Meinung Das peinliche Reich

Anstatt Kraft aus ihrer Geschichte zu schöpfen, sind die Deutschen zum Schämen für die Leistung ihrer Ahnen verurteilt. Die erste deutsche Einheit vor 150 Jahren wurde deshalb im Jubiläumsjahr 2021 nicht offiziell gefeiert. Beim sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt sah das zum 100. Jahrestag noch völlig anders aus. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten Bauten aus der Kaiserzeit, die bis heute bestaunt werden.

Briefmarkensammler werden zwar oft belächelt, aber sie erkennen leicht, was sich in der Gesellschaft verändert. 1871 haben die Deutschen erstmals eine geeinte Nation gegründet. Zum 100. Jahrestag des Deutschen Reiches brachte die Bundespost eine Sonderbriefmarke heraus, um das Ereignis zu würdigen. 30 Millionen Mal wurde „Reichsadler mit großem Brustschild und Kaiserkrone“ geduckt, dazu kamen weitere 7,5 Millionen Exemplare für die West-Berliner Post – in Auftrag gegeben von der Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt (SPD).

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Der 150. Jahrestag der ersten Einheit ging 2021 unter CDU-Kanzlerschaft nun ohne Briefmarke vorbei, was kein Drama, aber ein Zeichen ist. Es wurde öffentlich gar nicht an das Jubiläum erinnert. Anstatt Kraft aus ihrer Geschichte zu schöpfen, sind die Deutschen zum Schämen für die Leistung ihrer Ahnen verurteilt. Ganz anders war das noch unter Willy Brandt. Er ließ durch einen Minister am 18. Januar – der Kaiserproklamation 1871 – einen Kranz am Grab des ersten Reichskanzlers niederlegen. Brandt selbst würdigte die Reichsgründung zur selben Stunde in Bonn als „Werk Bismarcks, eines der großen Staatsmänner unseres Volkes“. Zwar könne die militärische Lösung der deutschen Frage „heute kein Vorbild“ mehr sein, habe aber „den damaligen Einsichten und Möglichkeiten“ entsprochen. Schon zuvor sagte er, dass zu „Stolz“ bei der Gründung des Deutschen Reiches „doch wirklich Grund“ gewesen sei.

Völlig im verborgenen blieb das Jubiläum der Einheit 2021 nicht. Die gedruckten nationalen Leitmedien (und auch unser Newsportal) haben immerhin mehrseitige Abhandlungen veröffentlicht, welche Wirtschaftskräfte dieses Land damals entfesselt hat, wie die Wissenschaft Maßstäbe für die Welt setzte und wie Deutschland Vorreiter einer Sozialpolitik wurde, deren Grundzüge bis heute Bestand haben. Ja, sogar Wahlrecht, Presse- und Parteienvielfalt waren im vergessenen Reich fortschrittlicher als in den meisten fortschrittlichen Länder dieser Zeit. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ sich zu einer Diskussionsrunde herab. „Einen ungetrübten Blick zurück auf das Kaiserreich, vorbei an Völkermord, an zwei Weltkriegen und einer von ihren Feinden zerstörten Republik, gibt es nicht und kann es nicht geben“, erklärte er und sprach von einer Heerstraße, die alle Kriege von 1871 bis 1945 verbindet.

So ist sie eben, die moderne deutsche Politik, die nur ihre Sphäre begreifen kann und die Menschen, die dieses Land damals erst geschaffen haben, ihm Kultur und Reichtum gaben, einfach übersieht. Da ist der alte Liedermacher Wolf Biermann weiser als der Bundespräsident. „Das zu spät gekommene Deutsche Reich wäre an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne Weltkrieg eine Demokratie geworden, ein moderner Industriestaat mit irgend einem Blaublut-Simpel als Kaiser-Kleindarsteller, ähnlich wie England mit seiner klugen Königin. Etwa wie all die parlamentarischen Monarchien Holland, Belgien, wie Dänemark und Norwegen, wie Spanien und Portugal“, schreibt er. Der Erste Weltkrieg, der unsinnigste und vermeidbarste Krieg des 20. Jahrhunderts, hat alles zerstört. Biermann zählt die Folgen von der russischen Oktoberrevolution, über den Raubfrieden von Versailles bis Stalin und Hitler auf und schließt: „Deutschland hätte sich ohne das Völkergemetzel in eine blühende monarchistische Demokratie verwandelt.“ Da ist kein Hass auf die deutsche Geschichte, sondern nur die Trauer über eine verlorene Chance.

Präsidenten sind keine Liedermacher. Zu manchen Anlässen wünschte man sich aber doch einen Künstler im höchsten Amt, oder einen wie Willy Brandt.