Nach der Feuersbrunst Brandopfer lassen Geschehnisse Revue passieren

Madlen Pfeifer

Michael Kasche und Luisa Martin sind zwei der zwölf Bewohner, die bei dem Brand am 23. Dezember in der Sonneberger Innenstadt ihr Zuhause und alle Habseligkeiten verloren haben. Drei Wochen später blickt das Paar noch einmal auf den Abend und die Tage danach zurück.

Sonneberg - „Ich war wirklich am Ende“, sagt Luisa Martin, wenn sie an den 23. Dezember zurückdenkt. An den Abend vor Weihnachten, als Flammen aus dem Dach des Gebäudes loderten, in dem sie und ihr Freund Michael Kasche bis zu jener Nacht ihr Zuhause hatten.

Drei Wochen sind inzwischen vergangen. Drei Wochen nach dem Brand in der Köppelsdorfer Straße 43, der ein Menschenleben forderte und zwölf Bewohnern im Alter von drei bis 60 Jahren das Dach überm Kopf und alle Habseligkeiten raubte. Eine Woche später konnte die Polizei einen 20-Jährigen aus dem Landkreis Sonneberg festnehmen, der im dringenden Verdacht steht, das Feuer vorsätzlich gelegt zu haben.

„Wir waren gar nicht zu Hause, als es passiert ist“, erzählt Michael. „Wir waren in der Notaufnahme, weil Luisa einen Arbeitsunfall hatte.“ Während sie untersucht wurde, hat er beim Telefonat einer neben ihm sitzenden Dame mitbekommen, dass es in der Innenstadt einen Brand gibt. „Als ich vom Röntgen kam, hat er gesagt: ‚Bei uns in der Nähe brennt’s’“, erinnert sich Luisa. Ihre Gedanken kreisen sofort um ihre drei Katzen. Darum, dass das Feuer in der Nachbarschaft womöglich auf die eigenen vier Wände übergehen könnte. Dass das schon längst im Dachstuhl des eigenen Wohnhauses lodert, sehen sie erst, als sie auf dem Weg nach Hause die Köppelsdorfer Straße hinauffahren.

„Meine Katzen.“ Das ist das erste, was Luisa durch den Kopf schießt. Das Hab und Gut ist Nebensache, spielt in dem Moment keine Rolle. „Meine Katzen“, sagt sie, „das war für mich das Allerschlimmste.“ Recht schnell stellt sich heraus, dass die Samtpfoten Lucy und Paul bei einer Nachbarin untergekommen sind. „Bei Frau Müller“, sagt Michael, „sie wohnt direkt gegenüber.“ Von Lucky, dem dritten Stubentiger, aber fehlt jede Spur. „Wir waren bis halb vier Uhr morgens hier“, erzählt Luisa, weil sie hofften, ihn ebenso wohlbehalten wie die beiden anderen in die Arme schließen zu können. In jener Nacht ist ihnen das verwehrt geblieben. Erst zwei Tage später haben sie die vermisste Katze hinter der Holzhütte eines Nachbarn gefunden – dank des Hinweises eines Feuerwehrmannes, der in der Brandnacht ebenfalls im Einsatz gewesen ist.

Vernehmung an Heiligabend

Zumindest in Sachen Vierbeiner können Luisa und Michael seither durchatmen. Doch gibt es seit dem 23. Dezember keinen Tag in dem Leben des Paares, an dem sie nicht mit den Geschehnissen jener Nacht konfrontiert werden. Gleich an Heiligabend sei es losgegangen, erzählt der 35-Jährige. Und zwar mit einer gut drei bis vier Stunden dauernden Vernehmung auf der Sonneberger Polizeiinspektion.

Am Montag nach den Weihnachtsfeiertagen sind die beiden dann, nachdem die Polizei die Untersuchungen vor Ort abgeschlossen und das Gebäude wieder frei gegeben hatte, das erste Mal nach dem Brand in ihre Wohnung im ersten Obergeschoss zurückgekehrt. „Da haben wir die Akten rausgeholt“, erzählt Michael. Im Vergleich zu all den anderen Dingen in den 79 Quadratmetern haben jene Ordner und die darin abgehefteten Versicherungsunterlagen keinen Schaden genommen. Alles andere aber sei hinüber. Das Paar hat nichts mehr. „Nur das, was wir am Körper tragen“, sagt Michael. Den Rest hat das Feuer, vielmehr das Löschwasser zunichte gemacht.

Untergekommen sind die beiden gleich in der Brandnacht bei Luisas Eltern in Sonneberg. In ihrem ehemaligen Kinderzimmer leben sie aktuell. Doch die Suche nach einem neuen Zuhause läuft, gestalte sich aber nicht so einfach, wenn man eine Drei-Raum-Wohnung benötige, berichtet Michael. Eine, die sich nicht im Dachgeschoss befinde. Eine solche – saniert und modernisiert – hätten sie wohl im Wolkenrasen beziehen können, wie er erzählt. Doch scheinen die Ereignisse des 23. Dezembers tiefere Spuren hinterlassen zu haben, die nun vorher nicht gestellte Fragen aufwerfen: „Was ist, wenn es brennt? Schaffen wir es dann rechtzeitig aus dem Haus?“ Die Wohnung haben die beiden folglich abgelehnt. Die Angst sitzt zu tief. Schließlich ist es in der Brandnacht die Bleibe unterm Dach gewesen, in der ein 28-jähriger Mann ums Leben kam. Drei Jahre hatte Michael zuvor darin gewohnt, bis er im Februar 2020 mit Luisa in die größere Unterkunft im selben Haus gezogen ist.

