Leser helfen „Schlimmste Stunde meines Lebens“

Da war noch alles in Ordnung. Franziska, Martin, Oscar und Keno zu Weihnachten. Foto: /privat

Nach einem Motorradunfall ändert sich für Martin Hajek und seine Familie von einem Tag auf den anderen das Leben. Der 37-Jährige, der in Floh aufgewachsen ist, war gerade dabei, sein Haus umzubauen. Jetzt ist er querschnittsgelähmt.

Der Tag bleibt für immer im Gedächtnis von Franziska Amthor. An diesem Samstag, dem 27. August, ruft sie ein Freund an, der gerade mit ihrem Mann Martin auf viertägiger Motorradtour in den Alpen unterwegs ist. Ein Traum, den sich die beiden schon seit Langem erfüllen wollten. Endlich hatte es geklappt. Schon mit 16 waren Franziska und Martin Schwalbe gefahren, ihr Mann seit zehn Jahren Motorrad. Die Maschine ist „sein größtes Hobby“. „Sie waren superglücklich. Es war der vorletzte Tag. Unser Freund sagte, Martin habe einen Unfall gehabt, die Kontrolle über das Motorrad in einer Kurve verloren und sei mit dem Rettungshubschrauber in eine italienische Klinik geflogen worden“, erzählt sie.

Neben sich stehend, in großer Sorge, was ihrem Mann, dem Vater ihrer beiden Kinder, passiert sein könnte, sucht Franziska Amthor die Nummer der Klinik, ruft dort in der Notaufnahme an und hört dann, als sie auf Englisch nach ihrem Mann fragt, im Hintergrund die Töne, die die Geräte von sich geben. „Ich hörte, wie das Herz meines Mannes extrem schnell schlug. Wenn das so ist, dann kann es auch schnell mal stehenbleiben“, sagt sie. Franziska Amthor hat Medizin studiert. Der Pfleger erklärte ihr, dass ihr Mann „noch“ lebe und sie in einer Stunde wieder anrufen solle. „Das war die schlimmste Stunde meines Lebens.“ Sie habe Angst, ja „eine riesengroße Panik“, bekommen. Dass ihr Mann sterben könnte. Dass die Kinder, Oscar, acht, und Keno, zwei, ohne den Papa aufwachsen müssten.

Als Franziska Amthor nach einer Stunde wieder anruft, haben die Ärzte ihren Mann Martin Hajek ins Koma versetzt, um den Körper zu schonen. Mehrere Schädelbrüche, Blutungen im Gehirn, der Rücken gebrochen. Die ersten 24 Stunden sind am riskantesten. Martin überlebt. Franziska ruft jeden Tag in der Klinik an, organisiert den Intensivtransport nach Hause, auch das Motorrad muss irgendwie wieder nach Halle zurück. Martin wird ins Krankenhaus Bergmannstrost in Halle verlegt, ein Unfallklinikum. Dort auf der Rückenmarkstation hat Franziska Amthor während ihres Studiums gearbeitet, kennt Pfleger und Ärzte. Martin wird am Freitag operiert, um die Rückenbrüche zu stabilisieren. Dann heißt es abwarten: Franziska sitzt am Bett, als ihr Mann langsam aus dem Koma geholt wird. „Ich hatte große Angst. Wird er mich erkennen? Ist er noch er selbst?“ Doch als er auf die Frage seiner Frau, ob er wisse, wer sie sei, mit Nein antwortet und grinst, da weiß sie, dass er auch nach dem Unfall „der kleine Scherzkeks“ ist, der er vorher war.

Nach Koma ist die Erinnerung weg

An den Unfall kann er sich nicht erinnern. Als sein Freund ihm zwei Wochen später schildert, was passiert ist, „hat ihn das sehr mitgenommen“. Als die Ärztin dem 37-Jährigen erklärt, dass er im Rollstuhl sitzen wird, lehnt er das zunächst ab. Er werde wieder laufen, sagt er. Nun, zwei Monate später, „sieht er so langsam ein, dass er nicht mehr laufen wird“, sagt Franziska Amthor. Er wird auf der Station, die eine Art Früh-Reha ist, auch psychologisch betreut. Nach Hause kommt Martin Hajek, der eigentlich nur vier Tage von der Familie weg sein wollte, auch die nächsten Wochen nicht. Seine Kinder kann er nur sehen, wenn er die Klinik mal für kurze Zeit verlassen kann. Wegen Corona darf ihn nur eine Person besuchen.

