Meiningen. Als Gustl gibt Bryan Rothfuss in der morgigen Premiere von Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“ sein Debüt auf der Bühne des Meininger Theaters. „Irgendwie hat diese Rolle auch mit meinem Leben zu tun“, meint der US-Amerikaner im akzentfreien Deutsch.

„Dieser Gustl kommt nach China in eine völlig andere Kultur. Er muss dort nicht mehr den strammen Dragonerleutnant darstellen und unter strengen militärischen Sitten leben. Das macht ihn locker und wieder interessant für Lisa“, erklärt der Sänger zu seiner Rolle. Gustl reist seiner Geliebten Lisa nach, die sich auf einem Wiener Ball in den chinesischen Prinzen Sou-Chong verliebt hat und ihm ins Land des Lächelns gefolgt ist. In seiner Heimat China lebt der Prinz jedoch ein ganz anderes Leben, er ist eingebunden in strenge Rituale, denen sich auch Lisa beugen muss. So wachsen wieder die Chancen für Gustl, der sich eigentlich schon in Mi, der Schwester des Prinzen, verliebt hat.

„Man könnte die Handlung beliebig fortsetzen“, meint Bryan Rothfuss, „So kommt Mi darauf nach Österreich in eine fremde Welt, in der sie sich verändern muss“. Als US-Amerikaner spinnt er den Faden gedanklich weiter: „Für die Amerikaner ist ein Stipendium oder Collegebesuch in Europa oft die einzige Möglichkeit, raus zu kommen. Das ist sehr wichtig, weil sie nur so erfahren können, dass es auch anders funktionieren kann, beispielsweise mit den Krankenkassen oder vielen anderen sozialen Leistungen.“

Bryan Rothfuss lebt zwischen zwei Welten. „Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich als Amerikaner, pflege hier Traditionen wie Thanksgiving, Halloween oder das Schenken am ersten Weihnachtsfeiertag statt am Heiligabend. Umgekehrt fühle ich mich in den USA als Deutscher, liebe die Ordnung, Pünktlichkeit und Disziplien. Eigentlich fühle ich mich nirgends ganz heimisch, aber überall irgendwie doch zu Hause.“

Amerikaner in Wien

Bryan Rothfuss wurde in Kiel geboren und ist in Osnabrück aufgewachsen. In den 70er Jahren waren seine Eltern aus den USA nach Deutschland übergesiedelt, weil sie hier als Sänger bessere Möglichkeiten hatten. Sein Vater sang an vielen großen Opernhäusern, unter anderem in München, Stuttgart und bei den Salzburger Festspielen. Ein Gastspiel führte ihn seinerzeit bis nach Moskau ans Bolschoi-Theater.

„Als ich 16 Jahre alt war, gingen meine Eltern mit mir zurück nach Philadelphia. Ich habe dann dort meinen High-School- und Collegeabschluss gemacht und ein Gesangsstudium absolviert. Danach studierte ich in Wien am Konservatorium und an der Universität weiter“, blickt der heute 32-Jährige zurück. Und dabei schwärmt er noch immer von Wien: „Es ist ein wunderbares Gefühl, dort durch die Straßen zu spazieren und zu wissen, hier ging schon Mozart oder Beethoven. Ich war beispielsweise in einem Haus, in dem Mozarts Schwägerin lebte, die Türklinken sind noch aus seiner Zeit. Es war schon erhebend, diese Türklinke, die Mozart schon drückte, in der Hand zu halten“, schwärmt der Amerikaner. Manch einer wird das vielleicht typisch amerikanisch nennen, aber genauso fühlt sich Bryan Rothfuss jetzt auch in Meiningen. Auf den Spuren von Johannes Brahms, Richard Wagner und Max Reger zu wandeln, ist für ihn genauso erhebend. Bevor er nach Meiningen kam, hat er sich mit der hiesigen Theater- und Musikgeschichte bestens bekanntgemacht, weiß sogar, dass in der DDR Meiningen die zweitbedeutendste Brecht-Bühne neben dem Berliner Ensemble war.

Ein Amerikaner in Meiningen, das ist schon ein großes Glück, meint Bryan Rothfuss. Dazu verholfen haben ihm einige Zufälle und nicht zuletzt natürlich sein Talent. Nach Gastauftritten zu Opern- und Operettenfestspielen in Österreich, Deutschland und dem Fürstentum Liechtenstein bekam er 2007/08 sein erstes festes Engagement am Theater Vorpommern (Stralsund, Greifswald, Putbus). Dort sang er unter anderem den Belcore („Der Liebestrank“), den Danilo („Die lustige Witwe“), den Hans Scholl („Weiße Rose“), den Vater im Kindermusical „Hänsel und Gretel“, den Taddeo in Rossinis „L‘italiana in Algeri“ – und auch schon den Gustl im „Land des Lächelns“ bei den Ostseefestspielen.

