Lebendige Tradition Kirchweih rund um die Tanzlinde

Mit der Übergabe von Gießer und Fahne beginnt am Freitagabend die Kerwa in Effelder.

Zur Kerwa haben sich 14 Paare plus Gießer- und Fahnenträger gefunden. Foto: privat

An der Tradition kommt bei der Kirchweih, mundartlich gerne auch Kerwa genannt, in Effelder niemand vorbei. Die Tanzlinde unterhalb der Kirche ist nicht zu übersehen und an ihr werden am morgigen Freitag auch die Fahne durch den Pfarrer und der Gießer durch die Bürgermeisterin übergeben. Heuer gibt es übrigens wieder einen selbst angefertigten, handbemalten Gießer, betont Lena Rietenbach von der Plangesellschaft. Man könnte zwar mit der Gießkanne auch die Blumen im Garten gießen, über die Kerwa hinweg spendet das Gefäß aber Gerstensaft und da wird man es wohl mit Wasser nicht „entweihen“. Und natürlich feiert man in Effelder seine Kerwa nicht irgendwann im Herbst, sondern in Nähe des Kilianstages am 8. Juli, denn an den Frankenheiligen Kilian erinnert auch das Patrozinium der Kirche. Mehr – fränkische – Tradition geht hierzulande kaum noch.

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Das Thema Kerwa kommt an, denn Schwierigkeiten, die Runden für den Plantanz zusammenzubekommen, gibt es kaum. Heuer haben sich 14 Paare gefunden, dazu kommen noch Fahnen- und Gießerträger. Getanzt wird nach dem Einmarsch in traditioneller Dreiheit von Walzer, Rheinländer und Schott sowie einem getanzten Ausmarsch. So hoppla-hopp geht das nicht, Übung ist gefragt und die Kerwa geht denn doch länger als nur drei Tage. Da legen sich die jungen Leute ziemlich ins sprichwörtliche Zeug. Lange durchhalten und früh aufstehen ist gefragt. Die Standela durch alle Ortsteile beginnen Samstag bereits um acht Uhr und der Kerwagottesdienst am Sonntag um zehn Uhr, wie es auch jeweils an den Tagen vorher wohl ziemlich spät wird. Indessen, die Tradition geht mit der Zeit, denn der Schautanz gehört schon etliche Jahre dazu. Heuer gebe es auch einen Burgerwagen für die Verpflegung und auch die Ansteckbuttons seien neu, verrät Rietenbach. Da stehen dann Sprüche drauf. Effelder bietet damit ein traditionelles wie zeitgemäßes Festangebot.

In der Mitte der Baum

Pfarrer, Bürgermeisterin und die Tanzlinde scheinen die Festpunkte eines Festes zu sein, das stark von einer langen Tradition geprägt ist. Alles überragend ist die Tanzlinde auch heute noch „das“ Motiv aus dem Frankenblick-Ortsteil Effelder. Solche Bäume waren stets mehr als einfach nur ein Schattenspender, vielmehr standen sie auch als Symbol für die kommunale Eigenständigkeit des Dorfes gegen die durch Kirche und Schloss symbolisierte „Obrigkeiten“. Gepflanzt wurde die Winterlinde 1707 durch den Pfarrer oberhalb des 1692/94 errichteten Pfarrhauses. Aus dem Bäumchen dürfte schnell ein Baum geworden sein, denn bereits 1751 entstand das erste Gerüst, das im 18. und 19. Jahrhundert bereits zwei Stockwerke aufwies – im ersten wurde getanzt, im zweiten saßen die Musikanten. Auf das Gerüst führte seit 1767 sogar eine Steintreppe. 1790 kam auch Herzog Georg I. von Sachsen-Coburg-Meiningen zum Plantanz und soll von der Platzjungfer Johanna Maria Ehrlicher zum Tanz aufgefordert worden sein, einige Runden getanzt und auch sein Gefolge dazu aufgefordert haben, es ihm gleichzutun.

Auch wenn der Pfarrer eine wichtige Rolle spielt und der Name Kirchweihe auf die Kirche deutet, so hatte sich das dörfliche Hauptfest bereits vor der Reformation von seinem Ursprung gelöst. Kirchweihen waren längst weltliche Feiern, bei denen jedoch die Ausgelassenheit im ziemlichen Gegensatz zu den festen Regeln stand, nach denen gefeiert wurde. Der Kirchweihfrieden, faktisch mit Fahnenübergabe verkündet, war hoheitliches Recht, denn wer diesen verkünden durfte, hatte die Dorfherrschaft. Mit dem Kirchweihfrieden wurde ein abgeschlossener Rechtsbezirk geschaffen, der das Dorf nach außen abschloss. Nicht unwichtig: Damit war während des Festes auch ein Marktrecht verbunden, mobile Händler zur Kirchweih also keine jüngere Erscheinung, sondern von Anfang an Teil des Festes. Plantanz, der sich auf die Tanzfläche (den Plan) bezieht, und Kirchweih waren also eine ziemlich ernste Angelegenheit mit starren Regeln.