Franziska Amthor musste ihr Leben seit Ende August komplett umschmeißen. Bis zu dem Unfall hat sie nur ab und an als Impfärztin gearbeitet, auch im Schmalkalder Impfzentrum. Sie hat sich hauptsächlich um die Kinder gekümmert. Martin Hajek war der Hauptverdiener. Arbeitet als selbstständiger Industriedesigner. Das Einkommen, von dem die Familie ihren Lebensunterhalt bestritt, fällt auf unabsehbare Zeit aus.

Franziska, die noch in der Ausbildung ist, hat seit 1. Oktober eine Assistenzarztstelle in einer Hausarztpraxis angenommen, um die laufenden Kosten zu stemmen, „denn wir brauchen ein festes Gehalt“. Das sei sehr schwer gewesen, denn sie war bisher als Anästhesistin tätig und muss sich nun in ein völlig neues Gebiet einarbeiten. Sie ist nebenbei auch weiter als Impfärztin tätig. Die andere Option, in ein Krankenhaus zu gehen, sei unter diesen Umständen nicht machbar. „24-Stunden-Dienste wären nicht möglich.“ So, in der Hausarztpraxis, sei spätestens um 18 Uhr Schluss.

Wenn sie ihr einjähriges Pflichtpraktikum in einem Klinikum antreten muss, was noch zu ihrer Facharztausbildung gehört, müsste Martin so weit sein, dass er sich um Haushalt und Kinder kümmern kann, hofft Franziska Amthor. Noch denkt sie in kleinen Schritten, Monat für Monat.

Die beiden hatten sich mit einem Hauskauf in Halle einen Traum erfüllt. Franziska und Martin kennen sich seit der 7. Klasse. In der 10. Klasse wurden sie ein Paar. Franziska, die aus dem Schmalkalder Stadtteil Näherstille kommt, legte ihr Abi am Melanchthon-Gymnasium ab und begann eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Martin ging ans BBZ und studierte nach dem Abitur in Halle Industriedesign. Zuvor waren beide zusammen ein Jahr in Australien.

In diesem Jahr feiern sie ihr 20-Jähriges. Als Paar sind sie nach Halle gezogen, als Martin die Zusage zum Studium erhielt, Franziska arbeitete zunächst weiter als Zahnarzthelferin. Sie bekam nicht gleich den ersehnten Studienplatz für Medizin, da ihr Notendurchschnitt nicht ausreichte. Nachdem die Wartesemester vorbei waren, begann sie 2010 ihr Studium.

Martin war 2011 fertig, arbeitete dann unter anderem in München und Nordhausen, machte sich 2014 selbstständig, als Oscar geboren wurde. Das Glück war perfekt, als die junge Familie das Haus am Stadtrand fand. „Es war zwar alt und damit klar, dass wir viel machen müssen, aber Martin wollte es unbedingt selbst umbauen“, erzählt Franziska, die ab 2017 arbeitete. Die beiden stecken Geld und Zeit ins Haus, machen zunächst die Zimmer im Parterre zurecht. Das Obergeschoss, wo die Kinderzimmer, das Schlafzimmer und ein Bad eingerichtet werden sollen, bleibt bis heute Baustelle.

„Zum Glück haben wir breite Türen in dem alten Haus, aber für den Rollstuhl brauchen wir eine Plattform, damit Martin damit erst einmal ins Haus kommt“, denkt Franziska voraus. Dann einen Lift, der ihn in die obere Etage bringt. Alleine das veranschlagt sie mit etwa 20 000 Euro. 4000 Euro zahlt die Pflegekasse für solche Umbauten.

