Lindenberg-Konzept Nabu schreibt offenen Brief

Der Nabu sorgt sich um die Artenvielfalt am Lindenberg. Foto: Stefanie Lieb

Der Naturschutzbund Ilm-Kreis hat einen offenen Brief an die Ilmenauer Stadträte verfasst. Darin fordern die Naturschützer, die Zustimmung zum Lindenberg-Konzept noch einmal zu überdenken.

Ilmenau - Lesen Sie hier den offenen Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,

am 15.07.2021 soll es zur Beschlussfassung über die Umsetzung des Entwicklungskonzeptes Lindenberg kommen. Wir als Naturschutzbund (NABU) haben Verständnis, dass Sie das Projekt als attraktives Freizeitangebot für die Jugend und den Tourismus auf den Weg bringen wollen.

Mittelfristig bis langfristig könnte sich dieses Projekt aber als fatale Fehlentscheidung erweisen.

Durch die anstehenden Klimaveränderungen müssen wir mit einer weltweiten Zunahme von Extremwetterlagen rechnen. Wir merken dies jetzt schon, auch in unserer Heimat.

Da wir als Gäste der gemeinsamen Ausschusssitzung am 29.06.21 feststellen konnten, dass in der Beschlussvorlage mehrere Aspekte über die Auswirkungen dieses Projekts auf Natur und Umwelt unerwähnt blieben, sowie Inhalte und Ziele für einen Bebauungsplan nur unvollständig beleuchtet wurden, möchten wir im Vorfeld die Gelegenheit nutzen, Sie auf gravierende Probleme des Projekts hinzuweisen. Dies betrifft vor allem die im Talraum vorgesehenen Bau- und Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere das „Funktionsgebäude“ („Kiosk“), dessen Standort und Größe eine große Bedeutung für die Beurteilung der umweltbezogenen Auswirkungen und der ökologischen Verträglichkeit besitzt.

Das Gabelbachtal im Landschaftsschutzgebiet besteht aus miteinander kaskadenartig in Verbindung stehenden geschützten Biotopen. Im oberen Gabelbachtal befindet sich ein naturnaher Bergbach mit einem artenreichen Auwald. Daran schließen sich im Talabschnitt bis zum Skiabfahrtshang eine Bergmähwiese und unter den Tennisplätzen eine Feuchtwiese mit dem Flächennaturdenkmal „Ritzebühler Teiche“ an, einschließlich mehrerer Quellgebiete, verbunden durch den Grundwasserstrom im Schotterkörper des Tales. Ein Eingriff an weiteren Stellen dieses Ökosystems hätte gravierende Auswirkungen auf die gesamte Kaskade. So führt die Bebauung zu einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der Funktion des Flächennaturdenkmales „Ritzebühler Teiche“ und der anderen geschützten Biotope. Damit wird auch die Funktionsfähigkeit der stationären Amphibienschutzanlage neben den Teichen in Frage gestellt.

Das Gabelbachtal ist von immer wiederkehrenden Hochwasserereignissen betroffen. Regelmäßig treten Überschwemmungen auf, die durch den Auwald und die ausgedehnten Wiesenflächen aufgefangen werden. Leider kommt es aber auch in immer kürzeren Abständen zu sogenannten „Jahrhunderthochwassern“ (zuletzt 1994 und 2016), die zu massiven Zerstörungen der Eisstockanlage und der Tennisplätze geführt haben, die den Bachlauf überfordern sowie den Ritzebühler Teich fast zum Überlaufen brachten.

Es ist absehbar, dass der Klimawandel zu einer Zunahme solcher Starkregenereignisse führen wird.

Wenn die Planungen des Bikeparks umgesetzt würden, hätte dies eine weitere Entwaldung und Versiegelung von Flächen in diesem empfindlichen Gebiet zur Folge. Im Falle eines Starkregenereignisses würden nicht nur die Freizeiteinrichtungen der Talaue, das Flächennaturdenkmal „Ritzebühler Teiche“ sondern nicht zuletzt auch das darunter liegende Wohngebiet „Südviertel“ massiv gefährdet. Deshalb fordern wir ein hydrologisches Gutachten, bevor weitere Gelder für Planungen ausgegeben werden.

