Kultur in Sonneberg Skurril, schaurig, exquisit wird das Jazzjahr

Bärbel Escher

Was Tolstois Erbin mit dem Piano zur Horrorstory, einem Fenstersturz in Amsterdam und Alphörnern verbindet.

2024 gastierte Viktoria Tolstoy bei den Luisenburg-Festspielen. Demnächst wird die Sängerin, nebenher auch Ururenkelin des berühmten russischen Schriftstellers im Sonneberger Rathaussaal zu erleben sein. Foto: Gerd Pöhlmann

Außergewöhnlich – dieses Wort trifft wohl am ehesten das Programm, mit dem die Sonneberger Jazzfreunde dieses Jahr ihr Publikum ins Rathaus, die Musikschul-Villa und ins G-Haus locken. Das will etwas heißen, blickt man auf all die Hochkaräter zurück, die in den vergangenen 38 Jahren ihre Anhänger verzückten.

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Eine Ururenkelin des berühmten russischen Dichters Leo Tolstoi („Anna Karenina“, „Krieg und Frieden“) ward in der südthüringischen Stadt noch nicht gesichtet. Das ändert sich am kommenden Samstag, wenn Viktoria Tolstoy in der Reihe „Jazz im Rathaus“ auftritt, am Flügel begleitet von Jacob Karlzon. Die Sängerin gilt als Multitalent und interpretiert Stücke von Steve Wonder oder Genesis ebenso wie russische Musikwerke. Wenn sie singt, geht die Sonne auf, schwärmt ihr langjähriger Musikpartner, der US-Gitarrist Pat Metheny. Über ihre Mutter lässt sich die Linie bis zu Leo Tolstoi (1828-1910) verfolgen. Dass die 50jährige in der Nähe von Stockholm geboren ist, hängt damit zusammen, dass sieben der acht Kinder Tolstois (fünf überlebten die Kindheit nicht) das zaristische Russland in alle Welt verlassen hatten. Aber die kreativen Gene wurden offenbar über Generationen und Länder weitervererbt. So finden sich unter den derzeit etwa 370 direkten Nachfahren neben Schriftstellern auch Komponisten, Bildhauer und eben die Jazzsängerin Viktoria. Seit gut 25 Jahren arbeitet sie eng mit dem schwedischen Komponisten und Pianisten Jacub Karlzon zusammen. Dieser kennt Sonneberg schon ein wenig, denn 2019 war er Gast in der Reihe „Jazz in der Villa“. „Ich freue mich sehr auf das Konzert“, sagt Christoph Armbrecht, der künstlerische Leiter des südthüringisch-fränkischen Vereins „Sonneberger Jazzfreunde“, im Gespräch über das Jazzjahr 2025.

Alphörner im Hauptact

Zwei Wochen später, am 7. Juni, wird er an gleicher Stelle im Rathaussaal nicht Zuhörer, sondern Mitwirkender sein. Dann heißt es „Mystery & Music“. Was vor Jahren im Programm der Jazztage eine äußerst erfolgreiche Kombination von Jazz und Lyrik war, erhält quasi Fortsetzung durch Jazz und Belletristik. Armbrecht, der seit der Jugend dem Jazz in dessen vielen Facetten „verfallen“ ist, hatte im vorigen Jahr sein erstes erfolgreiches Solokonzert an gleicher Stelle gegeben. Nur wenige wussten zuvor, dass er schon länger selbst Musik komponiert, für sich, aber auch für eine junge Autorin aus Lichte. Von Josephine Becker hatte er in seinem Bekanntenkreis gehört und als bekennender Fan von Science Fiction las er ihre Bücher über Rakna, die Heldin ihrer nordischen Fantasy-Reihe. „Man staunt über die Phantasie, mit der sie sich die Gestalten, Wesen, die gesamte Hierarchie einer Gesellschaft ausgedacht hat“, äußert er. Auch das neueste Werk, eine Horror-Geschichte, hat ihn beeindruckt. So bestreiten beide einen kurzweiligen Abend mit Lesung und mit Eigenkompositionen, die er grade auf seiner CD „New friends“ im Chaos Label in Ludwigsburg herausgebracht hat.

