Lebensqualität in Meiningen „Wir können sagen: Es lohnt sich!“

Die Abiturienten Fabian Ender, Emma Marie Krautwurst und Alexander Barz Foto: MT/Sigrid Nordmeyer

„Wie attraktiv ist die Stadt für Jugendliche?“ Eine Frage, die drei Zwölft-klässler am Henfling-Gymnasium in ihrer Seminarfacharbeit in Bezug auf ihre Heimatstadt stellten. Von der Antwort waren sie überrascht.

Meiningen - Um objektivere Angaben zur Lebensqualität in Meiningen machen zu können, reicht es nicht, in der idyllischen Siedlung an der Werra zu leben. Auch hier geboren und aufgewachsen zu sein, befähigt nicht unbedingt per se, allgemeingültige Aussagen darüber zu machen, wie zufrieden „man“ in jener bemerkenswerten Kreisstadt lebt, die ein so bedeutendes Theater hat, das zu ihr gehört „wie die Wurst für den Senf“ – so formulierte es der neue Intendant Jens Neundorff von Enzberg im neuesten „Spektakel“.

Lebensqualität in Meiningen, das umfasst viele unterschiedliche Bereiche. Und wenn es um die Frage nach der aktuellen Situation von Jugendlichen in dieser einstigen Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen geht, dann sind das wohl noch zahlreiche Aspekte mehr, die zu beachten sind. Wer Meininger Jugendliche auf der Straße spontan danach fragt, wie attraktiv die Stadt für sie ist, wird vielleicht nicht unbedingt eine positive Antwort bekommen.

Fabian Ender, Emma Marie Krautwurst und Alexander Barz hätten noch vor einem Jahr wohl länger gebraucht, die verschiedenen Gesichtspunkte miteinander zu vergleichen und abzuwägen, um eine Antwort geben zu können. Hatten sie sich doch für das Thema ihrer Facharbeit genau diese Fragestellung auserkoren und waren dabei, die unterschiedlichen Schwerpunkte untereinander aufzuteilen: Geografische Lage, Sport und Freizeit, Kultur, Bildungseinrichtungen, berufliche Möglichkeiten, Sicherheit, Gesundheitswesen, Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomie, Wohnungssituation, allgemeine Zufriedenheit laut subjektiver Bürgereinschätzung. Heute, nach Abschluss der Seminarfacharbeit und mit 14 Punkten fürs Abi in der Tasche, kommt die Antwort bei allen dreien schnell: „Die Stadt kann sehr attraktiv sein für Jugendliche, denn die Angebote für uns sind viel besser als wir gedacht haben.“ Viele ihrer Altersgenossen wüssten gar nicht, was wann und wo man hier alles machen könne. Das Geheimnis sei wahrscheinlich schon, einfach gut informiert zu sein. Dass die drei das jetzt sind, bewiesen sie auch im netten Gespräch auf der Donopskuppe, mit herrlichem Blick über die Stadt und ihre umgebenden Berge.

„Weil wir alle nach der Schule für Ausbildung oder Studium erst mal woanders hingehen, wollten wir für uns schauen, ob es infrage kommt, dass wir wieder zurückkommen und hier weiterleben.“ Emma Marie Krautwurst benennt die für ihre Gruppe wichtigste Motivation zur Wahl des Themas. Regionale Bezüge für die letzte große schriftliche Teamarbeit an der Schule sind immer gut. Und was liegt für die drei gebürtigen jungen Meininger nicht näher als der Bezug zu den „Jugendlichen“ und die eigene „Heimatstadt“? Fabian Ender wohnt im Blumenviertel, Emma Marie Krautwurst im Vogelviertel und Alexander Barz im benachbarten Utendorf.

