheinlich bis zu achthundert Meter breit ausdehnt. Wie viele Meter genau es waren, weiß niemand. Aber diese Schätzung ist von vielen Menschen zu hören. Man muss nur schauen, von wo bis wo sich die zerstörten Gärten, Garagen, Wohnungen und Häuser ziehen, die sich in einem nicht kleinen Teil des Orts befinden. Sein Name: Bad Bodendorf.

In der bundesweiten Wahrnehmung zum Jahrhunderthochwasser an der Ahr hat Bad Bodendorf bislang keine prominente Rolle gespielt. Anders als etwa Ahrweiler. Das liegt daran, dass die Zerstörungen im oberen Ahrtal noch großflächiger, noch extremer sind als in Bad Bodendorf. Doch auch hier, ein paar Kilometer von der Mündung des Flusses entfernt, haben durch das Hochwasser viele Menschen viel und einige sogar so ziemlich alles verloren, was sie am Nachmittag des 14. Juli noch besaßen.

Umso bemerkenswerter ist die Stimmung, in der Bleß und seine Nachbarn nun sind. Aufgeben? Resignieren? In Selbstmitleid versinken? Als Bleß von der Kaffeemaschine erzählt und seine Frau halb spöttelnd sagt, der Wein stehe bei ihnen im Haus grundsätzlich oben, kommt ein Mann vorbei, dessen ebenfalls völlig überspültes Haus auf der anderen Straßenseite steht. Anders als Bleß ist er ziemlich mit Dreck beschmiert – was ihn zu einigen Witzeleien dazu verleitet, dass echte Flutopfer doch kaum so saubere Kleidung tragen könnten wie Bleß, der an diesem Tag das erste Mal seit Tagen unbefleckt auf der Straße steht.

Als der Nachbar sich zu einem Verpflegungspunkt verabschiedet hat, sagt Bleß, seit der Flut seien die Menschen in Bad Bodendorf noch enger zusammengerückt. „Das vorherrschende Gefühl hier ist: Wir sitzen alle zusammen in der Scheiße, aber anderen geht es noch viel schlechter.“ Nicht konterkariert, sondern vielmehr auf eine bizarre Weise bereichert, wird dieser Satz Augenblicke später, als der große Sohn der Familie zu seiner Mutter sagt, er könne doch auch in Zukunft mit dem Fahrrad ganz einfach zur Schule fahren. Von der Wohnung aus, die die Familie nun erst einmal beziehen muss, solange ihr Haus unbewohnbar ist. Seine Mutter, Kirsten Bleß, erwidert: „Es gibt keinen Fahrradweg mehr. Es ist nichts mehr einfach.“

Etwa eine halbe Stunde später lässt der Ortsbürgermeister von Bad Bodendorf, Alexander Albrecht, seine Hände über einem Areal direkt an der Ahr hin und her kreisen. Auch zwei Wochen nach der Flut vermittelt es nicht nur noch immer einen sehr intensiven Eindruck davon, mit welcher Macht das Wasser in den Ort gekommen ist. Hier lässt sich auch erahnen, dass der Wiederaufbau der zerstörten Teile von Bad Bodendorf keine Sache von Wochen oder Monaten wird. „Ich rechne mit fünf Jahren“, sagt Albrecht. „Mindestens.“ Dass dieser Wiederaufbau viel, viel Geld kosten wird, muss nach solchen Ansagen kaum noch erwähnt werden.

Hier, auf diesem Gelände, stand einstmals ein Tierpark, von dem heute nur noch Überreste zu sehen sind. Holzzäune, Maschendraht, ein Fundament. Dafür liegt dort nun zusätzlich das Wrack eines Autos, das mal ein Kompaktwagen war und das so aussieht, als sei es mit 200 Kilometern pro Stunde von der Straße abgekommen und habe sich danach mehrfach überschlagen.

Ein paar Meter flussaufwärts liegen die Überreste einer weggespülten Fußgängerbrücke. Dazwischen überall umgeknickte Bäume. Der Gestank von Verwesung liegt schwer und süßlich in der Luft, weshalb eine weitere Stunde später Retter des Technischen Hilfswerks auf diesem Areal zugange sind, um mit schwerem Gerät nach dem Ursprung dieses Gestanks zu graben. Leichenspürhunde haben das Gelände bereits abgesucht.