Nach sechs Jahren Pause heißt es am 21. September im Saal der Musikschule „Jazz in der Villa“. Dann ist Julia Perminova dort zu Gast. Die junge Pianistin ist im sibirischen Tjumen geboren, hat in Moskau und ab 2018 in Berlin und Amsterdam studiert. Armbrecht hatte sie in Erfurt gehört und - weil ein künstlerischer Leiter immer und überall nach interessanten Leuten Ausschau hält - für Sonneberg gewonnen.

Der 62-jährige ärztliche Chef des Sonneberger Dialysezentrums mit Hang zur Fantasy World hatte im November auch die Comic Con in Stuttgart besucht, eine Messe für Comics und Comicverfilmungen. Dort traf er den Schauspieler Sascha Rotermund, der ihm als Synchronsprecher eines der Helden aus „Star Wars“ ein Begriff war. Aus einem kurzweiligen Meet and greet entstand die Idee für einen ganz speziellen Abend bei den Jazztagen im Spätherbst. Rotermund und seine Musiker werden am 2. November ein musikalisches Schauspiel „Chet on the Beach“ auf die Bühne bringen. Da geht es um den legendären amerikanischen Jazzmusiker Chet Baker (1929-1988) - ein trauriges Beispiel, wie nah Genie und Wahnsinn sein können. Als exzellenter, aber sozial verwahrloster Künstler wird er beschrieben - mit jahrzehntelanger Drogenkarriere, Frauengeschichten, kriminellen Verfehlungen. Im Drogenrausch stürzte er in einem Amsterdamer Hotel aus dem Fenster. Sein letztes Konzert absolvierte er übrigens mit der NDR-Bigband. Die war auch schon in Sonneberg zu Gast.

Weniger tragisch, aber mindestens ebenso mitreißend dürfte das Hauptkonzert am 15. November mit dem „Wiederholungstäter“ Thilo Wolf aus Fürth und seinem Orchester werden. „Owner of a lonely horn“ heißt es. Und ist ein jazziges Tribut an die Rockband YES aus den 70ern. Armbrecht, seine Mitstreiter vom Verein und das Publikum dürfen sich schon jetzt auf Außergewöhnliches einstellen: Nicht nur, dass ein eigens für Sonneberg zusammengestelltes Orchester auftritt. Nicht nur, dass mit Arkady Shilkloper ein exzellenter Hornist mitmacht. Der gebürtige Moskauer und in aller Welt musizierende Künstler bringt echte Alphörner mit und zeigt, dass man in den Alpen wie im Thüringer Schiefergebirge den langen Röhren erstaunliche jazzige Töne und Rhythmen entlocken kann. Ein wenig Lokalkolorit soll es an diesem Abend auch geben und zwar mit musikalischem Nachwuchs. Vivienne Hoffmann aus Kronach hatte beim TV-Wettbewerb „Voice Kids“ 2021 den 3. Platz belegt. Inzwischen ist sie 18, macht grade Abitur. Und sie habe eine „Mordssoulstimme“. Vervollständigt wird das diesjährige Festival mit der Band „Pro Art“ aus dem benachbarten Ilmenau. Sie gibt es seit mehr als 50 Jahren. Gründungsmitglieder seien zwar nicht mehr dabei, heißt es. Aber an die 100 Jazzmusiker hätten im Lauf der Jahrzehnte in den verschiedensten Teams dafür gesorgt, dass schon nach den ersten Tönen der Funke zum Publikum überspringt. Was am 14. November zu beweisen wäre.

Selbstverständlich bleiben die Sonneberger Jazzfreunde ihrer Tradition treu, dem Publikum einen kostenlosen musikalischen Samstagvormittag im G-Haus zu schenken. Dafür und für den Auftritt am Vorabend im Ketschenbacher „Lindenhof“ heuerten sie die polnische Band „Playing family“ an, die für Stimmung sorgen soll.

Ein wahrlich vielseitiges Jazzjahr in seiner 39. Ausgabe!

Weitere Infos:

www.son-jazz