Märchenhafter Stadtrundgang Gefräßige Alte und ein Dreikönig in Schmalkalden

Annett Recknagel

Zum Schmunzeln war die Märchenführung der Gilde der Schmalkalder Stadtführer. Ein jeder entschied selbst, was glaubwürdig und was erfunden war,

Schmalkalden - So rot wie Blut, so weiß wie Schnee. Nein es war nicht Schneewittchen. Die hatte doch hinten keine dicken Beine. Es war eine verflucht schöne, wunderbare, saubere Dirn. Na – wer? Klar – das Rotkäppchen. Zumindest war es das bei Joachim Ringelnatz. Natürlich wollte das Kind die Großmutter besuchen. Auf dem Weg dorthin – die Alte wohnte in der Schwiegerstraße 13 zu ebener Erde – musste das Mädchen ganz schön schleppen. Drei Flaschen spanischen Wein, zwei Flaschen schottischen Whisky, eine Flasche Rostocker Korn und jede Menge Bier. Außerdem was es bitterkalt. Ringelnatz hatte sich Sibirien als Schauplatz ausgesucht. Denn dort gibt es Wölfe. Das Grimmsche Märchen kommt mit einem aus und dem wurde sein Jagdinstinkt zum Verhängnis.

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Die zahnlose Großmutter nämlich fraß ihn kurzerhand mit Haut und Haaren auf. Diabolo Karacho! Das stimmt doch nicht? Aber es war lustig – nicht für den Wolf und auch nicht für Rotkäppchen und schon gar nicht für den Jäger – die zwei nämlich verspeiste die zickige Alte bei Ringelnatz auch noch – wohl aber für die 25 Damen und Herren, die sich am Samstagnachmittag auf einen Rundgang durch Schmalkalden Märchen für Erwachsene anhörten. Erzählt bekamen sie sie von sechs Stadtführern und die kannten sich aus.

Dabei durfte nicht jedes Wort auf die berühmte Goldwaage gelegt werden. Wer kennt sich schon so genau mit dem Gebiss einer garstigen alten Dame aus? Und wer will den Inhalt der kleinen Schatulle des vierten Dreikönigs wissen? Die Note muss sehr streng gewesen sein. Norbert Hospes sprach von einem Olmitzer Quargel. Dem Gelächter nach zu urteilen, wussten die Gäste sofort, dass das nur ein stinkender Käse sein kann. Kurzerhand wurde der vierte König aus dem Evangelium gestrichen. Denn: Was bitte soll das Jesuskind mit einem Stinkkäse anfangen? Und dennoch – die Mundartgeschichte von Jiri Prihoda brachte Applaus. Inhalt hin, Inhalt her – allein der Witz kam an und wurde beklatscht.

Die Gilde der Stadtführer hatte sich auf die Märchenführung 2021 gut vorbereitet und bekannte Märchen, die nicht unbedingt ihrem Grimmschen Vorbild glichen, ausgewählt. Die Gästen mussten gut zuhören, denn an jeder Station gab es auch noch das ein oder andere Rätsel. Zum Beispiel fragte Bertl Werner nach dem „kurzbeinigen Pfiffikus, der den sozialistischen Wettbewerb durch Vorspiegelung falscher Tatsachen gewonnen hatte“.

Der „Hase“, kam es gleich aus mehreren Mündern. Und auch den Junggesellen, der im dunklen Wald lebt, erkannten die Gäste sofort. Susanne Ehrhardt war in seine Schuhe geschlüpft und erzählte singend seine Geschichte von der schönen Müllerin und dem Kind und der Namenssuche.

Zudem ließ sich der Wicht nach dem ganzen Zirkus um das zu spinnende Gold umschulen und arbeitet jetzt als Namensstatistiker für Erstgeborene im statistischen Bundesamt. Obendrein wurde er als Wutzwerg ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Wer glaubt das? Und noch mehr Hokuspokus.

Am Katzensprung traf die Schar auf eine Hexe, die doch glatt behauptete, nicht zu sterben, sondern sich einfach aufzulösen. Vorher aber war sie nach Schmalkalden gekommen. Um hier nicht aufzufallen, war sie zur Nagelpflege gegangen, hatte sich in der Praxis Hardy eine neue Nase verpassen lassen.

Im Modehaus Johannes fand sie den passenden Hut und schwuppdiwupp war sie eine feine Dame, die es faustdick hinter den Ohren hatte. Je mehr Johanna Witt erzählte, um so gruseliger wurde es. Am Ende aber überlisteten Hänsel und Gretel diese Person und halfen der Polizei dabei, sie festzusetzen. Und die Moral von der Geschicht, trau schönen Damen in Schmalkalden nicht. „Auch so eine kann eine Hexe sein“, meinte Johanna Witt mit erhobenen Zeigefinger. Fehlen noch Gertie Stemmler und Gudrun Hammel. Auch sie traten als Märchentanten in Erscheinung, wobei Gudrun Hammel den Esel aus Bremen spielen musste. Den vier verkrachten Existenzen nämlich gelang es, Hausbesitzer zu werden. Und die Bude stand in Berlin, genauer in Wandlitz. Nicht nur der Esel war etwas speziell, auch der Jagdhund hatte sie nicht mehr alle. Nach einem Lehrgang nämlich ging er den Jägern von ganz alleine vor die Flinte. Der Katze fehlten die weißen Mäuse und der Hahn war ein zentrales Schönwettertier. Man merkt, die Tiere litten unter ihrer DDR-Vergangenheit und wollten deshalb in den Westen. Aber: „Kein schöner Landsitz weit und breit als der in Wandlitz“ - sangen alle vier das beliebte Lied und entschlossen sich zu renovieren. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tapezieren sie noch heute“, lautete der Schlusssatz von Gertie Stemmler und es folgte ein großer Beifall. Die außergewöhnliche Tour führte von der Auer Gasse über die Pfaffenwiese und den Katzensprung zur Alten Schule neu. Dort gab es ein Schnäpschen zum Abschluss für alle. Die Stadtführer bekamen ein großes Lob. Rosemarie Erhardt verteilte selbst gebastelte Wichtel mit handgestrickten Mützen an die Akteure. Das Publikum applaudierte und machte sich mit einem Lächeln im Gesicht auf den Heimweg.