Musikalisches Quartett auf Dach der Stadt Turmblasen dieses Mal ohne Wärmflasche

Annett Recknagel

Das Turmblasen ist in Schmalkalden immer wieder ein Höhepunkt. An Silvester steht er letztmals im Jahr im Programm. Auch 2021 war das so.

Schmalkalden - Silvester 2021: Es ist kurz nach halb 4. Andreas Krautwald und Stefan Svoboda warten schon am Süd-West-Turm der St. Georgs Kirche. Hans-Ulrich Holzhauer biegt um die Ecke. Eckart Simon kommt mit dem Rad. Alle vier haben ihr Instrument mitgebracht. Drei Trompeten, eine Posaune. Letzt genannte trägt Eckart Simon gut verpackt im Rucksack auf seinem Rücken. Auch Hans-Ulrich Holzhauer macht das so.

Mehr Bläser scheinen diesmal nicht zu kommen. Man plaudert noch kurz mit dem Nachbarn, Andreas Todt. Er hört die Turmbläser immer wieder gern. „Früher hat man mir eingeredet, dass das die Engel sind, die da spielen – und das konnte mir bis heute keiner nehmen“, erinnert er sich und tritt den Heimweg an. Vor den vier Schmalkalder Bläsern– alle gehören zum evangelischen Posaunenchor – steht ein nicht ganz so unbeschwerter Weg. Hinauf zum Turmturm geht es. Mit Instrumenten und Notenständern. Am Vorabend von kirchlichen Feiertagen erklimmen sie die 158 Stufen. Vermutlich sind es die Bläser, die diese Anstrengung während eines Jahres am häufigsten bewältigen. Abgesehen von den jeweils Diensthabenden in der Türmerstube natürlich. Am Nachmittag des 31. Dezember sind sie nur zu viert. Gerechnet haben sie mit acht Leuten. Aber wie das an diesem Tag so ist – können nicht alle erscheinen. Insgesamt gehören 15 Personen zum Posaunenchor. Wenn die alle mit hoch steigen, dann wird es eng auf dem Turm. Natürlich wird im Freien gespielt. Schließlich soll man die Choräle von unten gut hören. Silvester 2021 ist alle anders. Die vier Bläser steigen in Abständen hinauf. Gut, dass es nicht so viele sind – die Vorschriften können so bestens eingehalten werden. „Der Turm wird Jahr zu Jahr höher“, witzelt Andreas Krautwald und ruft: „Mit der Elektrik stimmt was nicht!“ Alle sind gewarnt.

Und tatsächlich brennt im Aufgang nur jede zweite Lampe. Der Aufstieg wird zur Mutprobe. Ein Kraftakt ist er ohnehin. Zwischendurch hält jeder kurz inne, sammelt neue Kräfte und schon geht es weiter. Vorbei an den Glocken bis hoch in die Türmerstube. Andreas Krautwald und Hans-Ulrich Holzhauer haben die Notenständer schon aufgestellt. Einige Augenblicke wird noch verschnauft. „Wir spielen vierstimmig“, witzeln die Männer und erinnern sich an besonders kalte Silvestertage. „Bei Minusgraden haben wir die Instrumente mit einer Wärmflasche warmgehalten“, erzählt Holzhauer. Die trug man verständlicherweise um den Hals. Stefan Svoboda berichtet von der Tuba, die Uwe Johannes immer spielte. „Die haben wir von außen hochgezogen“, sagt er und alle anderen nicken. Das Instrument wiegt um die zehn Kilogramm. Man habe höllisch aufpassen müssen, damit sie nicht am Kirchturm schleift. Es schlägt 16 Uhr. Die vier Bläser treten nach draußen. Ein paar Choräle und was Weihnachtliches haben sie ausgewählt. „Lobe den Herrn“, „Ich singe dir mit Herz und Mund“ und „Eine feste Burg ist unser Gott“.

Und siehe da – um die 20 Menschen schauen vom Altmarkt hinauf zum Süd-West-Turm. Und sie klatschen. Das freut die Spieler. Die Atmosphäre ist unbeschreiblich. So nah dran zu sein – in der Höhe. Ein wunderbares Silvestergefühl und ein noch besserer Jahresabschluss. „Bei Westwind hört man das sehr weit und gut“, ist zu erfahren. Am Heiligen Abend haben die Bläser unten vor der Kirche gespielt. Mit reichlich Zuhörern. In der Adventszeit war der Posaunenchor trotz Corona und natürlich unter Einhaltung sämtlicher Vorschriften sehr gut ausgelastet. Vor verschiedenen diakonischen Einrichtungen, vor Altenheimen und bei der Blindenstiftung waren sie zu Gast und stimmten auf Weihnachten ein. Auch die Andachten von Andreas Conrad und seiner Frau wurden ausgestaltet. Hier war Andreas Krautwald federführend. Doch die Pandemie machte vor dem Ensemble keinen Halt. Eine Zeit lang durfte man noch gemeinsam proben. In den letzten Monaten aber übte jeder für sich. Dass das anders ist als in der Gruppe, liegt auf der Hand. Und dann kommt sie, die Frage nach dem Nachwuchs. „Wo sind sie unsere jungen Leute?“ Die Viertelstunde Spielzeit nähert sich dem Ende. „Großer Gott wir loben dich“ ist das letzte Stück. Dann wird abgebaut und eingepackt. Vor dem Abstieg gibt es für jeden noch ein Schnäpschen. Und dann geht es hinunter. Der Abstieg ist leichter, aber immer noch etwas duster. Unten angekommen, heißt es „Guten Rutsch“. Was bleibt ist ein gutes Gefühl für das neue Jahr. Und das hat ist sehr viel wert.

 

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