Es wird ein ambitioniertes Vorhaben. Zwei Jahre lang haben die Stadt Hildburghausen und ihre Wohnungsgesellschaft Zeit ein neue Heizhaus und neue Fernwärmeleitungen zu bauen.
Knapp 8 Millionen Euro erhält die Stadt Hildburghausen aus europäischen Fördermitteln: Ein neues Heizhaus für Hackschnitzel soll die Fernwärmeversorgung tausender Bürger sicherstellen.
Es wird ein ambitioniertes Vorhaben. Zwei Jahre lang haben die Stadt Hildburghausen und ihre Wohnungsgesellschaft Zeit ein neue Heizhaus und neue Fernwärmeleitungen zu bauen.
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Fast 8 Millionen Euro bekommt die Kommune dafür aus dem EFRE, dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung. Verbunden aber mit einem knappen Zeitrahmen. Denn die Europäische Förderperiode endet dann (voraussichtlich). Der Eigenanteil von etwa 5 Millionen Euro, der für die Kofinanzierung des Großprojekts notwendig ist, wird von der Wohnungsgesellschaft gestemmt. Vergangene Woche hatte Thüringens Bauminister Steffen Schütz (BSW) den Förderbescheid in Hildburghausen überreicht.
Es ist aber nicht nur ein ambitioniertes Projekt, was die Bauzeit betrifft. Die Stadt und ihre Wohnungsgesellschaft haben Großes geplant, das in die Zukunft wirken wird. Gegenüber des derzeitigen Heizhauses an der Tongrube soll ein neues Heizhaus entstehen, in dem künftig nicht mehr Öl und Gas für warmes Wasser und warme Heizungen in den Wohnungen Hildburghausens sorgen sollen, sondern Biomasse aus den heimischen Wäldern.
Parallel zum neuen Heizhaus soll es auch darum gehen, das Fernwärmenetz in der Stadt auszubauen. Die derzeit knapp fünf Kilometer Fernwärmenetz sollen dadurch auf zehn Kilometer verdoppelt werden. 95 Prozent des eigenen Wohnungsbestands will die Wohnungsgesellschaft dann mit dem neuen Heizhaus beliefern, schildert Uwe Müller, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Hildburghausen. Zudem geht es darum, auch Häuser der Wohnungsgenossenschaft AWG und öffentliche Gebäude in das Fernwärmenetz zu integrieren. Schon im November sollen die Vorarbeiten beginnen.
„Für uns ist das ein wichtiger Meilenstein“, sagte Patrick Hammerschmidt, Bürgermeister der Stadt Hildburghausen und in dieser Funktion auch Aufsichtsratsvorsitzender der Wohnungsgesellschaft. „Ich danke allen, die den Mut hatten, die Idee einzubringen und den Fördermittelantrag zu stellen“, so Hammerschmidt. Bereits in der ersten Runde war ein Antrag positiv beschieden worden, der ein viel kleineres Projekt beinhaltet hatte. Der Stadt fehlten damals die Eigenmittel.
Nun soll ein Projekt gelingen, dass der ehemalige Bürgermeister Tilo Kummer stets voranbringen wollte. Denn als Brennstoff für das neue Heizwerk sollen Hackschnitzel dienen. „Wir haben als Stadt 2300 Hektar Wald im kommunalen Eigenbetrieb“, sagt Bürgermeister Patrick Hammerschmidt. Und man wolle damit einen Energiekreislauf herstellen, der hier in der Region seine Wurzeln hat. Das Holz sei ein wichtiger Rohstoff, dass im Zuge der Kalamität massenhaft den Landkreis, das Bundesland und auch das Land in alle Welt verlassen hat.
„Der Rohstoff von hier, soll unseren Energiekreislauf unterstützen“, so das Credo der Stadt. In dieser Größenordnung und Höhe habe die Stadt eine solche Zuwendung für ein Einzelprojekt noch nicht bekommen. Es sei unbedingt wichtig, solche Förderungen für die Kommunen auch in anderen Bereichen wie Städtebau oder Tourismus vorzuhalten, sagte Hammerschmidt an die Minister aus Erfurt.