Engagement in Stralsund

Zahlreiche Konzerte führten Bryan Rothfuss unter anderem an das Wiener Konzerthaus, den Wiener Musikverein und die Braun Hall in Philadelphia. Zu seinem Repertoire gehören Kantaten und das Weihnachtsoratorium von Bach, das Te Deum von Dvorák, die Requien von Brahms, Duruflé und Fauré und insbesondere Carl Orffs Carmina Burana. Im Januar dieses Jahres sang er zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Vorpommern in Stralsund erstmals Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“.

In Stralsund lernte der Sänger auch den Meininger Operndirektor Dr. Klaus Rak kennen, der als Gast inszenierte. „Ich habe ihn damals einfach gefragt, ob er nicht eine Stelle für mich in Meiningen hätte. Kurz danach konnte ich als Danilo für Erwin Belakowitsch einspringen und als er ging, wurde ich für ihn engagiert.“

Erwin Belakowitsch kannte Bryan Rothfuss übrigens schon von der Universität in Wien. Er weiß, dass er in Meiningen ein Publikumsliebling war und hofft, „seine großen Schuhe füllen zu können“. Als hoher lyrischer Bariton ist das italienische Belcanto sein Fach. Zu seinen Paraderollen zählen neben den bereits erwähnten der Maltesta („Don Pasquale“) und die Mozartpartien Guglielmo („Cosi fan tutte“) und Papageno („Die Zauberflöte“), mit dem er im Rahmen des „Wiener Mozartjahres 2006“ sein Debüt an der Wiener Kammeroper feierte.

Trotz des umfangreichen Repertoires gibt es Traumrollen, die für den Sänger bislang unerfüllt blieben: „Leider habe ich noch keinen Rossini-Figaro gesungen, das wäre eine Traumrolle für mich. Und von Mozart, den ich schon in den ungewöhnlichsten Versionen gesungen habe, reizt mich immer noch der Graf oder Papageno. Auch den Eugen Onegin würde ich liebend gern interpretieren. Aber ich bin jung, kann noch träumen, alles braucht seine Zeit“, sinniert der ambitionierte Bariton über seine gesangliche Zukunft.

Dazu zählt natürlich auch der Liedgesang, vor allem um seine Stimme und Persönlichkeit zu entwickeln, wie er sagt. Seine Vorliebe gehört Robert Schumann, „wegen der Intimität zwischen Gesang und Klavier, seine Lieder sind eigentlich eine Konversation zwischen dem Sänger und dem Klavier“. Aber er mag auch Brahms und Schubert, wobei er vor letztgenannten großen Respekt hat: „Seine Lieder sind sehr einfach aufgebaut, darin liegt zugleich das Schwierige.“

Liederabende

Neben dem deutschen Liedgut möchte Bryan Rothfuss aber auch englische und amerikanische Volkslieder singen. „Es gibt sehr schöne von Copland oder Bernstein aber auch von vielen unbekannten Komponisten“, meint der Bariton und träumt von eigenen Liederprogrammen. Seinem Onkel, der in New York als Jazz-Pianist lebt, hat er beispielsweise zu Weihnachten die Noten von Schubert „Winterreise“ geschenkt. „Mal sehn, was er draus macht, das könnte vielleicht mal ein gemeinsames Programm werden. Aber noch sind das alles Hirngespinste“, gibt der Bariton Einblick in seine Gedanken.

Aber das ist natürlich alles noch Zukunftsmusik. Jetzt freut sich Bryan Rothfuss erst mal auf den Gustl im „Land des Lächelns“, vor allem, weil Operndirektor Klaus Rak in seiner Inszenierung die Rolle ernst nimmt. Aber auch auf alle anderen Herausforderungen, die ihn in Meiningen erwarten, ist der Sänger gespannt. Mit der Stadt hat er sich bereits angefreundet. „Ich habe in Meiningen schon bemerkt, dass die Thüringer mehr aufeinander zugehen als die Norddeutschen. Deswegen fühle ich mich schon recht wohl. Ich hoffe nur, dass der Winter irgendwann vorbei ist.“

Seine Eltern freuen sich übrigens schon darauf, die Thüringer Bachstädte zu entdecken. Und seine beiden Schwestern, die eine ist Sängerin in Los Angeles, die andere in Wien, werden sicherlich auch irgendwann zu Besuch nach Meiningen und Thüringen kommen. Carola Scherzer