Mobilität und Energie "Wer rastet, der rostet"

Mobilität im Alter beugt Demenz vor. Dazu ist ein gut ausgebautes Netz von Bussen und Bahnen nötig. Es spart Kosten im Gesundheits- system, sagt ein Forscher.

Sie forschen zum Thema Mobilität im Alter und haben dabei ein besonderes Augenmerk auf die Gesundheit. Wie wichtig ist Mobilität im Alter?

Sie kann man gar nicht hoch genug ansetzen. Wir unterscheiden dabei zwei Formen von Mobilität, nämlich die Primär- und die Sekundär-Mobilität. Bei Primär-Mobilität geht es um die Fortbewegung auf den eigenen Beinen, etwa im Haus oder der näheren Umgebung. Laufen ist sehr wichtig - vor allem für das Herz-Kreislauf-System.

Und die Sekundär-Mobilität?

Darunter versteht man die Fortbewegung mit technischer Unterstützung. Das kann das eigene Auto oder der Öffentliche Personennahverkehr sein. Wenn jemand im höheren Alter das Auto stilllegt, will er dennoch weiterhin mobil sein. Dabei spielt der ÖPNV eine große Rolle, weil er Alltagsaktivitäten ermöglicht wie einkaufen, Besuche auf Ämtern oder Treffen mit der Familie und Freunden. Auch Arztbesuche sind meist nicht fußläufig möglich. Wer nicht mehr mobil sein kann, spürt schnell gesundheitliche Einschränkungen. Hier gilt: Wer rastet, der rostet, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv - also geistig.

Sie erforschen auch, wie sich Mobilität auf das Gehirn auswirkt.

Darüber gibt es bereits sehr gute Grundlagen. Eine inspirierende, abwechslungsreich Umgebung ist wichtig für den älteren Menschen; sie fördert die Freisetzung von sogenannten neurotrophen - also nervennährenden - Faktoren. Wenn wir uns immer nur in unserem gewohnten häuslichen Umfeld bewegen, besteht die Gefahr, dass weniger neurotrophe Faktoren freigesetzt werden, was zum Absterben von Nervenzellen führt. Indirekt trägt ein gut ausgebautes Netz von Bussen und Bahnen zur Demenz-Vorsorge bei, weil es den Menschen ermöglicht, in andere Umgebungen zu kommen und neue Anforderungen zu bestehen. Das Wegsein von zu Hause und eine abwechslungsreiche Umgebung haben also positive Auswirkungen auf unser Gehirn.

Sie waren der erste, der etwas erforscht hat, was banal klingt, aber für die Mobilität älterer Menschen enorm wichtig ist: die Situation beim An- und Abfahren eines Busses. Was haben Sie herausgefunden?

Wir waren weltweit die ersten, die gemessen haben, welche Kräfte auf Fahrgäste einwirken, die im Bus stehen. Es gibt mehrere Gründe, im Bus nicht zu sitzen, etwa weil man fürchtet, an der Haltestelle nicht schnell genug an der Tür zu sein. Beim Beschleunigen und Bremsen des Busses sind die Fahrgäste komplexen Kräften ausgesetzt, die das Gleichgewicht stören und einen Sturz verursachen können. Wenn sich ältere Menschen festhalten, um dies zu verhindern, müssen sie fast 90 Prozent ihrer Maximalkraft aufwenden.

Jeder, der mit einem Linienbus fährt, kennt die Situation: Der Bus fährt ab, wenn man noch nicht richtig sitzt, und man hat Mühe, sich irgendwo festzuhalten.

Gerade ältere Menschen fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen unsicher im ÖPNV. Das kann dazu führen, dass jemand nicht mehr mit Bus oder Bahn fährt. Damit verzichtet er auch auf alle damit verbundenen Aktivitäten. Hier gilt es, Lösungen zu finden. Wenn der Öffentliche Personennahverkehr seniorenfreundlich sein soll - und das ist ganz wichtig -, darf man nicht nur auf einen barrierefreien Ein- und Ausstieg sehen.