Uwe Müller gab weitergehende Informationen zum Stand und zum geplanten Projekt. Das jetzige Heizhaus war 1986 als Kohleheizwerk an den Start gegangen und war schon einmal transformiert worden, um mit Öl und Gas Wärmeenergie zu erzeugen. Zwischenzeitlich hatte ein Blockheizkraftwerk (BHKW) von Dritten zusätzlich mit Abwärme unterstützt. Schon 2020 habe es erste Ideen gegeben, eine Hackschnitzelanlage zu errichten, schilderte Uwe Müller. Förster Bernd Hoffmann hatte bestätigt, dass man mit dem Holz aus dem eigenen Wald den Wärmebedarf der Stadt decken könne. Aktuell erzeugt das Heizwerk 15 Gigawattstunden Wärmeenergie im Jahr. „Damit versorgen wir einen beträchtlichen Teil unserer Wohnimmobilien, auch Drittwohnungen, die Verwaltung und öffentliche Einrichtungen“, schildert Müller den Ist-Zustand.
Mit dem Aus- und Umbau des Fernwärmenetzes sollen dann 25 Gigawattstunden im Jahr erzeugt werden. Bei gleichzeitiger Einsparung von etwa 5000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen im Jahr. Schon jetzt versorgt die Wohnungsgesellschaft 1300 Wohneinheiten mit Fernwärme. Dies will man nun um noch einmal 200 Wohnungen in eigener Versorgung erhöhen. Wenn die AWG Hildburghausen sich anschließt, könnten deren Wohnungen nahezu vollständig angeschlossen werden. Man sei zudem in Verhandlungen mit dem Landkreis, auch das Gymnasium und die Curie-Regelschule anzuschließen. Auch weitere öffentliche Gebäude könnten aufgenommen werden. Und auch Einfamilienhäuser im Einzugsbereich könnten auf Wunsch angeschlossen werden. Nach dem Neubau soll das jetzige Heizwerk erhalten bleiben und kann im Havariefall weiter die Versorgung abdecken.
Im neuen Heizwerk sorgen 2 große Hackschnitzelkessel für die Wärmeenergie. Ein zusätzliches Blockheizkraftwerk sorgt für die Eigenstromversorgung, die Abwärme wird zur Unterstützung der Wärmeversorgung herangezogen.
Thüringens Bauminister Steffen Schütz würdigte das Vorhaben. Es zeige vorbildhaft, wie man die Wertschöpfungskette vor Ort abbilden könne. „Es braucht für ein solches Projekt ein gutes Fundament, Mut, Zuversicht und manchmal auch einen paar Verrückte, die es anpacken“, sagte er. Und es brauche verlässliche Partner für solche Vorhaben. Die Wohnungsgesellschaft sei in einer Stadt wie Hildburghausen wichtig. Und auch mit dieser Investition werde langfristig bezahlbarer Wohnraum gesichert. „Es ist wichtig, dass wir uns resilient machen“, sagte Schütz. Er sei zudem überzeugter Europäer. Und ein solches Projekt zeige, dass Deutschland nicht nur einzahle, sondern dass auch etwas zurückkommt. Mit dem abgeschlossenen Projekt erhofft sich Schütz Strahlwirkung: „Ich glaube, eine solche Form der Wertschöpfung sollte Blaupause werden für andere Kommunen.“
Tilo Kummer (BSW), ehemaliger Bürgermeister und aktuell Thüringens Energieminister sagte, dass Energiekosten aus Gas und Öl derzeit hoch seien und es unwägbar sei, wie sie sich künftig entwickelten. „Der Schritt zum Holz ist da ein Garant für niedrige Energiekosten in den nächsten Jahrzehnten“, so Kummer. Die Idee sei damals entstanden, als aufgrund der Käferproblematik es für das Holz quasi keinen Preis mehr gab. „Da haben wir überlegt, was wir machen können, damit wir einen Wertstoff nicht mehr verschenken müssen.“