Die maschinelle Anlage der vorgesehenen Bikestrecken kann nicht ohne Fällung von

gesunden Bäumen auskommen und wird gleichzeitig durch die Modellierung und Verdichtung des Waldbodens weitere Wurzelschädigungen und gravierende Veränderung des Wasserhaushalts

verursachen. Es ergibt sich dann die Situation, dass der Bikepark die Folgen des Klimawandels noch potenzieren wird. Erschwerend kommt hinzu, dass der dringend notwendige Umbau des Waldes durch die Zerschneidung der Waldbestände infolge des Trailbaus und deren Unterhaltung kaum möglich sein wird. Die Auswirkungen auf den Lebensraum für Wildtiere sind umfangreich. Gerne stehen wir zur Verfügung, um diese näher darzulegen.

Sehr problematisch ist auch die geplante Errichtung eines Abenteuerspielplatzes auf dem Lindenberg. Am Lindenberg befindet sich ein überregional bedeutsames Vorkommensgebiet der Kreuzotter, welches durch die Anlage eines Abenteuerspielplatzes weiter beschnitten würde. Außerdem wären Konfliktsituationen beim Aufeinandertreffen von Kreuzottern und Besuchern, insbesondere mit Kindern, vorprogrammiert. Nach Aussage von Besuchern des Aussichtsturms wurden bereits Kreuzottern auf den Kiesflächen unterhalb des Turms gesichtet.

Die „Untere Naturschutzbehörde“ ist wie wir der Ansicht, dass dieses Vorhaben nicht realisiert werden sollte. Auch um den in diesem Gebiet neu entstandenen bzw. wieder aufgeforsteten Wald zu schonen, sollte auf dieses Vorhaben verzichtet werden. Die Stadt hat den Wunsch einiger Bürger beim „Ilmenauer Balkon“ einige Bäume zu fällen, um die Sicht dort zu verbessern, zurecht mit Blick auf den kritischen Zustand der Wälder abgelehnt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, warum an andere Stelle im gleichen Gebiet großflächig Wald entfernt werden soll.

Stattdessen sollte für den Abenteuerspielplatz ein anderer, auch für kleinere Kinder besser erreichbarer Standort gesucht werden (z.B. in der Nähe der Sommerrodelbahn, um deren Attraktivität zu erhöhen), zumal das jetzige Plangebiet anfällig für die Auswirkungen von Wetterextremen (Hitze, Sturm, Niederschläge) ist.

Wir wissen, dass Sie als Stadträtin/Stadtrat mit diesem Projekt zur Steigerung der Attraktivität der Stadt beitragen wollen. Sie sollten bei Ihrer Entscheidung aber langfristig denken. Ein intakter Wald vor unserer Haustür ist ein Schatz der nicht nur für uns, sondern auch für zukünftige Generationen von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Deswegen bitten wir Sie, vor der Abstimmung die von uns aufgeführten Argumente zu bedenken und in Ihren Entscheidungsprozess einzubeziehen. Die anstehende Entscheidung ist von großer Tragweite. Wenn Sie dem Projekt zustimmen, wird dies zu gravierenden Veränderungen und zu unwiederbringlichen Zerstörungen im Gabelbachtal und im Lindenberg-Gebiet führen.

Wir dürfen uns in Zeiten des Klimawandels und Angesichts des Rückgangs der Biodiversität solche zerstörerischen Projekte nicht mehr leisten. Sie haben sicherlich die öffentliche Debatte um das Projekt verfolgt und Sie wissen, dass es viele kritische Stimmen gibt, die sich gegen das Vorhaben aussprechen. Deshalb würden wir vor der Entscheidungsfindung eine Bevölkerungsbeteiligung vorschlagen, um sie auf eine breitere demokratische Basis zu stellen.

Wir danken Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir hoffen, dass Sie eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen, die dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen dient.

Nabu Ilm-Kreis

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