Wir leben hier in einem ländlich geprägten Gebiet, in zahlreichen Orten fährt nur ein- oder zweimal am Tag ein Bus. Wie kann es hier gelingen, die älteren Menschen an Mobilität teilhaben zu lassen?

Das ist eine große Aufgabe für die Politik. Dieses Thema beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf das Verkehrsressort, denn wenn ältere Menschen nicht ausreichend mobil sein können, hat das erhebliche Auswirkungen im Gesundheitssystem. Wenn wir uns ein gutes Nahverkehrssystem leisten, auch wenn es nicht kostendeckend ist, sparen wir hohe Kosten im Gesundheitssystem. In vielen Regionen ist es sinnvoll, nicht die großen Busse einzusetzen, sondern kleinere Fahrzeuge, in denen neun oder zwölf Menschen mitfahren können.

Wenn ältere Menschen nicht mehr selbst Auto fahren können, bricht für viele eine Welt zusammen. Sind selbstfahrende Autos eine Lösung?

Ich schätze technische Innovationen, glaube aber, dass es noch eine ganze Zeit dauert, bis selbstfahrende Autos flächendeckend eingesetzt werden. Man darf nicht unterschätzen, wie stark diese technischen Systeme einen Menschen fordern. Denken Sie nur an ein ganz einfaches System, nämlich einen Fahrkartenautomaten. Viele Menschen scheitern daran, und auch ich bin schon daran verzweifelt. Bei den selbstfahrenden Autos sind noch riesengroße Aufgaben im Hinblick auf die Schnittstelle Mensch zu lösen.

Und dazu kommen die Kosten.

Zahlreiche ältere Menschen verzichten auf das Auto, weil sie es sich nicht mehr leisten können oder wollen. Auch aus diesem Grund ist der Öffentliche Personennahverkehr sehr wichtig. Zudem hat er eine soziale Funktion. Im Bus trifft man andere Menschen und kommuniziert mit dem Busfahrer. Dies sind wichtige Aspekte der Lebensqualität. Vielfach geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter, dass Busse und Bahn täglich Millionen Menschen transportieren und in Kontakt bringen. Auch die wichtige Rolle der Busfahrer wird übersehen, denn sie stehen vorderster Front in Kontakt mit den Fahrgästen. Ihnen kommt eine Schlüsselrolle zu.

Was ist Ihre Vision für Mobilität im Alter für die nächsten Jahrzehnte?

Es ist schwierig Prognosen abzugeben. Es wird ein langer und steiniger Weg werden, Verbesserungen zu erreichen, und wir werden viele kleine Schritte gehen müssen. Als Beispiel möchte ich die Höhe der Sitze in Bussen oder Bahnen nennen. Ältere Menschen haben oft Schwierigkeiten, von diesen niedrigen Sitzen aufzustehen. Wir haben in den vergangenen Jahren Verbesserungen erreicht - etwa mit den Niederflurbussen -, aber es sind auch neue Schwierigkeiten entstanden wie der Kauf einer Fahrkarte.

Ist das Thema Mobilität im Alter ein Thema, das erst in den vergangenen Jahren wahrgenommen wird?

Nein, bereits im Jahr 1971 fand in den USA die White House Conference on Aging statt, in der man sich einig war, wie wichtig der Öffentliche Personennahverkehr für ältere Menschen ist. Ein großer Fortschritt wird sein, wenn es gelingt, bei dem Thema das Verkehrs- mit dem Gesundheitsressort zu verknüpfen. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik müssen miteinander diskutieren und Verantwortung auch für die kleinen Probleme übernehmen. Zuversichtlich stimmt mich, dass ich bei dem Thema eine große Offenheit spüre.

Das Gespräch führte Elfriede Schneider

Gesundheitsforschung

Dr. Christian T. Haas, Professor für quantitative Forschungsmetheoden, ist Forschungsdekan im Fachbereich Gesundheit und Soziales der Hochschule Fresenius in Frankfurt am Main und Idstein sowie Direktor des Instituts für komplexe Gesundheitsforschung. Zu den Schwerpunkten seiner Forschung gehören unter anderem neuromechanische Interaktionen beim Stehen, Gehen und Laufen.

 

Autor

 

Bilder