Lehrermangel Schulleiterin: „Es ist bald nicht mehr auszuhalten“

Kathleen Henkel, Sprecherin der Schmalkalder Grundschule, am Mittwoch im MDR-Interview. Die Nachricht, dass eine 2. Klasse wegen Lehrermangels nach Hause geschickt wurde, hat für Aufsehen gesorgt. Doch es könnte bald noch schlimmer kommen. Foto: Sascha Willms

Der Lehrermangel an der Schmalkalder Grundschule entspanne sich bald leicht, heißt es aus Erfurt. Doch das Licht am Ende des Tunnels könnte ein Zug sein, glaubt man einer Schulleiterin der Region, die anonym bleiben will.

Schmalkalden - Nach neuestem Stand soll die nach Hause geschickte 2. Klasse der Staatlichen Grundschule in Schmalkalden am Montag wieder in die Schule dürfen. Vergangene Woche war für die Kinder Homeschooling angeordnet worden – nicht wegen Corona, sondern wegen des eklatanten Mangels an Lehrkräften in der Region.

Nur die Spitze des Eisbergs

Ab Montag kehre eine Lehrkraft aus dem Krankenstand zurück und falls nötig, werde das Schulamt mit der Abordnung einer weiteren Erzieherin unterstützend eingreifen, teilt ein Ministeriumssprecher nun mit.

Kathleen Henkel und Daniela Möschter, zwei der Elternvertreterinnen der Grundschule, die sich vor Anrufen kaum noch retten können, seit sie an die Öffentlichkeit gegangen sind, bleiben skeptisch. Nach einer Dauerlösung höre sich das nicht an und auch an eine Entspannung im November können sie kaum glauben. „Was wird im November anders sein?“, fragt Henkel am Mittwoch in Fernsehkameras vor ihrer Schule. Wieder fühlen sie sich mit einer kurzfristigen Lösung abgespeist und erhalten jetzt Unterstützung aus einer ungewohnten Richtung. Eine Schulleiterin der Region, die namentlich nicht genannt werden will, sagt: „Ich finde es richtig, dass Eltern laut sagen, dass das so nicht geht. Wir sagen das seit Jahren, aber es tut sich nichts.“

Im Zusammenhang mit dem Schmalkalder Problem war unter anderem bekannt geworden, dass in Fambach gar nur acht Lehrer auf zwölf Klassen kommen. Die Schulleiterin sagt: „Es gibt keine Schule in der Region mehr, an der das viel anders ist.“ Dass sie selbst zum Beispiel fast die gesamte Zeit ihrer bisherigen Laufbahn gleichzeitig auch Klassenlehrerin sei, das sei schon lange Normalzustand.

Gebe es heute an einer Schule eine Lehrkraft mehr, als Klassen, werde sie an eine andere abgezogen. Horterzieherinnen werden im Unterricht eingesetzt, Lehrerinnen im Hort, ganze Unterrichtsfächer werden gestrichen. An der einen Schule sei das „nur“ Schulgarten, in Schmalkalden Englisch, an anderen Schulen andere Fächer. Förderzentren ziehen ihre Lehrer für benachteiligte Kinder aus Grundschulen wieder ab, weil sie jede Kraft selbst benötigen. „Diese Kinder fallen gerade komplett hinten runter“, sagt sie und gibt eine düstere Prognose ab.

„Wenn die nächste Krankheitswelle kommt, können wir das nicht mehr deckeln. Dann werde auch ich nicht drumherum kommen, Klassen nach Hause schicken zu müssen“, sagt sie für ihre Schule. Obwohl das überhaupt keine Lösung sei, sondern lediglich die gefährliche Entwicklung, die pandemiebedingte Notlösung zum Normalzustand werden zu lassen. „Was uns aber umtreibt, ist die Sorge um die nächsten Jahre. Wir wissen ganz genau, dass es nicht besser werden wird.“ Schlimmer noch: „Die Schülerzahlen nehmen zu, einige Einrichtungen müssen bald wieder zweizügig fahren, doch mit welchem Personal? Wenn die Belastung weiter so steigt, werden ihrer Ansicht nach auch Langzeitkrankheiten zunehmen. In den nächsten Jahren gehen zudem weitere Kolleginnen in Rente und es gebe keine Nachrücker und keine Bewerber.

Lösungen seien kaum in Sicht. Eine wäre, ihrer Ansicht nach, die Aufteilung der Lehramtsstudenten nach Schulform besser zu lenken. An Gymnasien sei der Lehrermangel nicht so eklatant, weil sich mehr Studenten für die Gymnasiallehrerausbildung entscheiden.

Es fehlen ganze Jahrgänge

Bei der Suche nach Schuldigen für den derzeitigen Lehrermangel nehme sie allerdings die aktuelle Landesregierung in Schutz. Die Fehler seien schon vor Jahren unter der CDU-Regierung gemacht worden. „Lehrer wurden rausgeworfen oder erst gar nicht eingestellt und die kommen nicht zurück. Da fehlen ganze Jahrgänge“, so ihre Beobachtung für Südthüringen.

Darauf verweist auch der Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums, Felix Knothe. Die langfristigen Versäumnisse früherer Landesregierungen der 90er- und frühen 2000er-Jahre, die von Sparkurs, Personalkürzung und kaum Neueinstellungen geprägt waren, wirken sich nun immer mehr aus. Diese Löcher könnten selbst mit den besten Anstrengungen und den vielen Neueinstellungen, die es seit einigen Jahren ja gebe, in manchen Regionen nur mit äußerster Anstrengung geschlossen werden. Die Situation in Südthüringen bleibe insgesamt sehr angespannt. „Im gesamten Schulamtsbereich hat das Schulamt derzeit noch 19 Einstellungsstellen im Grundschulbereich offen, davon allein 14 in der Region Schmalkalden-Meiningen“, so der Sprecher.

Wie heikel die Situation zu sein scheint, zeigt die Hoffnung auf Entspannung im November, die sich im Ministerium an „zwei Neueinstellungen im Bereich Suhl und eine Neueinstellung in Meiningen“ klammert. Weil das Dilemma absehbar war, seien vor Schuljahresbeginn elf Abordnungen an die Schulen mit dem höchsten Bedarf verfügt worden, so der Sprecher weiter.

Eine Praxis, die die Schulleiterin nur zu gut kennt. „Aber was es bedeutet, mit der betroffenen Kollegin zu reden, was es bedeutet, mit Eltern und Kindern zu reden und was es bedeutet, von Eltern angefeindet zu werden“, danach frage keiner. Das Schuljahr sei erst vier Wochen alt und das Ausmaß an Boshaftigkeit und Beschwerden kaum noch auszuhalten, sagt sie, betont aber auch, die Wut der Eltern nachvollziehen zu können. Und ihnen am Freitag zu sagen, dass sie am Montag ihre Kinder daheim lassen sollen, sei heutzutage schon gar nicht zumutbar.

Aber auch Kathleen Henkel und Daniela Möschter wollen einen falschen Zungenschlag in ihrer Kritik vermeiden und beziehen dazu Stellung: „Wir möchten ganz klar sagen, dass wir nicht die Schule verantwortlich machen. Das ist uns ganz wichtig.“

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