In seiner zwischen 1804 und 1814 entstandenen Topografie des Pfarrspiels Effelder schrieb Pfarrer Friedrich Timotheus Heim über die Effelder Plankirchweih: „An bestimmten Tage lassen sich die Platzjungfern, wie Bräute mit bloßem Kopf und Kränzen aufsetzen, und die Purschen in ihren besten Kleidern stecken auf den Hut ein neues seidenes Tuch, das sie von ihrer Platzjungfer bekommen, wofür sie ihr in der Folge ein anderes Präsent, zum Beispiel von feinem Tuch zu einem Mieder, machen, und sie während der Kirmes mit Kost und Erfrischungen versehen. So geputzt und abgeholt von den Musikanten versammeln sie sich nach elf Uhr im Hause des Schultheißen, der sie um zwölf Uhr unter Vortritt der Musikanten mit blasenden Instrumenten, paarweise und in Begleitung eines Aufwärters mit einer Stütze Bier nach der Linde führt, um welche er mit ihnen dreimal herumgeht, dann den ganzen Zug an der Treppe der Linde halten läßt, ihnen das Rescript (Anordnung) der hiesigen Gerichte, das die Erlaubnis und die polizeilichen Vorschriften zur Planaufführung enthält, vorlieset und sie ermahnt, sich, auch wegen der Nähe des Pfarrhauses, auf dem Tanzboden friedlich und sittlich zu betragen und sich mit der Abendglocke von denselben zu entfernen und sich ins Wirtshaus zu begeben. Hierauf trinkt der Schultheiß unter dem touche der Instrumente mehrere Gesundheiten, der Höchsten Herrschaften, der hohen Kollequien, des Gerichtshalters, des Pfarrers etc., auch der Platzpaare, und wenn das geschehen, führt er sie die Linde hinauf und übergibt ihnen diese zum Tanz.“

Bemerkenswert: Seit dem 17. Jahrhundert versuchte die jeweilige Regierung das Fest zu reglementieren, die Zahl der Kirchweihen zu reduzieren und auf einen Termin im Spätherbst zu verlegen. In Effelder scheinen sie damit nicht erfolgreich gewesen zu sein, denn im Dorf hielt man am alten Termin fest – bis heute.

Jedoch gab es auch Höhen und Tiefen. Die Industrialisierung und die gesellschaftliche Modernisierung im 19. Jahrhundert ging nicht spurlos an der Kerwa vorbei. 1854 wurde letztmalig ein Eimer Bier von der politischen Gemeinde gespendet. Der Wegfall der Spende kam einer verfassungsrechtlichen Entwertung der Plankirmes gleich und setzte sich 1874 mit der Einstellung des Plantanzes auf der Linde fort. Allerdings verschwand die Plankirmes nicht. Vielmehr scheint es um 1900 zu einer Wiederbelebung gekommen zu sein, getragen von der gesamten Dorfgemeinschaft – bis heute.

Fränkische Prägung

Neben Effelder halten auch die Plangesellschaften in Rauenstein, Bachfeld und Mengersgereuth-Hämmern bis heute an der Plantanztradition fest. Alle Formen, die Tänze (Walzer, Schott, Rheinländer) und die Funktionen (Paare, Gießerträger) finden ihre Entsprechung in Plankirmesveranstaltungen in Franken.

Andreas Zehnsdorf, der sich mit den Tanzlinden in Thüringen befasst hat, konnte fast deckungsgleiche Formen des Plantanzbrauches in Peesten und Limmersdorf (Landkreis Kulmbach) feststellen. Und wer eine fränkische Plankirmes besichtigen möchte, der hat dazu am kommenden Wochenende Gelegenheit.

Kirchweih im Überblick

Freitag, 11. Juli
19 Uhr: Eröffnung der Kerwa und Gießerübergabe an der Tanzlinde; ab 21 Uhr: Feiern mit der Band Firefox.

Freitag, 12. Juli
ab 8 Uhr: Standela in allen Ortsteilen; 21 Uhr: Schautanz der Pla und Kirmesmusik mit Why Not.

Sonntag, 13. Juli
10 Uhr: Kirchweihgottesdienst in der Kilianskirche; ab 14 Uhr: Kaffee und Kuchen an der Tanzlinde; 15.30 Uhr: Kinnerkerwa und Lindentanz; 17.30 Uhr: das Tüchla raustanzen auf der Tanzlinde; 19.30 Uhr: Schautanz und „Begräbnis“ der Kirchweih.

Schaustellbetrieb
Zwischen Freitag und Sonntag gibt es auf dem Marktplatz Schaustellbetrieb durch die Familie Hertel.

Zur Kirchweihhistorie in Effelder
Friedrich Timotheus Heim, Topographie des Pfarrspiels Effelder 1808-1814, herausgegeben von Heinz Sollmann, Erfurt 1992; Rund um Effelder-Rauenstein. Historisches und Unterhaltsames in Wort und Bild, Hildburghausen 2003; Andreas Zehnsdorf, Thüringens merkwürdige Linden (Thüringer Hefte für Volkskunde 16), Erfurt 2009.