Mit 345 Gramm ins Leben Frederik, der kleine Kämpfer

Was für ein Tag für Doreen und Sebastian Bauer. Und für Frederik. Sie verlassen als Familie das Suhler Zentralklinikum – nach mehr als 250 Tagen voller hoffen und bangen. Frederik wurde mit nur 345 Gramm Geburtsgewicht auf die Welt geholt.

Suhl - Weltfrühchentag. Das Datum hätte kaum besser gewählt sein können für die Heimfahrt der Familie Bauer. Nach mehr als 250 Tagen Klinikaufenthalt können Doreen und Sebastian Bauer ihren Sohn Frederik mit nach Hause nach Oberweid nehmen. Er kam zu früh auf die Welt. Viel zu früh. In der 24. Schwangerschaftswoche. Mehr als 345 Gramm (so viel oder wenig wiegen etwa zwei Rollen Küchenpapier!) brachte er an jenem 8. März nicht auf die Waage, als er im Perinatalzentrum des SRH-Zentralklinikums Suhl geholt werden musste. Damit ist er eines der kleinsten Kinder, das im Klinikum behandelt wurde.

Nach einer feindiagnostischen Untersuchung in der 21. Schwangerschaftswoche stand fest: Das Kind muss geholt werden. „Wir haben den Punkt abgewartet, an dem er außerhalb des Mutterleibs besser versorgt werden konnte als darin“, sagt Chefarzt Dr. Sebastian Horn. In der 24. Schwangerschaftswoche war es so weit: Lungenreife, Magnesiumgabe – hoffen und bangen. „Da war viel Anspannung im Team. Er war so klein, so zerbrechlich – und so stark. Gemeinsam mit den Pflegerinnen, Ärztinnen und Ärzten auf unserer Station 3.5 und ganz viel Liebe seiner Eltern kämpfte er sich ins Leben“, schildert Christian Jacob, der Sprecher des Zentralklinikums, die Situation. Kuscheln war und ist wichtig, Nähe spüren und känguruhen durfte er schon nach einer Woche. Ebenso Mamas Milch kosten. „Täglich kamen seine Eltern aus der fernen Rhön in unser Zentrum, um ihren kleinen Jungen zu besuchen. Voller Zuversicht und positiven Gedanken begleiteten sie ihren kleinen Schatz. Sie sahen über acht Monate, wie er an Gewicht zunahm, wie sein Zustand sich stabilisierte, aber auch, wie es immer mal wieder Rückschläge gab“, so Jacob.

Im Juli war klar, dass Frederik, er ist das erste Kind der Bauers, auch zuhause auf Atemunterstützung via Trachealkanüle angewiesen sein wird. Heute leuchten die Augen von Mama Doreen, wenn sie erzählt, dass er schon einige Stunden ohne Beatmung schafft. „Wir haben uns von Anfang an gut aufgehoben gefühlt. Alle auf Station gehen so liebevoll mit ihren kleinen Patienten um. Und alle fiebern mit – nicht nur Pflegerinnen, Ärztinnen und Ärzte, auch die Physiotherapeuten, die Damen aus der Milchküche und die Reinigungskräfte“, sagt sie am Mittwoch, als es Abschiednehmen hieß.

Dass Station und Sozialdienst sie bei der Suche nach einer Intensivpflege für Frederiks Nachtstunden unterstützt haben, hebt sie besonders hervor. Wie schwierig so eine Betreuung zu finden sei, gerade auf dem Land, könne man kaum in Worte fassen.

Dass es nun doch geklappt hat, macht Doreen Bauer und ihren Mann Sebastian wirklich froh. Auch sie haben nichts unversucht gelassen, eine Intensivpflegekraft zu finden – auch über die sozialen Medien. An ihrem Geburtstag im Mai hatte Doreen Bauer auch eine Spendenaktion für „Oktopus für Frühchen in Deutschland“ gestartet, weil ihr das einfach Herzensangelegenheit war. Sie und ihr Mann sind sehr zuversichtlich, dass Frederik bald immer länger ohne Atemunterstützung auskommen wird – und sie freuen sich unendlich auf den Tag, wenn sie Frederiks Stimme das erste Mal hören dürfen. Am Mittwoch, dem Weltfrühchentag, darf Frederik nach 255 Tagen auf der Neonatologie nach Hause. „Er wiegt jetzt mehr als 5000 Gramm und ist ein starker, kleiner Junge. Das war ein Abschied, den sich alle herbeigesehnt haben und der doch wehtut, denn in der langen Zeit wurden Schwester Ulrike und ihr Team ein Teil der Familie. Und Frederik mit Doreen und Sebastian ein Teil des Teams“, so Christian Jacob. „Es gibt zwei Typen von Menschen auf der Welt: Die einen glauben an Wunder, die anderen sind selbst welche“, sagt Mama Doreen.

Das Perinatalzentrum Level 1, wie es nur drei in Thüringen gibt, darf Frühgeborene ab der Grenze zur Lebensfähigkeit betreuen – die höchste Stufe, die es gibt. So werden hier bereits sehr kleine Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm ab der Geburt in dem Suhler Perinatalzentrum behandelt. Perinatal bedeutet „rund um die Geburt“. Im Klinikum kommen durchschnittlich eins von 100 Kindern zu früh und viel zu früh auf die Welt. So wie Frederik.

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