Lesebuch Noch’n Prinz für Schneewittchen

„Wer will schon in den Süden“ heißt das Sammelsurium von Geschichten und Gedichten Thüringer Autoren. Petra Elsner hat dieses Cover dafür entworfen – im Buch gibt es viele weitere Illustrationen. Foto: /FBK

Was für schräge Geschichten! Eine Prinzessin mit zwei Prinzen, eine Waschmaschine, die Einkaufszettel vorrumpelt, ein Mäuserich, der seinen Familienclan im Kartoffelacker dirigiert – Suhler und Südthüringer Autoren haben ein Lesebuch mitgeschrieben.

Ein „Lesefest für alle“ möge dieses Buch sein. Wünscht sich jedenfalls sein Herausgeber, der Friedrich-Bödecker-Kreis. Seit ziemlich genau 30 Jahren engagiert sich der rührige Verein aus Erfurt für Thüringer Schriftsteller, und vor allem für diejenigen, die es einmal werden wollen. Unzählige Workshops, Lesungen, Schreibwettbewerbe und auch etliche Bücher sind in drei Jahrzehnten entstanden. Wobei Menschen wie Ellen Scherzer, die die Idee zum neuesten gedruckten Werk des Kreises hatte und es redaktionell zuwege brachte, die Schriftstellerei auch als Hobby verstehen: Anfänger wie Fortgeschrittene, Laien wie Profis finden im Verein zusammen – wie auch in diesem Buch zum runden Bödecker- Jubiläum.

„Wer will schon in den Süden“ hat Ellen Scherzer die 244 Seiten starke Anthologie mit Geschichten und Gedichten genannt. So ist auch einer der Texte im Buch überschrieben. Da schwingt Sehnsucht mit in diesem Titel – na klar. Aber auch ein bisschen Corona-Blues, der sich auf vielen Seiten unterschwellig findet, die insgesamt 41 Autoren aber auch wie ein Katalysator zu fantastischen Einfällen aufstachelt. Und da schwingt Humor mit – gleichsam die erstaunliche Gabe, Geschichten in einem Ton zu erzählen, der Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen neugierig machen dürfte. Und selbst zum Vorlesen für die noch Jüngeren eignet sich der ein oder andere Text.

Mit zehn Autoren, die hierzulande groß geworden sind oder hier leben, ist der Süden Thüringens und vor allem Suhl stark vertreten – eingedenk der Tatsache, dass sich die literarischen Hotspots des Freistaats in Erfurt, Weimar, Rudolstadt oder Jena befinden. Immerhin wohnt mit Landolf Scherzer der populärste Thüringer Autor in Dietzhausen. Und gar nicht zufällig hat auch er eine Geschichte für Ellen Scherzers Buch geschrieben – und dazu noch eine, wie man sie von ihm nun gar nicht kennt: „Elli und das Wühlmausdorf“ ist eine kleine Erzählung für Kinder, in der ein gar nicht mehr so kleines Mädchen ihren Papa mit heldenhaftem Einsatz davon abhält, eine Mäusefamilie im Kartoffelfeld auszurotten – nur, weil ein paar abgenagten Kartoffeln die Urlaubskasse der Bauernfamilie für die bevorstehende Weltreise schmälern würde. Natürlich freundet sich Elli mit dem Mäusechef Fridolin an, und natürlich gibt der Papa schließlich klein bei. Und alle, so viel pädagogischen Zeigefinger gestattet sich Scherzer, sind am Ende glücklich, dass sie „nur“ Urlaub an der Ostsee machen dürfen. Glück ist eben nicht käuflich, sondern ein Moment der Erfüllung.

Und da erzählt der ebenfalls Dietzhäuser Autor Siegfried Schütt mit Humor, wie er als Naseweis von zehn, zwölf Jahren bekannte Märchen umdichtet, die er dann seinen Klassenkameraden zum Besten gibt: Rapunzel bekommt eine Leiter zu hochklettern, weil es ihm nach Tests bei den Mädchen seiner Schule als unwahrscheinlich erschien, dass sich junge Damen am Zopf ziehen lassen würden, geschweige denn jemand an einem solchen hochklettern könnte. Dornröschen schlief nur ein Jahr, da Schütt es für nicht ratsam hielt, einem Prinzen eine 100 Jahre „alte Schachtel“ anzudrehen, und Schneewittchen verheiratete er gleich mit zwei Prinzen: Wenn einer auf Arbeit war, konnte der andere die „dumme Gans“ vor gefährlichen Haustürgeschäften abhalten.

Und da erzählt die in Suhl geborene und in Schönbrunn aufgewachsene Romina Nikolic mit illustrer Fantasie, wie der Corona-Blues langsam aber sicher ein ganzes Haus lahmlegt: Der Fernseher leidet an Bildstörungen und sendet „Error“-Codes, die fleischfressende Pflanze verschmäht Fliegen und will auf den Balkon flüchten, die Klamotten der Bewohner verschwinden auf wundersame Weise, und die Waschmaschine ist so deprimiert, dass sie im Schleudergang die Wörter auf einem zufällig in einer Hosentasche vergessenen Einkaufszettel vorrumpelt.

Es sind Geschichten zum Schmunzeln, Weiterdenken – und, ja, einfach gute Laune kriegen. Etwa wenn Iris Fleischhauer aus Schalkau von Tara schreibt, die von Tom total genervt ist bis er ihr die Matheaufgaben erklärt. Oder die in Zella-Mehlis geborene Heike Neumann die sechsjährige aufgeweckte Mia mit Doppelzahnlücke zufällig zur „Heldin des Tages“ werden lässt. Oder die in Meiningen geborene Antonia Kraus ein wildes Wasserpistolen-Gefecht mit den Nachbarskindern be-schreibt. Es sind, mithin, literarische Miniaturen aus Thüringen – übrigens reich illustriert, die auch etwas über das Leben und Denken der Menschen erzählen, die sie aufgeschrieben haben. Über den Prozess des Schreibens, der für die allermeisten nicht Beruf ist, sondern „nur“ Berufung. „Entstanden ist ein Buch für kleine und große Kinder“, schreibt Ellen Scherzer. Das stimmt. Und genau das ist auch das Schöne daran.

„Wer will schon in den Süden – Geschichten und Gedichte“ – Verlag Tasten & Typen Tabarz 2021, 14,80 €

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