Leitartikel zur Impfquote Wir müssen reden

Impfung und Regeln gleich Diktatur? Viele Skeptiker und Leugner sehen das so, wie hier bei einer Demo vor dem Landtag in Erfurt. Foto: dpa/Martin Schutt

Skepsis gegenüber dem Impfen, Geringschätzung der Corona-Regeln: Im Süden Thüringens mit seinen vielen Pandemie-Hotspots ist das nicht die Sache einer radikalen Minderheit, sondern eine Haltung, die in der Mitte der Gesellschaft verbreitet ist. Die Vernünftigen sind jetzt ganz aktiv gefragt, meint unser Kommentator Markus Ermert.

Quälend langsam nähert sich der Anteil der komplett Geschützten im Impfgegner-Hotspot Hildburghausen wenigstens der 50-Prozent-Marke. Auch anderswo im Süden des Freistaats, in Sonneberg oder Saale-Orla, liegen die Impfquoten noch weit unter dem ohnehin sehr niedrigen Werten Gesamt-Thüringens. So wie in Sachsen oder Südbayern. Die gleichen Regionen behaupten ihre stabilen Spitzenplätze in den bundesweiten Inzidenz-Ranglisten, den Alarmstufen der Intensivmediziner und den Hilferufen der Gesundheitsämter. Bisher ohne jede Aussicht auf schnelle Besserung. Aber mit der Gewissheit, dass besonders dort ziemlich genau zu Weihnachten ziemlich viele der jetzt erkrankten Ungeimpften ziemlich vielen Familien Trauer- statt Feierstimmung bescheren werden. „Wie kann das sein?“ fragen die im Norden und Westen, wo die Impfbereitschaft viel höher und die Infektionslage sehr viel moderater ist.

Die vordergründige Antwort ist simpel: Das Virus verbreitet sich einzig und allein durch ungeschützte, intensive Begegnungen Infizierter mit Nichtinfizierten, und dann umso schneller und mit umso zahlreicheren Krankheits- und Todesfolgen, je weniger Menschen geimpft sind. Kein „Ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen“ kann an diesem Fakt etwas ändern.

Mögliche hintergründige Antworten werden unter Stichwörtern wie „Querdenker“, „Mangelndes Demokratievertrauen“ oder „Wissenschaftsskepsis“ diskutiert – und das Problem damit zu einem der politischen, sozialen oder weltanschaulichen Ränder der Gesellschaft erklärt. Genau das ist es aber nicht in Regionen, wo die Hälfte der 18- bis 59-Jährigen einfach nicht mitmacht. Wo es Chef-, Haus- und Oberärzte gibt, die öffentlich alle Corona-Regeln ablehnen. Wo ein Stadt-Bürgermeister allen Ernstes behauptet, man verhalte sich hier „nicht mehr oder weniger unbesonnen als anderswo“; der die Pandemie statt mit Impfen und Regeln mit mehr Krankenhausbetten auslöschen will. Wo ein aufrechter Landrat einen langen Dankes-Brief an den Suhler Intensiv-Chefarzt schickt nach dessen dramatischem Lagebericht in dieser Zeitung, während in seinem Landkreis angesehene Ärzte bei Impfgegner-Aktionen mitmachen. Wo der Chef des regionalen Klinikverbundes Regiomed einräumen muss, dass kaum 60 Prozent der Beschäftigten geimpft sind. Wo sich viele andere Kommunalpolitiker und Mediziner an den Kopf fassen, sich für ihre Kollegen schämen und sich dann erst recht wieder an ihre Arbeit gegen das Virus machen.

Wo es ebenso auch diejenigen gibt, die – mit Maske, Verzicht, Impfausweis und zusammengebissenen Zähnen – alles ihnen Mögliche tun, um dieses verdammte Virus aus unserer Mitte zu verbannen. Die, sofern über 60, selbst in den Skeptikerhochburgen zu drei Vierteln geimpft und damit wenigstens in dieser Altersklasse die große Mehrheit sind. Die aber zugleich dabei zusehen müssen, wie jeder zweite ihrer Nachbarn, Freunde und Kollegen auf all dies pfeift; wie in den Hotspots – auch das zeigt die Statistik – vor allem Jüngere den Weg zur Impfstelle scheuen, angespornt von vielen schlechten Vorbildern.

Jener großen Gruppe der Vernünftigen sei eine laute Stimme im Alltag gewünscht. Jeder Bürgermeister, der seinem als Wissenschaftsleugner auftretenden Nachbarn die Fakten aufzählt; jede Ärztin, die klare Kante zeigt gegen Kollegen, die Patienten wissentlich in Gefahr bringen; jeder Familienmensch, der wenigstens versucht, seinen Schwager vom Glauben an irre Verschwörungstheorien abzubringen; jede Auszubildende, die an Verantwortung erinnert, wenn’s beim älteren Mitarbeiter damit hapert: Sie alle bewirken mehr als jeder offizielle Impf-Appell. Mehr noch: Wahrscheinlich brauchen wir sie mehr als jeden offiziellen Impf-Appell. Südthüringen, wir müssen reden. markus.ermert@insuedthueringen.de Seiten 3 bis 5

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