Mein Verein Musikverein Schmalkalden will wieder aufdrehen

Birgitt Schunk

Die lange Durststrecke ist hoffentlich nun zu Ende. Der Musikverein Schmalkalden will endlich wieder richtig aufspielen. Nach der Zwangspause müssen nun aber erst einmal die Muskeln trainiert werden.

Schmalkalden - „Wir müssen uns musikalisch gesehen wieder neu kennenlernen“, sagt Thomas Werlich vom Musikverein Schmalkalden. Monatelang war schließlich das gemeinsame Musizieren wegen Corona untersagt. „Die Wiedersehensfreude ist groß, die Haare werden bei einigen länger geworden sein“, sagt der Saxofonist, der gerne mal einen Spruch auf den Lippen hat, mit Blick auf die viel zu lange Zwangspause. An diesem Freitag werden wieder aus dem Bürogebäude der Agrargenossenschaft Schmalkalden-Schwallungen Trompete, Tuba, Schlagzeug, Klarinette & Co. zu hören sein. Abends, wenn keiner mehr auf dem Gelände ist und in den Wintermonaten nur die Mutterkühe in den Ställen die Klänge vernehmen können. In den Räumen des Landwirtschaftsbetriebes hat der Verein sein Domizil.

Heiko Ritzmann, seit 1998 der musikalische Leiter des Orchesters, hat keine Sorge, dass alle nun das Zusammenspiel verlernt haben. „Musikalisch werden wir wieder schnell zusammenfinden, das geht nicht gleich verloren“, sagt er. Aber von der Ausdauer her werde es Nachholebedarf geben. „Die Muskeln sind nicht mehr so trainiert - kann sein, dass nach zehn Minuten alle fix und fertig sind.“ Ein Blasinstrument zu erlernen und zu beherrschen ist schließlich nicht so einfach. Fußballspielen erlernten die Jüngsten schneller. „Sie treten vor den Ball und können sofort loslegen – ehe aber ein Kind aus einer Trompete überhaupt erst einmal einen Ton heraus bekommt, geht einige Zeit ins Land“, weiß der erfahrene Orchesterleiter, der seinen Abschluss an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar gemacht hat. Da muss vieles passen.

Hendrik Schliewenz kann davon ein Lied singen – oder besser spielen. „Ich wollte früher eigentlich Kontrabass an der Musikschule lernen. Dann hatte ich aber Kontakt zum Musikverein und Heiko Ritzmann drückte mir ein Tenorhorn in die Hand – da war der Kontrabass vergessen“, erzählt der 40-jährige. Doch dabei blieb es nicht. Dem Orchester fehlte seinerzeit jemand, der Tuba spielen konnte. „Ich hatte gute anatomische Voraussetzungen wie volle Lippen und so, hieß es damals – und da nahm die Sache ihren Lauf.“ Groß gewachsen war er zudem, denn das Instrument bringt auch einiges an Gewicht mit. Und so erlernte er von der Pike auf über den Verein binnen eines Dreivierteljahres das Gros der Titel, die der Klangkörper damals bereits „auf der Pfanne“ hatte. Heute ist Schliewenz, der als Lehrer in Floh-Seligenthal tätig ist, Vorsitzender des Musikvereins. So wie er haben schon viele Kinder und Jugendliche in all den Jahren ein Instrument hier erlernt, sind groß geworden und haben dann im Orchester gespielt. Die Ausbildung über den Verein ist anspruchsvoll – und am Ende auf jeden Fall eine gute Visitenkarte. Bruder Felix beispielsweise, der im Orchester Tenorsaxofon spielt, absolviert ein Lehramts-Musik-Studium. „Ohne eine grundsolide musikalische Ausbildung kommt man dort nicht an“, sagt Schliewenz. Beide übrigens musizieren nicht nur im Verein gemeinsam, sondern gerne auch darüber hinaus – zu Hause oder auch mal auf der Bühne als Duo „4Meter9“. Der Name hat mit der Länge der beiden Recken zu tun. Addiert man diese, kommt man genau auf diese Zahl.

Der Verein ist 1991 gegründet worden. Doch die musikalischen Wurzel reichen bis ins Jahr 1970 zurück, als das Jugendpionierblasorchester der damaligen Polytechnischen Oberschule „Hermann Danz“ in Schmalkalden aus der Taufe gehoben wurde. Zwanzig Mitglieder gehören heute zum Orchester, 50 sind es insgesamt im Verein – es sind vor allem der Nachwuchs, dessen Eltern und auch Förderer. Jeder Beitrag ist willkommen und wichtig, um die Arbeit des Vereins zu unterstützen. „Die Instrumente werden anfangs von uns gestellt – wenn ein Kind Interesse zeigt, können wir nicht gleich von den Eltern verlangen, eine gute Trompete zu kaufen“, sagt Heiko Ritzmann, der musikalische Leiter. Da kann es durchaus um 500 Euro und mehr gehen. Auch Kinder von Eltern ohne dickes Portemonnaie sollen hier eine Chance haben.

Vor Jahren gab es noch das A- und das B-Orchester. In letzterem musizierte der Nachwuchs gemeinsam, die A-Besetzung bestritt die Auftritte. Heute nehmen die jungen Musikanten nur am Einzelunterricht teil - sind sie flügge, rücken sie ins Orchester auf. „Wenn jemand ein paar Titel beherrscht, spielt er mit“, sagt Heiko Ritzmann.

