Meiningen Trauer um verstorbenen Obdachlosen

Andreas Döll und

In Meiningen wird eines verstorbenen Obdachlosen gedacht. Sein Schicksal wirft Fragen auf: Wie kann solchen Lebenswegen vorgebeugt werden?

Thomas Kreitlow (Bildmitte) hat die Gedenkveranstaltung für den verstorbenen Obdachlosen in Meiningen organisiert. Daran nahm auch der Pfarrer im Ruhestand Michael Wagner (rechts im Bild) teil. Foto: Andreas Döll

Er ist bekannt gewesen in Meiningen. Viele wussten seinen Vornamen. Roland. Manchmal sah man ihn am Nachmittag auf den Gehweg hockend, in der Henneberger Straße oder anderswo, viel zu betrunken, um allein wieder auf die Beine zu kommen. Beim Rettungsdienst und der Polizei kannten sie ihn auch. Sie rückten aus, wenn der Notruf einging, dass eine hilfloser, betrunkener Mann auf dem Gehweg sitzt. Meist war es Roland. Seit Jahren ging das so. Manche wollten ihm helfen. Doch, so hörte man immer wieder, er habe sich nicht helfen lassen wollen. Vielleicht war er längst zu tief drin im Strudel der Abhängigkeit und Trostlosigkeit, um den Weg zurück in ein normales Leben zu schaffen. Jetzt ist er tot. Am Freitagmorgen wurde sein Leichnam in der Anton-Ulrich-Straße aufgefunden. Die Polizei ermittelt nun die genaue Todesursache.

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Trauerkerzen für Roland. Foto: Andreas Döll.

Samstagabend um 17 Uhr trifft sich eine kleine Schar von 15 Trauernden in der Anton-Ulrich-Straße, genau dort, wo in der Nacht vom 8. zum 9. Januar Rolands Leben endete. Es ist ein kalter Wintertag, als sich die Menschen vor dem Laden versammeln. Die Anwesenden können erahnen, wie es in Nacht davor für den obdachlosen Meininger angefühlt haben muss. Einige der Anwesenden kennen das erbarmungslose Leben ohne Obdach aus eigener Erfahrung.

56 000 Menschen leben auf der Straße

Schon am Vortag haben Menschen an der Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt, wo das Leben von Roland endete. Mit 61 Jahren. Kein einfaches Leben, aber eines, wie es doch Zehntausende in ganz Deutschland kennen. Die Zahl der Wohnungslosen hat in der Bundesrepublik einen Rekordstand erreicht: Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder sind ohne festes Mietverhältnis. Das geht aus der Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hervor: 2024 waren demnach 1.029.000 Menschen in Deutschland wohnungslos, also ohne festes Mietverhältnis, vielleicht nur geduldet bei Freunden, Familie oder in einer Notunterkunft. Das ist ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr von elf Prozent. 56.000 Menschen lebten ganz ohne Dach über dem Kopf. Auf der Straße. So wie Roland.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um eines verstorbenen Mitbürgers zu gedenken. Der wohnungslose Bürger Herr R ist gestern an dieser Stelle verstorben. Auch wenn er von einigen nur als Obdachloser wahrgenommen wurde, war er ein Bürger dieser Stadt und Teil unserer Gemeinschaft“, sagt Thomas Kreitlow in seiner Begrüßung. Der Meininger organisierte spontan diese kleine Gedenkveranstaltung. Er erzählt aus dem Leben des Verstorbenen: Wie viele andere Menschen war er nicht von Beginn an obdachlos. Er verfügte über familiäre Bindungen und ein festes Zuhause. Durch einen einschneidenden persönlichen Schicksalsschlag verlor er diese stabilen Lebensverhältnisse. Er geriet in eine Lebenssituation, die von sozialem Abstieg und Alkoholabhängigkeit geprägt war und schließlich zum Verlust seiner Wohnung führte. In den folgenden Jahren lebte er ohne festen Wohnsitz im Stadtgebiet von Meiningen. Er übernachtete in leer stehenden Gebäuden, Garagen oder im öffentlichen Raum. Insbesondere in den Wintermonaten war er dabei erheblichen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Auch seine Alkoholsucht schädigte seinen Organismus.

Ein Leben in Schieflage

Bekannte berichten, dass Roland den Maurerberuf erlernt hatte und in der DDR-Zeit bei der Eisenbahn beschäftigt war. Mit dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch geriet sein Leben in Schieflage. Erst verlor er seine Arbeit, dann verließ ihn seine Frau samt der beiden Kinder. Er wurde schwer alkoholabhängig, wohl auch, um die harte Realität wegzuspülen. Die zahlreichen Hilfsangebote der zuständigen Stellen nahm er meist nur kurze Zeit in Anspruch. Immer öfter schlug er diese ganz aus.

Ein anwesender Trauergast, der sich als Eric vorstellt, erzählt: Trotz eines Studiums sei auch er immer wieder obdachlos. „Die öffentlichen Stellen machen es einem wirklich schwer. Das fängt beim Personalausweis an und hört beim Einrichten eines Kontos auf. Du hast ein Problem, wenn bekannt ist, dass du obdachlos warst. Dann eine Wohnung zu finden, ist quasi unmöglich in Meiningen.“ Aktuell habe er wieder kein Dach überm Kopf, weil seine Mutter, die ihm geholfen hatte, vor Kurzem verstorben sei.

Kurzfristige Übernachtungshilfen, die es in Meiningen gibt, besitzen seinen Worten zufolge allerdings Hürden: „Aus dem Obdachlosenasyl wirst du morgens um sieben rausgeschmissen und musst sehen, wie du klar kommst. Um achtzehn oder neunzehn Uhr darfst du wieder rein, bis zwanzig Uhr musst du spätestens da sein und darfst keinen Alkohol getrunken haben. Aber um sich bei solchen Temperaturen warm zu halten, trinkt man einfach Alkohol, das macht jeder Obdachlose!“

Hinzu komme, dass in Obdachlosenunterkünften keine Tiere erlaubt sind, was für Menschen auf der Straße ein enormes Problem darstellt. Sie sind nicht nur Haustiere, sondern wichtige emotionale Stützen und teilweise sogar Lebensretter, die zurückgelassen werden müssten. „Mein Border Collie hat mit mir in einem Schlafsack geschlafen, um uns gegenseitig warm zu halten. Das hat mir wahrscheinlich den Arsch gerettet!“, berichtet Eric.

Diskussionsrunde angeregt

„Hilfe muss da ansetzen, was die Menschen auch wirklich brauchen. Das was den Menschen wirklich hilft und nicht, was wir denken, was ihnen hilft!“ Das sagt Yvonne Kamm, die sich nach der Gedenkveranstaltung an einer regen Diskussion beteiligte, die in der Idee mündete, einen Runden Tisch mit Verantwortlichen und eben auch Betroffenen ins Leben zu rufen.

Eine Frage ging allen im Schein der Trauerkerzen durch den Kopf: Wie lässt sich verhindern, dass sich ein solches Schicksal wiederholt?