Wunsiedel - Zum vierten Mal haben am Samstag die Wunsiedler Bürger mit einem "Tag der Demokratie" gefeiert, dass sie die alljährlichen Neonazi-Aufmärsche aus dem Fichtelgebirgsort verbannen konnten. Unter dem Motto "Wunsiedel ist bunt, nicht braun" zogen rund 400 Menschen für Toleranz und Menschenrechte durch die Stadt. Eine starke Wunsiedler Abordnung unterstützte zeitgleich den Protestzug gegen Neonazis im nahen Warmensteinach. Hier soll der Bürgerprotest verhindern, dass der Hamburger NPD-Funktionär den Traditionsgasthof Puchtler kaufen und zu einem Zentrum der rechten Szene ausbauen kann. In Warmensteinach demonstrierten 2000 Menschen.

In Wunsiedel bedankte sich Bürgermeister Karl-Willi Beck vor allem bei der Jugend, von der die Initiative ausgegangen war, die Neonazis offensiv anzugehen und das rechte Gedankengut schonungslos bloßzustellen. "Wunsiedel war von den Nazis umklammert, aber wir haben es geschafft, die Rechten zu vertreiben", freute sich Beck. Seit Mitte der 1990er Jahre war Wunsiedel alljährlich im August Ziel von sogenannten "Gedenkmärschen" aus Anlaß des Todestages des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß gewesen. Seit 2005 sind diese Aufmärsche der rechten Szene verboten. Ein Erfolg vor allem der Wunsiedler Bürger und ihrer Mitstreiter. "Unser Konzept stimmt und wir sind stolz darauf, wenn es überall kopiert wird", sagte Bürgermeister Beck. An die Nachbarn in Warmensteinach schickte das Stadtoberhaupt solidarische Grüße. Die rund 400 Menschen auf dem Marktplatz ließen - zeitgleich mit den Demonstranten in Warmensteinach - bunte Luftballons zu Hunderten in den Himmel steigen.

Als Hauptredner sagte der bayerische DGB-Chef Fritz Schösser: "Die Nazis haben in Wunsiedel nichts zu suchen. Wir rufen ihnen zu: Ihr gehört nicht in unsere Mitte! Ihr seid eine Schande für dieses Land." Das bunte Fest in Wunsiedel bezeichnete Schösser als Antwort aller Demokraten auf die Bedrohung aus der rechten Szene. Man feiere hier eine Gesellschaft der Vielfalt und der Toleranz. Doch: Für die Feinde der Freiheit dürfe es keine Toleranz geben.

Fritz Schösser lobte die Wunsiedler, die nicht weggesehen hätten und die vor den Feinden der Demokratie nicht zurückgewichen seien, sondern sich aktiv gegen die Rechten stellten. "Ich verneige mich in Respekt vor der Bevölkerung Wunsiedels, die diese Auseinandersetzung angenommen hat." Dies müsse Beispiel gebend sein, denn: "Wunsiedel ist überall."

Schösser sah in der derzeitigen Krise der sozialen Marktwirtschaft einen Nährboden für die Parolen rechter Demagogen. Die Unzufriedenheit vieler Menschen, die mangelnde Glaubwürdigkeit der etablierten Parteien bereiteten den Boden für die braune Saat. Es sei "sittenwidrig", sagte Schösser, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten könnten, obwohl sie voll erwerbstätig seien, aber nur drei oder vier Euro die Stunde verdienten. Alle Parteien müssten sich dieser Herausforderung stellen und wieder stabile Verhältnisse im Land schaffen. "Mit Parteiengezänk spielen wir nur der NPD in die Hände." Die Rechten würden soziale Fragen als Köder für die Verbreitung ihrer völkischen und rassistischen Weltanschauung benutzen.

Dem Münchner Gymnasiallehrer, der den Warmensteinacher Gasthof "Puchtler" an Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger verkaufen will, schrieb Schösser ins Stammbuch: "Mit den Nazis macht man keine Geschäfte. Und man nimmt sie auch nicht als Vorwand, um seine Geschäfte zu machen."

Auch der bayerische Innenstaatssekretär Jürgen W. Heike rief die Teilnehmer des "Tages der Demokratie" dazu auf, der rechten Szene kein Stück Boden zu überlassen. Die parteiübergreifende Gegenwehr aller demokratisch Gesinnten sei hier gefragt.

Weitere Berichte zum "Tag der Demokratie" in Wunsiedel und zum Bürgerprotest gegen Rechts in Warmensteinach folgen.

Eine Frankenpost-Online-Bildergalerie zum Fest der Toleranz und Menschenrechte finden Sie hier: