Musik im Schuhladen Konzert für zwei Viernauer Seniorinnen

Ein alter Schuhladen wird zur Konzerthalle, die Ehren­gäste sind zwei sangesfreudige Seniorinnen. Die erklären auch, was das ungewöhnliche Konzert mit dem Viernauer Frauenchor zu tun hat.

Viernau - „Doh kömmd lange Weile uff“, sagt Lilli Träger verschmitzt und Gertrud Kaiser fragt: „Boh könne ma dänn mo ogeruff?“ Die beiden resoluten Damen sind nicht verlegen um Ansagen, als sie im alten Viernauer Schuhladen auf eine besondere Überraschung warten. Drei Musikerinnen der Schmalkalder Musikschule haben sich angekündigt, um den beiden langjährigen Mitgliedern des Viernauer Frauenchors ein Ständchen zu spielen. Doch sie lassen auf sich warten.

Während es draußen regnet, plauschen die beiden ein wenig über alten Laden der Trägers und wie die Leute hier früher Schlange standen, bevor die Neuware im Schaufenster stand. Mit dem Euro wurde die Kundschaft, der Laden hat längst zu.

Dann erzählen sie von ihrer gemeinsamen Chorzeit. Die heute 95-jährige Gertrud Kaiser war über 20 Jahre im Chor, die 87-jährige Lilli Träger ein gutes Dutzend. „Keine Stunde gefehlt haben wir“ behaupten die beiden – und umhergereist seien sie. Besonders schön war es, als sie über die Dörfer zogen, zum Karneval nach Jüchsen zum Beispiel und natürlich beim Viernauer Karneval. „Zum Umzug immer in der ersten Reihe, bereit zu jeder Schandtat“, lachen sie. Auch die Chorabende seien immer aufmunternd gewesen – eine schöne Zeit. Weil das auch die Sängerin Renate Preller weiß, hat sie das kleine Gastspiel heute organisiert

Mittlerweile sind die Musikerinnen angekommen. Was Preller, Ute Ellenberger und ihre Tochter Malin Kießling erzählen, klingt stressig. Vor dem Schuhladen-Termin haben sie bereits am Rathaus für die Verwaltungsmitarbeiter und in einem Zelt am Altenhilfezentrum der Haseltalstadt gespielt, wo Preller 20 Jahre lang arbeitete. Auf dem Weg zischen den beiden Gigs hat Renate Ute vergessen. Ein Polizist, ganz Freund und Helfer, half der Geigerin mit einer unbürokratischen Kontrollfahrt zum Heim aus der Patsche.

Ihre Musik entschädigt die beiden Seniorinnen und die wenigen Verwandten dann aber endgültig für die Wartezeit. Was die drei abliefern, ist kein Ständchen, sondern ein Konzert mit bekannten und unbekannten Melodien skandinavischer, englischer und deutscher Komponisten. Ein bunter Mix von Gershwins „Summertime“ über „Solvejgs Lied“ von Edvard Grieg bis zu einem Kunstlied von Robert Schumann. Obendrein verblüfft Malin Kießling an der Ukulele mit einem selbst selbst komponierten Song über die Jugend, den sie unter dem Eindruck der Coronakrise verfasst hat. Das Publikum ist entzückt.

Renate Preller, die das als Kind erlernte Geigenspiel wiederentdeckt hat und in der Musikschule gerade neu erlernt, hat ihre Lehrerin und deren Tochter zu dem Konzert überredet. „Drei Generationen. Das ist sozusagen die kleinste Abordnung des Musikschulorchesters der Generationen“, erklärt Preller. Die vergangene sei die Vorspielwoche in der Musikschule gewesen, da könne ein wenig Praxisübung nicht schaden, ergänzt Ute Ellenberger. Seit der zweiten Klasse spielt sie ihr Instrument, auch, wenn das damals nicht wirklich ihre Entscheidung war. „Mein Bruder spielte Cello und auf der Musikschule war gerade eine Geigenstelle frei“, erzählt sie den interessierten Zuhörern. Dass aus der Musikschule die Weimarer Musikhochschule werden würde und das Hobby zum Beruf, war damals noch nicht klar. Bereits seit 1986 arbeitet sie nun an der Schmalkalder Musikschule.

Gertrud Kaiser und Lilli Träger applaudieren ausgiebig, so viel Unterhaltung an einem Tag hatten sie lange nicht. „Ich habe den Geigenspielern auch was mitgebracht“, hatte Gertrud Kaiser schon vor dem Konzert kundgetan.

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