Meiningen. Nur fünf Minuten dauerte das Bomben-Inferno in Meiningen vor 65 Jahren. In diesen fünf Minuten traf das Grauen des Zweiten Weltkrieges die alte Residenzstadt mit voller Wucht. Der Krieg, den Deutschland sechs Jahre zuvor angezettelt hatte, stand jetzt vor der Haustür und verschonte weder Kind noch Greis. Der Angriff der US-Luftwaffe an jenem 23. Februar 1945 tötete 208 Menschen, löschte ganze Familien aus und zerstörte mehrere hundert Häuser.

Der Mediziner Dr. Gert Bihler öffnet in seinem Haus die schwere Eisentür, die in den früheren Luftschutzkeller führt. Die Tür ist – gewissermaßen – ein Zeugnis der Zeitgeschichte. 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn, ließ sein Vater Robert das Wohnhaus in der Bismarckstraße (heute Neu-Ulmer Straße) errichten. Gemäß einer behördlichen Auflage durfte der Luftschutzkeller nicht fehlen.

Bald wurde der Raum tatsächlich Zufluchtsort bei herannahenden Bombern, das erste Mal am 24. Oktober 1940. Da zogen die feindlichen Flugzeuge am Himmel weiter, ohne ihre tödliche Last über Meiningen abzuwerfen. Wie oft die Bihlers in diesem Keller Schutz suchten, lässt sich noch heute an der Eisentür ablesen. Denn Vater Robert, ein bekannter Meininger Arzt wie sein Sohn heute, machte bei jedem Besuch einen kleinen Bleistift-Strich ans Metall.

40 Striche sind es geworden – und 39 Mal ging alles gut. Beim 40. durch Sirenengeheul erzwungenen Keller-Besuch aber steuerten die Piloten tatsächlich Meiningen an. Der sonnige 23. Februar 1945 wurde so zum Schreckenstag: 49 viermotorige B-17-Bomber warfen in drei Wellen zusammen 582 Sprengbomben auf die Stadt. Die Piloten konnten ungestört operieren. Es donnerte keine deutsche Flak, kein Abfangjäger stieg auf. 208 Menschen, vom Säugling bis zum Greis, verloren in fünf Minuten ihr Leben.

In den Unterlagen der US-Luftwaffe ist die Angriffszeit exakt festgehalten: 12.43 bis 12.48 Uhr. Der Bombenregen auf Meiningen war Teil einer zweitägigen großangelegten Luftwaffenoperation unter dem Namen „Clarion“ (Kriegstrompete), bei der Verkehrswege und Verkehrsanlagen aller Art zerstört werden sollten.

Nach dem Luftangriff konnten die Überlebenden ihre Stadt kaum wiedererkennen: Überall Trümmer und Bombentrichter. Der Bayerische Bahnhof mit seinen Gleisen zerstört, der Preußische Bahnhof und das Tanklager in Flammen, die Brücken in der Schulstraße und am Volkshaus zerborsten. Ein Volltreffer ging aufs Landgericht in der Bismarckstraße (heute Standort eines Parkhauses), Rathaus und Sparkasse brannten, ebenso die Apotheke nebenan. In den Trümmern der Roten Schule starben 25 Menschen, meist Schulkinder. Auch auf dem Parkfriedhof schlugen etliche Bomben ein. Das Krematorium wurde schwer beschädigt, von der Friedhofskapelle blieb nur ein Trümmerhaufen.

Zahlreiche Wohnhäuser verwandelten die Bomben in Schutt und Asche. Besonders große Schäden gab es Am Frauenbrunnen, in der Berliner Straße, der Bismarckstraße, der Sachsenstraße, in der Freitagsgasse, der Luisenstraße und in der Schlundgasse. Die Bilanz von Bürgermeister Friedrich Sorge nach dem Angriff: 30 total zerstörte und 250 schwer beschädigte Häuser. In einer späteren Meldung heißt es sogar, dass 131 Häuser und 120 Wirtschaftsgebäude total zerstört und weitere 254 Wohnhäuser und 190 Wirtschaftsgebäude schwer beschädigt wurden.

Als die Flugzeuge ihre todbringende Fracht über Meiningen ausklinkten, saßen Dr. Robert Bihler mit seiner Frau und den drei Kindern Renate (10), Klaus (9) und Gert (5) im Keller ihres Hauses. Tochter Renate ist heute 75, heißt Heilmann mit Nachnamen und wohnt seit über vier Jahrzehnten in Hiltrup bei Münster in Westfalen. Sie erinnert sich noch gut an die Schreckensminuten jenes Februartages. „Es ging alles ganz schnell. Wir waren kaum unten im Keller angekommen, da hörten wir auch schon die ersten Einschläge. Kurz darauf flogen durch den Druck einer Explosion die Eisentür und die Schutzverschläge vor den Fenstern auf. Wir blieben alle unversehrt. Später sahen wir, was für ein Glück wir hatten. In unserem Vorgarten klaffte ein Bombentrichter. Die Handwerkskammer auf der gegenüberliegenden Straßenseite war getroffen, ebenso das Haus nebenan. Die Bismarckstraße war von Kratern regelrecht übersät.“ Das Bihler-Haus war nicht mehr bewohnbar: Die Druckwelle hatte das Dach abgedeckt. der Balken eines Nachbarhauses war außerdem durch die Decke gekommen. Dr. Robert Bihler kümmerte sich um die Verletzen und holte zuerst eine Frau aus der Nachbarschaft in seinen Luftschutzkeller und verarztete sie, anschließend kümmerte er sich um weitere Menschen.

Die Familie zog vorübergehend zu Verwandten in die Becksche Villa. Weil es da keinen Luftschutzkeller gab, eilten die Bihlers bei jedem Fliegeralarm in die nahe liegende Goetz-Höhle. Renate Heilmann weiß, dass ihr jüngster Bruder Gert seinen 6. Geburtstag am 3. April notgedrungen in der Goetz-Höhle feiern musste, weil wieder einmal die Sirenen schrillten.

Zwei Tage später war der Spuk zu Ende. Am 5. April besetzten amerikanische Soldaten die Stadt. Für Meiningen war an diesem Tag der Krieg vorbei. (hi)