Der Große, der die zweite Klasse besucht, brauche dringend einen Rückzugsort, denn er habe die Folgen des Unfalls seines Vaters noch nicht begriffen. Und Martin falle es sehr schwer, „das Haus jetzt an andere abzugeben“. Die Familie bewohnt provisorisch im Moment zwei große Räume im Parterre.

Hausumbau erst mal auf Eis gelegt

Wie und wann der Umbau nun weitergehen könne, weiß Franziska Amthor nicht. Freunde aus Floh, wo Martin in jungen Jahren auch mal im Kirmes- und Karnevalsverein war, hätten ihre Hilfe angekündigt, damit die Kinderzimmer fertiggestellt werden, denn die Materialien hatte Martin schon alle da. „Wir sind so froh und dankbar“, sagt Franziska. Auch dass die Bank die Raten für den Hauskredit erst einmal gestundet habe, helfe ihr sehr. Ihre Mutter war aus Schmalkalden die ersten Wochen nach Halle gekommen, um ihre Tochter zu unterstützen. Andere Verwandte, wie Franziskas Bruder oder Martins Mutter, wohnen weit weg, können nicht helfen. Sie sei froh, dass ein Erzieher der Kita den kleinen Sohn an den Tagen, wo Franziska länger in der Hausarztpraxis arbeiten muss, auch nach Dienstschluss weiter betreut. Das endet im neuen Jahr, „dann sehe ich weiter“.

Dass Martin, wenn er von der Reha wieder nach Hause kommt, seine Arbeit wieder aufnehmen wird, davon gehen die beiden aus. Doch so, wie vorher, werde er nicht mehr arbeiten können, denn als Rollstuhlfahrer seien permanent Physiotherapien notwendig, weiß Franziska. Sie hat in den letzten Wochen schon hunderte Seiten an Anträgen ausgefüllt. Denn trotz ihrer Ausbildung muss auch sie sich erst in alle Formulare einlesen. Sicherlich gebe es in Deutschland eine gute medizinische Versorgung, das wisse sie als Ärztin, doch nicht alle möglichen Therapien werden auch von der Kasse übernommen. So hat sich Franziska Amthor schon schlaugemacht, dass es ambulante Intensiv-Therapien für Rollstuhlfahrer gibt, die die Kasse nicht bezahlt und die nur wenige Praxen in Deutschland anbieten. So eine Therapie kostet 10 000 Euro. „Aber egal, wir werden alles möglich machen, was geht, um ihm zu helfen.“ Denn, obwohl die Ärzte gesagt haben, dass das Rückenmark vollständig durchtrennt sei, habe Martin vor ein paar Tagen ein Kribbelgefühl in den Beinen verspürt. Vielleicht gibt es ja doch noch ein paar intakte Restnerven.

Denn eines steht fest: „Wir denken immer positiv. Wir werden auch das meistern. Und wir sind froh über jeden, der uns Halt gibt.“ Eine Freundin habe in Facebook einen Aufruf gestartet, damit die junge Familie diese schwere Zeit besser übersteht, auch finanziell. „Unfassbar solidarisch“ seien die Reaktionen bisher schon gewesen. Denn neben dem Umbau, der noch im Haus zu leisten ist, und den Zusatzkosten, die einige Therapien und auch Hilfsmittel fordern, braucht die Familie auch ein behindertengerechtes Auto, damit Martin Hajek schnell wieder mobil ist, wenn es sein Gesundheitszustand zulässt. „Unser Auto hat 220 000 Kilometer drauf und ist nicht rollstuhlgerecht. Das ist eigentlich der größte Posten, der auf uns zukommt“, sagt die zweifache Mutter.

Wer der Familie Amthor/Hajek helfen möchte, kann auf das Konto des Hilfsvereins der Heimatzeitungen Freies Wort und Südthüringer Zeitung „Freies Wort hilft – MITEINANDER FÜREINANDER“ unter dem Stichwort „Martin“ spenden. IBAN: DE39 840500 00 1705 017 017.

Das Geld geht 1:1 an die Familie und soll helfen, den Alltag für Martin Hajek als Rollstuhlfahrer nach seiner Rehabilitation zu erleichtern.

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