Rohr – Die Zeiten, in den „so laut und hart wie nur möglich“ die Maxime zu sein schien, liegen nun schon einige Jahre zurück. In den ersten Jahren war das, als fast ausschließlich Bands aus den härtesten und düstersten Metal-Ecken verpflichtet wurden, als mancher im Dorf das Spektakel draußen vor dem Ort ob des stundenlangen „gutturalen Gebrülls“ als „Grunzmusik“ verspottete. Längst ist das musikalische Spektrum der auftretenden Bands größer, sind die Stilrichtungen vielfältiger geworden. Im Gegenzug wurde das Publikum bunter. Nicht mehr fast ausschließlich schwarz gewandete Metal-Freaks bevölkern alljährlich Ende Juli die Riedwiesen, sondern auch viele „normale“ Rockfans.
So auch am vergangenen Wochenende, als insbesondere das Line-up am Freitagabend betont rockig daherkam. Fünf der sieben auftretenden Bands – Papercut aus Schmalkalden, Far Away Town aus Österreich, Buzz Rodeo aus Schwaben, The Silver Shine aus Ungarn und Old Man Coyote aus der Oberrhein-Region – sorgten für ein breites Rockspektrum im Ried bis hin zu Rock’n‘Roll und Punk. Das Publikum ging nach einer gewissen Warmlaufphase bei allen Stil-Schwenks begeistert mit. Als die Jungs von Papercut als der dritten Band des Abends zu den Instrumenten griffen, war die Fan-Dichte vor der Bühne noch sehr übersichtlich. Doch nach zwei, drei Titeln füllte sich das Areal mit neugierig gewordenen Festivalbesuchern. „Klasse Sound“, „Sauber gespielt“ war immer wieder zu hören. Nach dem letzten Song, dem druckvollen „Pirate Skip Suicide!“ – vermutlich das Bestwerk der Gruppe – hätte mancher dieser Band noch eine Weile zuhören mögen. Ähnliches lässt sich auf andere Auftritte übertragen. Einen glänzenden Eindruck hinterließ auch das aus Linz angereiste Trio Far Away Town. Bekannt und geschätzt durch einen früheren Auftritt beim Riedfest konnte sich auch der Headliner des Abends, The Silver Shine aus Ungarn, eines großen Fan-Pulks vor der Bühnen sicher sein.
„Die Leute haben alle Bands gefeiert wie verrückt“, sagte Mitveranstalter Toni König im Rückblick. Schon der erste Abend habe super gezündet. Die besonderen Highlights am Samstagabend waren aus seiner Sicht die Rotting Bowels aus Schmalkalden, die einen „erstklassigen Old School Metal“ hingelegt hätten, die chilenische Band Lefutray, die sächsische „Spaß Metal“-Gruppe Al Gore, Disaster KFW aus Weimar und vor allem Master aus den USA. Viele Death Metal-Fans waren insbesondere wegen diesen Jungs aus Chicago gekommen – dankbar darüber, dass sich die zwischenzeitlich aufgelöste Gruppe zu einer Reunion zusammengefunden hat. Unvergesslich dürfte vielen auch die Südthüringer Band BlutEck bleiben, deren Musiker aus Breitungen und Schmalkalden kommen. In Mönchskutten gewandet, umgeben von Kerzen und Accessoires aus Knochen verbreitete die BlutEck-Show eine mystische Atmosphäre. „Ein krönender Abschluss“, befand Toni König. Der sich anschließend ungemein erleichtert fühlte. Als derjenige in der Riedfest-Crew, in dessen Regie die Auswahl der 15 bis 17 auftretenden Bands – für die es jedes Jahr 150 bis 200 Bewerbungen gibt – und die Vertragsverhandlungen mit diesen liegt, ist er erst glücklich, wenn er mit Gewissheit sagen kann, dass das Festival-Programm bei den Fans gut angekommen ist.
Nach dem Riedfest ist vor dem Riedfest. In diesem Sinne beginnen die Vorbereitungen für dessen 17. Auflage schon in wenigen Wochen. Der Metal lässt Toni jedoch auch bis dahin nicht los. Fest eingeplant ist ein Besuch beim Party.San-Festival in Schlotheim am zweiten August-Wochenende. Zum Nabel der Metal-Welt, Wacken in Schleswig-Holstein, wo sich am bevorstehenden Wochenende rund 100 000 Metaller aus aller Herren Länder zum großen Open Air treffen, zieht es ihn jedoch nicht. „Klar, jeder echte Metal-Fan muss das gesehen haben“, meint Toni König. In der Tat sei er einmal dort gewesen. Diese Menschenmassen, nein, das brauche er kein zweites Mal. Wie viel schöner und familiärer sei es da im „Mini-Wacken“ Rohr.
Etwas will er noch loswerden – einen Dank an alle Helfer, derer es diesmal sehr viele waren, an das Versorgungsteam und nicht zuletzt die Besucher. „Es war ein friedliches und sauberes Riedfest, keinerlei Prügeleien oder ähnliches, keine Müllberge. Das Festivalgelände und den Campingplatz hatten wir innerhalb einer Stunde wieder in Ordnung gebracht, so schnell wie noch nie“, so König. Zu guter letzt noch dieser Hinweis: Ab September werde man alle Riedfest-Aktivitäten wieder auf einer Internetseite verfolgen können.