Ausgeplündert

Nicht nur die Wohnungssuche hält das Paar seit Wochen auf Trab. „Wir müssen viel mit Versicherungen telefonieren“, erzählt Michael. Ganz davon abgesehen, dass Fragen zu klären seien, mit denen man sich vorher nie habe beschäftigen müssen. „Müssen wir die Wohnung eigentlich noch kündigen? Müssen wir noch Miete bezahlen? Was ist mit den Nebenkosten?“, nennt er nur einige Beispiele. Obendrein bereite ihnen ihr Telefon- und Internetanbieter Probleme. Der habe erklärt, dass ihnen in ihrem Fall kein Sonderkündigungsrecht zustehe und sie folglich bis zum Ende der regulären Kündigungsfrist weiterzahlen müssen. „Eine Frechheit“, schimpft Luisa. Für Angelegenheiten wie diese haben sich die beiden einen Rechtsanwalt zur Seite geholt, der sich darum kümmere und sie damit zugleich etwas entlaste.

Schockiert waren Michael und Luisa, wie sie erzählen, als sie mitbekommen haben, dass sich einer oder mehrere unbekannte Plünderer durch die verschlossene Tür Zutritt zur Wohnung verschafft und Sachen im Wert von 3000 bis 4000 Euro, wie Michael schätzt, entwendet haben – von einer Kamera über eine Spielekonsole bis hin zu Schmuck. Für den Gutachter von der Versicherung habe man extra alles so stehen- und liegengelassen, wie es Feuer und Löschwasser in jener Nacht gezeichnet hatten. „Wir dachten ja nicht, dass jemand so dreist ist“, sagt Luisa. Sie haben Anzeige erstattet.

In der ersten Januarwoche hat sich inzwischen der Gutachter in der Wohnung umgeschaut. Es ist das dritte Mal für das Paar gewesen, dass sie in ihr einstiges Zuhause zurückgekehrt sind. Nun stehen sie zum vierten Mal darin. Er neben der Couch im Wohnzimmer, die gerade einmal zwei Tage alt gewesen ist. Sie neben der Essecke, für die genau das gleiche gilt. „Das haben wir am 21. Dezember gekauft“, erzählt Luisa. „Wir haben hier noch nicht einmal dran gegessen.“

Unverständnis und Dankbarkeit

Das vierte soll nun auch allmählich das letzte Mal sein, dass sie in die ehemalige Wohnung zurückkehren. Das Ausräumen haben sie in die Hände eines auf Haushaltsauflösungen spezialisierten Unternehmens gelegt. „Ich selbst möchte das nicht machen“, sagt Michael, „da kommen zu viele Erinnerungen hoch.“ Erinnerungen an die wenigen Monate in dem ersten gemeinsamen Zuhause. Erinnerungen an den Abend, der alles verändert hat. Die Gedanken daran, dass jemand vorsätzlich das Feuer gelegt und damit in Kauf genommen habe, so Michael, dass Menschen sterben. „Unverständnis“ bleibt bei ihm und Freundin Luisa zurück.

Das Paar bemüht sich, nach vorn zu schauen. Beide wirken gefasst, versuchen zu lachen. Auch wenn es ihnen sichtlich schwer fällt beim Anblick der Trümmer im einstigen Zuhause. Doch während sie dazwischen stehen, zeichnet sich ein Lichtblick ab. Luisas Telefon klingelt. Am anderen Ende? Ihr künftiger Vermieter, der mitteilt, dass sie die zuvor besichtigte Wohnung bekommen. „Eine Küche ist drin“, erzählt die 26-Jährige. Das sei schon mal ein Anfang. Was die restliche Einrichtung angeht, sagt Michael mit einem Hauch Unbekümmertheit: „Ein bisschen Geld haben wir, um uns ein Bett kaufen zu können.“ Und nicht zu vergessen: Hinter dem Paar stehen Familie und Freunde, die sie bisher unterstützt haben und das auch weiter tun werden. Neben den engsten Vertrauten sind da noch viele andere Menschen, die Luisa und Michael an und seit dem Abend des 23. Dezembers zur Seite gestanden und, wie sie meinen, ein „großes Dankeschön“ verdient haben – ob es die vielen Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rotem Kreuz, Polizei und Notfallseelsorge gewesen sind, die Wohnungsbau GmbH Sonneberg, die sie bei der Wohnungssuche unterstützt hat, die Lebenshilfe in Neuhaus am Rennweg, bei deren Arbeitgeber sich Luisa für das entgegengebrachte Verständnis bedankt, die Stadt Sonneberg und deren Bürgermeister Heiko Voigt, Nachbarn wie Donald Ritze und „Frau Müller“, die kurzerhand die beiden Katzen bei sich aufgenommen hat, oder all die anderen Menschen, die Spenden und Hilfe angeboten haben. „Dafür“, sagt Michael, „sind wir sehr, sehr dankbar.“

Knapp 7000 Euro sind inzwischen auf das von der Stadt Sonneberg kurz nach dem Brand eingerichtete Spendenkonto eingegangen, wie Stadtsprecherin Cindy Heinkel informiert. „Bis Ende Januar wollen wir den Spendenaufruf fortführen.“ Heißt: Geldspenden können weiterhin auf das Bankkonto mit der IBAN DE70 8405 4722 0150 0005 02 bei der Sparkasse Sonneberg überwiesen werden. Als Verwendungszweck ist: „Hausbrand Sonneberg“ anzugeben.

 

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