Kunst in Meininger Kirche Hören, sehen, fühlen – und nicht werten

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Hörbare und sichtbare Kunst ist in der Meininger Stadtkirche in neuer Kombination zu erleben. Am Sonntag können die Besucher nach dem Gottesdienst per Live-Schalte mit dem jungen Künstlerpaar aus Dresden sprechen.

Meiningen - Das große Banner am Nordturm von „Unserer lieben Frauen“ verkündet es quer über den Meininger Markt in großen Lettern: „Kunst in der Kirche“. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der städtischen Galerie ada mit der Evangelischen Kirchgemeinde Meiningen. Dass es schlichtweg ganz ohne öffentliche Vernissage, sozusagen erst einmal sang- und klanglos Eingang in das städtische Leben gefunden hat, ist den Auflagen in der Pandemie geschuldet.

Wer die Stadtkirche betritt, kann die bewegte Kunst aber sofort in Aktion erleben. Der interessierte Besucher muss nur ein Pedal betätigen, und schon setzt sich die Klang- und Sichtinstallation eines jungen Künstlerpaares aus Dresden mit Ton und Licht in Gang. Das Pedal befindet sich gut sichtbar am Fuße der Treppen zum Chorraum, mit passender Anleitung versteht sich. Dreizehn Minuten etwa dauert die hörbare Schau: Töne, Klänge, Geräusche und Stimmen kommen nacheinander und wohldosiert aus sieben Akustikplatten, von allen Seiten des Kirchenschiffes.

Gleichzeitig gehen die Spots im Hologramm am Pfeiler vor der Kanzel an. Eine nackte Frau kauert mit umschlungenen Armen um ihre angezogenen Beine in einer Art Hochsitz. Es ist der 3-D-Scan von Deborah Geppert, der Künstlerin, die die Sichtinstallation geschaffen hat. Sie nutzt den seit 1860 bekannten Peppers-Ghost-Effekt, um ihrem Abbild einen schwebenden, hologrammartigen Ausdruck zu verleihen. Dabei wird ihr von einem Monitor in einer Acrylglasscheibe gespiegelter Körper wiedergegeben.

Die Klanginstallationen schuf Felix Ermacora. Beide Künstler kommen frisch von der Kunsthochschule Dresden und verwirklichen in Meiningen ihr erstes gemeinsames Projekt. Eine Woche lang hielten sich die beiden in Meiningen auf und sammelten Eindrücke. Geppert habe sich nach anfänglichem Befremden doch mehr und mehr mit dem Kircheninnenraum angefreundet, so Pfarrer Tilman Krause.

Ermacora sei mit Mikrofon und Aufnahmegerät auf der Suche gewesen „nach dem Meininger Sound“. Bewusst habe er Klänge, Töne, Stimmen und Geräusche verarbeitet, die er in der Kirche und von außerhalb wahrnahm: Der Kantatenchor, der zum Kantatensonntag sang und spielende Kinder auf dem Markt sind genauso zu hören wie ein Rauschen. „Das klingt wie das Rauschen von einem Meer, aber der Künstler sagte uns , er habe das Rauschen des Windes über ein Feld aufgenommen“, erzählt Krause.

Pfarrer Tilman Krause war es, der den mutigen Impuls hatte, für die Gemeinschafts-Installation des Künstlerpaares aus Dresden die Türen der Stadtkirche öffnen zu wollen. Überzeugungsarbeit musste im Gemeindekirchenrat dafür geleistet werden. Nicht jeder kann sich mit dieser offensiven Art der medialen Kunst anfreunden. Vielleicht auch deshalb der Titel „Fürchte Dich nicht“ – jene drei entlastenden Worte, die weit über hundert Mal in der Bibel gesagt werden.

Die Ausstellung soll nicht den Kopf ansprechen, sondern vielmehr Gefühle. „Was ist an Zerbrechlichem oder auch an Starkem in mir?“ oder „Gibt es einen inwendigen Klang, der durch die Töne von außen Anregung findet?“ Das sind Fragen, die nach Krause jeder und jede beim Erleben der neuen Installation für sich selbst versuchen sollte, zu beantworten. Also beim Hören und Schauen auch einfach mal in sich selbst hineinlauschen.

Tilman Krause fügt in der Ausstellung zu den persönlichen Fragen aber noch jene hinzu, die das gemeinschaftliche Leben betreffen. Zum Beispiel: „Wie schaffen wir es, wieder Dinge zu pflegen, die wir als Gesellschaft und nicht nur als Kirchgemeinde dringend brauchen?“

Musik ist etwas, das uns weich machen kann, davon ist der evangelisch-lutherische Pfarrer auch aus der Erfahrung mit Gottesdiensten und Kirchenkonzerten überzeugt. Dass neben den digitalen Klängen auch viele Melodien zu erkennen sind, ist ihm deshalb wichtig. „Naturmelodien oder menschliche Melodien“, sagt er.

Das Tarnnetz, das Deborah Geppert für ihre Installation benutzt, erinnert an einen Jäger-Hochsitz, aber genauso an einen Vogel-Beobachtungsstand.

„Das ist für mich auch so ein einladendes Bild“, sagt Pfarrer Krause, „nicht nur die Ohren aufzumachen, sondern auch die Augen“. Beobachten und nicht zu bewerten, das sei wichtig.

Die Einladung an alle Besucher der Stadtkirche stehe deshalb: „Zu schauen und das auf sich wirken lassen“. In der Natur betrachte man auch nicht nach dem Kriterium: „Ist das jetzt sinnvoll oder was bringt es mir?“ Vielmehr gehe es darum, einfach wahrzunehmen.

Jemand fühle sich vielleicht von dem Frauenkörper angesprochen, ein anderer von seiner Nacktheit eher abgestoßen, weil er erzwungenes Nacktbaden bis zur dritten Klasse erlebt habe, so Tilman Krause. Dann, so weiß es der Seelsorger ebenfalls, gibt es Menschen, die sagen: „Wir kommen so auf die Welt, wir werden so von der Welt gehen. Es ist letztlich auch eine Darstellung von mir selbst. Von meiner Gebrechlichkeit und von meinem Bedürfnis nach Schutz.“

Die neue Kunst steht jetzt in Zwiesprache steht mit der alten Kunst in der evangelisch-lutherischen Stadtkirche. Über die Idee, Gepperts Hologramm direkt gegenüber der Steinernen Madonna mit dem Jesuskind zu platzieren, ist Pfarrer Krause froh. Immerhin gilt die über 650 Jahre alte Figur als Wahrzeichen der Kirche am Markt, die neben dem Namen „Unserer lieben Frauen“ aus katholischer Zeit auch noch Marienkirche genannt wird, in Ehrung der Mutter Jesu. Bei einem Besuch im Jahr 1344 hatten Kaiser Ludwig IV. und Bischof Otto II. von Würzburg die Madonna mit dem Jesuskind der Stadt und Kirchengemeinde Meiningen als Geschenk überreicht. Dank der Sponsoren mit Sparkasse, Stadt, Landkreis und Land greift das Projekt nicht in den Finanzhaushalt der Kirchgemeinde. Über den Vorschlag von Ralf-Michael Seele, Leiter der städtischen Galerie ada, die Akustikplatten dauerhaft im Kirchenschiff zu integrieren, wird nachgedacht.

Bis voraussichtlich zum 2. Juli ist die Klang- und Sichtinstallation „Fürchte Dich nicht – Kunst in der Kirche“ täglich von 10 bis 18 Uhr zu erleben.

 

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