Die Möglichkeiten für den wichtigen Eigenanteil einer solchen Seminarfacharbeit schienen von Anfang an groß und verwirklichten sich während der Recherche scheinbar mühelos: Die gewünschten Interviewpartner zeigten großes Interesse an der Arbeit, erklärten sich ohne Umschweife bereit mitzumachen: Iris Helbing (Leiterin des Stadtarchivs und Koordinatorin des Meininger Kinder- und Jugendstadtrates), Cornelia Kraffzick (Leiterin des Geschäftsbereichs Bürgerdienste der Stadt), Polizeioberkommissar Michael Trampler und nicht zuletzt Bürgermeister Fabian Giesder.

Bernd Hebenstreit (Vorsitzender des Sportstättenfördervereins), Serge Musengeshi (Mitarbeiter der Stadt), Sylvia Gramann (Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek) und Axel Wirth von den Meininger Museen hatten hilfreiche Auskünfte geliefert. Letztlich habe das Herausfinden und Herausarbeiten der neuen Erkenntnisse mehr Spaß gemacht als das Schreiben dann selbst, sind sich die drei einig. Emma Marie hat auch das gemeinsame Vorstellen der Seminarfacharbeit richtig gut gefallen. „Die Zahlen zu erfahren. Zum Beispiel, wie viele Straftaten pro Jahr, das war für mich spannend“, findet Alexander. 1900 waren es übrigens 2019, das ist etwas weniger als in den Vorjahren. Fabian meint wiederum: „Die Möglichkeiten der Mitsprache für die Kinder und Jugendlichen haben mich überrascht.“

Letztlich beruhte auf dem Kontrast zwischen der subjektiven Einschätzung der Jugendlichen zu den objektiven Zahlen und der Expertenmeinungen der Dreh- und Angelpunkt ihrer Arbeit. Ganz anders als bei eher theoretisch angelegten Themen, für die man erst einmal eine ganze Menge an Literatur vorneweg wälzen muss. „Es war immer wieder interessant, die Meinungen gegenüberzustellen“, erklären die drei, genau das war wohl für sie der rote Faden, den sie durch ihre Arbeit zogen.

Dass jeder zufrieden mit der jeweiligen Aufteilung der Themen war und alle im Dreierteam an einem Strang zogen, sei für die Motivation nur gut gewesen. Immerhin hatten sie unter Corona-Beschränkungen recherchieren müssen und manche Gespräche konnten nur online stattfinden.

Vor allem um die Altersgruppe der 14- bis 21-Jährigen ging es den Abiturienten. Von 139 Altersgenossen an allen Meininger Schulen ließen sie sich deshalb mithilfe einer Online-Umfrage Antworten geben auf die unterschiedlichsten Fragen zur Stadt. Zum Beispiel: „Würden Sie die Sport- und Freizeitangebote in der Stadt als ausreichend betrachten?“, „Wie zufrieden sind Sie mit der momentanen Bildungssituation in Meiningen?“, „Wurden Sie in Meiningen gesundheitstechnisch immer ausreichend und zufriedenstellend behandelt?“, „Nutzen Sie kulturelle Angebote in Meiningen?“, „Wenn ja, welche?“, „Wenn nein, wieso nicht?“ oder „Wie sicher fühlen Sie sich in Meiningen?“

Die Frage, ob sich die Jugendlichen vorstellen könnten, später in Meiningen zu arbeiten und zu leben, bejahten die wenigsten klar (24, 5 Prozent). Manche konnten einfach „noch keine Aussage treffen“ (33,8 Prozent), die meisten antworteten schlichtweg mit „Nein“ (33, 8 Prozent). „Möglicherweise lässt sich dieses Phänomen zum Teil auf die mangelnden Möglichkeiten für ein Studium in Meiningen zurückführen“, hatten die 17- und 18-Jährigen versucht zu erklären und Bürgermeister Fabian Giesder gefragt, wie man junge Erwachsene aus Meiningen wieder zu einer Rückkehr in ihre Heimatstadt bewegen könne.