Im überspülten Teil des Ortes, erzählt Albrecht, habe es unmittelbar nach der Flut genau so ausgesehen. Autos, Container, Mülltonnen, Öltanks, Bäume – und auch tote Menschen, all das habe die Flut mit sich gebracht, oft mitgerissen irgendwo im Ahrtal. In Bad Bodendorf, wo das Wasser mehr Raum hatte, um sich auszubreiten, als in den engen Schluchten westlich des Ortes, blieb es liegen. Dennoch sprechen manche im Ort nicht von einem Hochwasser, das über sie gekommen ist. Sie reden von einem Tsunami.

Diese unbändige Kraft des Wassers, die Geschwindigkeit, mit der sich diese Naturgewalt ihren Weg gebahnt und dabei so vieles Menschengemachte und Menschliche hinfortgerissen hat, das sind die verbindenden Elemente bei all dem, was Holger und Kirsten Bleß, Albrecht oder andere Einwohner Bad Bodendorfs aus der Hochwassernacht erzählen.

Innerhalb von etwa 30 Minuten sei der komplette Keller seines Hauses vollgelaufen, sagt zum Beispiel auch Bernd Freytag, der 2016 gemeinsam mit seiner Frau Brigitte von Suhl an die Ahr gezogen war; unter anderem seiner Tochter und den Enkelkindern zuliebe. Schließlich stand der Keller bis unter die Decke im Wasser. Noch immer sind dort die braunen Spuren zu sehen. Die warme, feuchte Luft hängt wie ein unsichtbares Tuch überall in den Räumen. „Diese Wucht…“, sagt Brigitte Freytag.

Und während Bleß in derart kurzer Zeit die Kaffeemaschine rettet – was er rückblickend nur noch als eine bedingt rationale Entscheidung sieht –, versucht Bernd Freytag in diesen Minuten, den Strom in seinem Haus auszuschalten. Auch das eine Aktion, die während der Flut zunächst viel und rückblickend wenig Sinn gemacht hat. „Der war längst aus“, sagt Freytag. Nach dem Keller überflutete das Wasser noch das Erdgeschoss.

Ähnlich ist es bei Yvonne Küpper. In den Minuten, in denen ihre Wohnung voll Wasser läuft, greift sie unter anderem zum Versicherungsordner. „Es kam von allen Seiten“, sagt sie. „Es ging alles wahnsinnig schnell“. Auch ihre Handlung scheint rational, richtig, wichtig. Die Realität ist aber: Es hilft ihr nichts. Die allermeisten im Ort – Albrecht schätzt: etwa 80 Prozent der Einwohner – haben keine Elementarschutzversicherung für ihren Hausrat oder ihre Wohngebäude abgeschlossen. Auch Küpper nicht. Sie wird von ihrer Versicherungen wahrscheinlich keinen Cent bekommen.

Aber wie Bleß’ gibt auch sie trotz dieser widrigen Umstände nicht auf. Geben Freytags nicht auf. Gibt Albrecht nicht auf. Die Hilfe, die sie bereits erhalten haben, gibt ihnen Kraft.

Während im Inneren der Wohnung von Küpper Freiwillige die völlig verzogenen Türrahmen abreißen, weht vor einem ihrer Fenster ein buntes Transparent. Darauf steht: „Dank der vielen Helferlein, fühlen wir uns nicht allein.“

Überall im Ahrtal sind solche Plakate zu sehen. Unsere Zeitung wird in den kommenden Tagen in loser Folge die Geschichten von Menschen erzählen, die von der Hochwasserkatastrophe an der Ahr schwer getroffen worden sind; und von denen, die ihnen helfen.

„Freies Wort hilft“ nimmt weiter Spenden für die Hochwasseropfer entgegen. Wir unterstützen besonders bedürftige Familien, Kinder und Einzelpersonen im Ahrtal.

Spendenkonto: DE39 84050000 1705 017 017

Verwendungszweck Flut 2021

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