Kuriose Haus-Geschichte Neue Ära für des Scharfrichters Haus

Dieses Häuschen atmet Geschichte. Von Anbauten, Ställen und Schuppen befreit, wird das ehemalige Scharfrichterhaus nun bald neu aufleben. Foto: /Christian Bley

Ein Fachwerkhäuschen in Fischbach hat die Stadt Kaltennordheim jetzt verkauft – es ist das interessanteste Haus in ganz Fischbach, sagen Heimatforscher. Hier hat früher der Scharfrichter für die Ämter Fischbach und Kaltennordheim gewohnt. Dass es erhalten bleibt, ist ein Gewinn für die Regionalgeschichte.

Ein neues Kapitel für ein jahrhundertealtes Fachwerkhaus in Fischbach hat mit der jüngsten Stadtratssitzung begonnen: Das Gremium beschloss, das 315 Quadratmeter große Grundstück im Kreuzweg 3 mit dem darauf befindlichen Bauwerk an die Höchstbietende, Sylvia Hau aus Fulda, zu verkaufen. Dass die Stadt einen erstaunlich guten Preis erzielen konnte – 22 500 Euro – ist die eine erfreuliche Tatsache. Aus der Sicht von Geschichtsinteressierten jedoch noch viel wichtiger: Das Haus bleibt erhalten und wird nicht etwa abgerissen. Es ist ein unheimlich interessantes historisches Zeugnis, sagt Claudia Greifzu vom Heimat- und Geschichtsverein Merlins Kaltennordheim. „Das ist das interessanteste Haus von ganz Fischbach, neben der Kirche“, erklärt sie.

Der Wasenmeister

Recherchen und Aufzeichnungen eines Heimatforschers, die er um 1850 angestellt hat, zeigten, dass hier der Scharfrichter für die Ämter Fischbach und Kaltennordheim wohnte – nicht nur die nahe Flurbezeichnung „Am Wasen“ weist darauf hin. Der Wasen war (ähnlich wie in Kaltennordheim die „Schinderdelle“) der Ort, an dem der Scharfrichter, auch Wasenmeister genannt, die Reste toter Tiere entsorgt hat. Für die Beseitigung derselben nämlich war er auch zuständig – „nicht nur fürs Köpfen und Foltern“.

Das Grundstück sei immer in kommunalem Besitz gewesen – auch das ein Hinweis darauf, dass sein Bewohner im öffentlichen Dienste tätig war. Und: „Kenntnisreich gebaut“ war das kleine Häuschen, dessen Baujahr man nicht genau benennen kann, auch: Es liegt zum einen nah am Wasser, wäre also bei Bränden verschont geblieben. „Und trotzdem ist der Keller total trocken, das muss man erstmal hinbekommen“, so Greifzu. Auch die uralten, kunstvoll gefügten Fachwerkbalken seien in einem sehr guten Zustand. Im Übrigen ist die lange Reihe der Bewohner durchaus prominent: Der Fischbacher Scharfrichter sei einer der Söhne des bekannten Meininger Scharfrichters Ottheinrich Wahl gewesen.

Ob der letzte Bewohner, der bis vor Kurzem dort lebte, von alldem etwas wusste? Aus dem Blickwinkel der heutigen Zeit sei das Haus in einem ziemlich schlechten Zustand gewesen, beschrieb Kaltennordheims Bürgermeister Erik Thürmer die vorgefundene Situation im Stadtrat.

Eng, niedrig, Plumpsklo

Es gab kein WC, die Zimmer seien eng und im Dach so niedrig, dass er nicht habe aufrecht stehen können, beschrieb Thürmer, welches Bild sich vor Ort bot. Auch der Fischbacher Ortsteilbürgermeister Christian Bley sowie Claudia Greifzu waren bei dem Besichtigungstermin. Möglich war dieser geworden, weil die Stadt seit Ende März rein rechtlich auch das Gebäude betreten durfte. Dessen letzter Bewohner, ein alleinstehender Senior und jetzt im Heim, hatte nach einigen Bemühungen der Stadt und in Zusammenwirken mit seinem Betreuer auf das Eigentum am Haus und sämtlichem Inventar verzichtet. „Das hat die Stadt zum Anlass genommen, das Gebäude nebst Grundstück einer neuen Nutzung zuzuführen“, erläuterte der Bürgermeister. Gemeinsames Ziel der Stadt, des Ortsteilrates sowie des Heimat- und Geschichtsvereins Merlins waren die Erhaltung und Belebung des historischen Gebäudes. Dazu hatte man zunächst einen angrenzenden Nachbarn angefragt, der jedoch am Kauf nicht interessiert war. Auch die Idee, das Haus an das Freilandmuseum in Kloster Veßra zu verkaufen, bestand. „Dort wäre es auch toll gewesen, ein Scharfrichterhaus aus der Rhön zu haben, aber es besteht Platzmangel“, weiß Claudia Greifzu. Umso erfolgreicher war ein Verkaufsinserat Anfang Mai über eine Immobilienplattform: Sieben schriftliche sowie zwei telefonische Anfragen gab es bei der Stadt. Nach insgesamt vier Besichtigungsterminen hatten drei Käufer ein Angebot gemacht. Eines davon – das höchste – wurde jedoch am Folgetag zurückgezogen, beschrieb der Bürgermeister im Stadtrat. Dem Gremium lag nun die Zustimmung zum Verkauf an die verbleibende Höchstbietende, Geschäftsfrau Sylvia Hau aus Fulda, vor. „Da muss man jede Menge Arbeit hineinstecken, aber ich kann mir schon vorstellen, dass ein schönes Wochenend-Domizil daraus wird“, hieß es im Stadtrat. Vor dem Abriss scheint das Haus auf jeden Fall gerettet. Der Ortsteilrat Fischbach ist mit dem Verkauf einverstanden, vergewisserte sich Stadtrat Edgar Gottbehüt noch einmal. Einstimmig wurde die Veräußerung daraufhin von der Versammlung beschlossen.

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