Die Kinder- und Jugendmediziner Dorothea Schubert und Thorsten Rauch klopften sie anhand eines Fragenkatalogs ab – nach ihren Meinungen zu Anzahl und Kapazitäten von Kinderärzten in Meiningen oder wollten deren Einschätzung zur Gesundheitssituation und –wesen in Meiningen wissen. Mit ansprechenden Diagrammen bereicherten die drei ihre Arbeit.

„Beim Thema Gesundheitswesen war mir schon im Vorhinein klar, dass wir sehr gut in Meiningen aufgestellt sind, auch durch das ansässige Klinikum“, sagt Alexander Barz. In Bezug auf die Bereiche Wohnungssituation und Sicherheit habe er das Schimpfen mancher Leute aus dem Bekanntenkreis oder der Straße durchaus im Ohr.

Seine Recherchen hätten aber etwas ganz anderes gezeigt: „Das war interessant und dabei sind neue Ergebnisse für mich rausgekommen“, sagt er. Zum einen der Wohnungspreis, „der in Meiningen wirklich noch niedrig ist“.

Und im Gegensatz zum mittelmäßigen Sicherheitsgefühl der Jugendlichen in Meiningen habe das Interview mit Polizeioberkommissar Michael Trampler die etwaigen Vorurteile der Jugendlichen überhaupt nicht bestätigt. Reine Rohheitsdelikte, deren Ausgang als kleinkriminelle Handlung einzuordnen sei, wurden 2019 zum Beispiel mit nur 460 Taten gezählt. Das sei nach Einschätzung der Polizei wenig.

„Für die Größe der Stadt sind auch die unterschiedlichen Angebote echt ausreichend“, bringt es Emma Marie Krautwurst auf den Punkt. Dass sie dann auch mal irgendwo gelesen haben, dass Meiningen wegen seiner geographischen Lage und der guten Verkehrsanbindung als „heimliche Hauptstadt Deutschlands“ gehandelt wird, erzählen die drei Freunde mit einem anerkennenden Kommentar: „Nicht schlecht“.

Wenn es nach der Pandemie wieder losgehen sollte mit Öffnungen und Veranstaltungen, dann freuen sich die drei auf ganz viel: Tanzveranstaltungen im Volkshaus, Treffen mit Freunden in den Kneipen, Kultur- und Sportevents, Vereinsleben.

Die Jungs haben schon mal als Statisten für Theaterproduktionen agiert und erwarten auch die Spielzeiteröffnung mit Spannung. Emma Marie verdient sich gewöhnlich gerne im Schwimmbad Rohrer Stirn etwas dazu und kann es kaum erwarten, dass es dort wieder losgeht.

„Zusammenfassend lässt sich die Lebensqualität in Meiningen für unsere Zielgruppe als hoch bezeichnen“, schreiben sie im Fazit. Lediglich die Bereiche Einkaufsmöglichkeiten, Abendveranstaltungen und Jugendtreffs schnitten nach ihren Untersuchungen mangelhaft ab.

In den Bereichen Wohnungssituation, Gesundheits- und Bildungswesen, Sicherheit sowie den beruflichen Möglichkeiten ziehen sie eine positive Bilanz.

Auch die Faktoren Kultur, Sport und Freizeit bewerten sie als „überwiegend positiv“. Der am häufigsten geäußerte Kritikpunkt im Rahmen der Online-Umfrage war der Mangel an Diskotheken, Tanzbars oder Clubs und mit ihnen das fehlende Angebot für die abendliche Freizeitgestaltung am Wochenende in Meiningen.

„Man weiß nicht, was man an der Heimat hat, bis man in die Ferne kommt“. Das Sprichwort spannt den Bogen für die drei jungen Meininger in ihrer Seminarfacharbeit vom Vorwort bis zum Fazit.

„Sicher“ gebe es bestimmt viele junge Menschen, die nach Studium, Ausbildung oder einfach mal ein paar Jahren Abstand gern wieder in „ihre Stadt“ an der Werra zurückkehrten, schreiben sie am Ende und wissen jetzt schon eines: „Wir können sagen: Es lohnt sich!“

 

Bilder