Er weiß aus jahrelangen Erfahrungen, dass ein solcher Schritt leichter fällt, wenn die jungen „Nachrücker“ die erfahrenen Hasen bereits kennen. „Ansonsten ist das eine riesengroße Schwelle.“ Den Übergang versucht man deshalb behutsam zu gestalten. Und so gab es vor Corona schon gemeinsame Treffen zum Kennenlernen beim Bogenschießen oder Plätzchenbacken. Doch auch das lag erst einmal auf Eis.

Die Nachwuchsgewinnung ist schwieriger geworden in den letzten Jahren. Es gibt viele Angebote, die locken. Sind die jungen Leute fürs Orchester gereift, verschlägt es den einen oder anderen Musikanten dann aber mitunter beruflich oder privat in andere Gegenden. Die Wege trennen sich – ein Problem, das andere Vereine ebenso haben. Das Corona-Virus hatte sein Übriges zur schwierigen Situation der letzten beiden Jahre beigetragen. „Wir konnten nicht in die Kindergärten oder Schulen, um Schnupperstunden anzubieten“, sagt Marion Neubert, die stellvertretende Vereinsvorsitzende. Die Jüngsten mal probeweise an die verschiedenen Blasinstrumente zu lassen, war undenkbar. Selbst das Keyboard hätte nach jedem Griff auf die Tasten desinfiziert werden müssen. Und so war es kaum machbar, sich nach Nachwuchs umzuschauen. Die Mitgliederzahl aber blieb stabil. „Keiner hat gesagt, dass er seinen Beitrag wieder haben möchte, weil das Vereinsleben auf Eis lag“, freut sich Neubert über den Zusammenhalt.

Wenigstens durch die Einzelproben war die Verbindung da, über Whatsapp hielt man Kontakt – da kamen auch mal Glückwünsche und Grüße zum Geburtstag oder dem Jahreswechsel. Leicht war die Zeit dennoch nicht – auch aus wirtschaftlicher Sicht. Weil Auftritte untersagt waren, fehlten auch die Möglichkeiten, ein paar Euro einzunehmen. Geld aber ist notwendig, um die Ausbildung, die Instrumente oder auch den Notenankauf zu finanzieren.

Heiko Ritzmann setzt die Hürden hoch und hat auch so seine Prinzipien. Würde er alle Anfragen annehmen, könnten durchaus 30 Auftritte im Jahr zusammen kommen. Doch das wäre nicht machbar und zu viel, denn alle Orchestermitglieder haben auch Familie und so im Verlauf eines Jahres viele andere Aufgaben und Termine zu bestreiten. Wenn allerdings Auftritte anstehen, dann sind alle mit an Bord. Anfragen von Veranstaltern nach einer kleineren Besetzung, um vielleicht den einen oder anderen Euro bei der Gage zu sparen, erteilt Ritzmann eine Absage. „Wenn wir spielen, dann spielen wir auch alle.“ Mit Sandra Hellmann gibt es zudem eine Orchestersprecherin, die sich an den Vorstand wenden kann, wenn es mal Probleme gibt.

An die 100 Titel sind aktuell in der Mappe, die derzeit gespielt werden. 300 dürften es insgesamt im Archiv sein. Das Repertoire bietet alles – von der traditionellen Blasmusik zum Frühschoppen, über Rock, Pop, Swing bis hin zu Märschen, Walzer oder Weihnachtschorälen. Was bei den Auftritten präsentiert wird, legt Ritzmann fest. Meist geschieht dies auf Zuruf – zumal er auch selbst spielt und moderiert.

Gerne baut er dabei auch mal ein Stück ein, das sein Orchester noch nicht bis in die letzte Nuance beherrscht. „Die beste Probe ist der Auftritt“, ist er überzeugt. Das Publikum sorgt dafür, dass sich alle noch mehr ins Zeug legen. Dass ein Titel mal richtig in die Hose ging, weil sich alle vor Lachen bogen, hat er in all den Jahren einmal erlebt - das war irgendwann zum Flößerfest in Wernshausen. Einer hatte sich verspielt, der Nächste auch, der Dritte versuchte zu retten… „Das war wie eine Kettenreaktion“, weiß auch noch Thomas Werlich, der ebenso zum Vereinsvorstand gehört. „Immer mehr von uns konnten nicht mehr an uns halten und mussten beim Spielen lachen, es kamen nur noch komische Geräusche. Dann ging gar nichts mehr …“

Bei der Wahl der Instrumente übrigens gibt es klare Favoriten. Bei den Jungs steht das Schlagzeug in der Hitliste ganz oben. Wenn Kinder und Eltern mit diesem Ansinnen kommen, fragt Heiko Ritzmann gleich mal nach, ob die Familie denn auch genug Platz in Wohnung oder Keller hat. In einem Mietshaus kämen die Proben wahrscheinlich nicht all zu gut bei den Nachbarn an… Bei den Mädels hingegen ist das Saxofon gefragt. „Die Muttis sind da meist dafür“, sagt der Orchesterchef und weiß auch warum. „Das Saxofon gilt als ein sinnliches, erotisches Instrument.“

Steckbrief
Name des Vereins:
Musikverein Schmalkalden e.V.
Gründungsjahr: 1991
Zahl der Mitglieder: 50
Alter: jüngstes Mitglied 9 Jahre, ältestes 65 Jahre;
Kontakt/Homepage:
Musikverein Schmalkalden e.V., Asbacher Weg 14,
98574 Schmalkalden,
Telefon 03683/600240
E-Mail: info@mv-schmalkalden.de
www.mv-schmalkalden.de
Regelmäßige Termine:
Orchesterprobe freitags, 20 Uhr. Weitere Termine und Auftritte sind auf der Homepage ersichtlich.
 

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