Künstlerresidenz Eine Glas-Botschafterin zieht aus

Doris Hein

Ein gegenseitiges Nehmen und Geben an Ideen, Fertigkeiten und mehr ermöglicht die Lauschaer Künstlerresidenz. Am Donnerstag ging eine weitere Etappe zu Ende. Elke Pfaffmann aus Rheinland-Pfalz zog nach vier Wochen am Rennsteig Bilanz.

Erfahrungen bei der Arbeit mit dem Werkstoff Glas hatte sie schon zur Genüge – Elke Pfaffmann, die gegenwärtig in der Künstlerresidenz beim Kulturkollektiv Lauscha lebt und arbeitet. Am Fusing-Ofen, mit gläsernen Kunstwerken in der Architektur oder bei einem Workshop im Perlendrehen, den sie im Europäischen Museum für Modernes Glas in Rödental absolviert hatte. Eine gute Grundlage also, um sich auch einmal mit der Herstellung fragiler Kunstwerke am Brenner zu versuchen. Dass es nicht so einfach werden würde, in der kurzen Zeit des Künstleraufenthaltes etwas Sehenswertes mit der für sie neuen Technik zu schaffen, das hatte sie schon vermutet. Am Ende ihres vierwöchigen Aufenthaltes im Thüringer Städtchen Lauscha zieht die Künstlerin aus Rheinland-Pfalz nun Bilanz. Sie hat viel dazugelernt. Doch was sie nach Hause mitnimmt, das sind nicht nur neue gläserne Kostbarkeiten. Das sind vor allem Erinnerungen an die Begegnung mit den Menschen hier und mit der Natur. Beides hat bei Pfaffmann tiefen Eindruck hinterlassen.

Sie, die selbst eine sehr engagierte Persönlichkeit ist, hat besonders das Engagement von Toni Köhler-Terz und seinem Team beim Kulturkollektiv schätzen gelernt. „Sie haben schon viel geschafft“, war Pfaffmanns Eindruck. Doch wünscht sie dem Team mehr Unterstützung von außerhalb. Etwa Einwohner, oder gar Handwerker, die beim Erhalt des Gebäudes in der Bahnhofstraße einfach mal mit Hand anlegen, so wie es die Lauschaer vor Jahrzehnten beim Bau der Goetheschule getan haben. Um ein Gemeinschaftswerk, einen gemeinsamen Kulturtempel zu schaffen. Damit die, die dort aktuell sehr viel mit den Restaurierungsarbeiten zu tun haben, auch Zeit finden, das zu tun, wofür sie sich eigentlich eingemietet haben – Kunst der verschiedensten Art zu schaffen. Besonders wichtig seien zudem mehr Menschen, die das würdigen, was hier auf die Beine gestellt wird, indem sie die Veranstaltungen des Kulturkollektivs besuchen, bei denen doch wirklich für jeden etwas dabei sein sollte. Dabei spricht sie durchaus aus eigener Erfahrung während ihres Residenzaufenthaltes, etwa beim Sommerkino.

Sie selbst hat in den vergangenen Wochen natürlich auch Kontakte zu Lauschaer Glasexperten gesucht und gefunden. Etwa zum Glaskünstler-Ehepaar Susanne und Ulrich Precht, an denen sie nicht nur ihr kunsthandwerkliches Können, sondern auch die Vielfalt ihrer Ideen beeindruckt hat. Ulrich wiederum lobt Pfaffmanns Fusingblöcke und Roll up-Kunstwerke als inspirierend.

Diese hat die Zeit in Lauscha ebenfalls genutzt, um viele Spaziergänge zu machen. Eine Runde ums Teufelsholz gehörte fast täglich dazu. Aber auch Wanderungen ins Lauschaer Erlebnisbad, durchs Schwarzatal oder in die Nachbarorte Neuhaus und Steinach. Im Schiefermuseum der Brunnenstadt interessierte sich die studierte Geografin Pfaffmann besonders für geologische Formationen und Erdgeschichte der Region. Und fand nicht nur den Schiefer als passende Kombination für ihre gläsernen Werke, sondern auch die Stachelhäuter, die – so die Information in der geologischen Abteilung des Museums – vor 570 Millionen Jahren hier existierten. Als Kohlezeichnung und als erste Versuche am Brenner wurden sie Teil ihrer Ausstellung zur gestrigen Finissage.

Dabei kam der Künstlerin auch die Tatsache zustatten, dass sie von 1990 bis 1992 als wissenschaftliche Zeichnerin beim Bebildern von Lehrbüchern für Prof. Dr. Axel Perneczky tätig war, der als Direktor der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Mainz die so genannte Schlüssellochchirurgie in der Neurochirurgie eingeführt hat. Ihr Können aus dieser Zeit hat Pfaffmann in diversen Zeichnungen umgesetzt, die teilweise mit ihren vor dem Brenner entstandenen Objekten im Ausstellungsraum der Goetheschule eine Symbiose eingehen. Ebenso wie die Grundkörper aus Porenbeton, auf denen die verschiedenfarbigen gläsernen Anemonen im Sonnenlicht glänzen.

Einen komplett anderen Teil ihrer Erfahrungen hat Pfaffmann vor dem Foto eines Schaufensters künstlerisch umgesetzt. Ein bedrückendes Foto, denn trotz Glaskugeln macht die Glasbläserwerkstatt einen recht verlassenen Eindruck. Passend zum Bild hat die Rheinland-Pfälzerin eine Sammlung von Weihnachtsbaumkugeln installiert – Objekte, von denen sie bei ihrer Ankunft in Lauscha vor vier Wochen nur wenig wusste. Doch dank vieler Gespräche und Besichtigungen hat sie allerlei darüber gelernt. Kennt nun den Unterschied zwischen Handarbeit und eher lieblos in dunklen Farben gestalteten Maschinenkugeln wie denen ihrer Installation. In Anlehnung an das bekannte Weihnachtslied „Süßer die Glocken nie klingen“ hat sie dieser den Namen „Tiefer die Kugeln nie hingen“ gegeben. Symbol für die aktuelle Krise des Kunsthandwerks sollen sie sein, die sie an manchen Ecken zu spüren glaubt und doch nicht verstehen kann. Denn sie weiß: Lauscha hat es erst kürzlich geschafft, mit seinem Weihnachtsbaumschmuck ins Thüringer und Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen zu werden.

Die Stadt hat Künstler, die Außergewöhnliches können und schaffen, auch das hat sie bei ihren Ortsbegehungen gemerkt. Eigentlich, so Pfaffmann, müsste die Stadt mit diesen Pfunden wuchern, die hohe Anerkennung auf vielfältige Art für die Eigenwerbung nutzen, das Potenzial, das die hiesigen Künstler haben, auch nach außen zeigen…

Pfaffmann hat natürlich auch für die eigene künstlerische Zukunft schon diverse Pläne. Aktuell ist sie an einer Gemeinschaftsausstellung in der Pfalzgalerie Kaiserslautern beteiligt. Die Sonderausstellung zum hundertjährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Malu Dreyer läuft noch bis zum 25. September.

Pfaffmann würde sich aber auch gerne als Botschafterin des Lauschaer Glases verstehen. In ihrem Heimatort Offenbach an der Queich plant sie Ende Oktober eine Ausstellung mit ihren eigenen Werken. Eine Ausstellung, die nach der langen Corona-Dürre in der Kulturlandschaft das kulturelle Geschehen wieder mit zum Leben erwecken soll. Dort, so könnte sich die sympathische Künstlerin vorstellen, wäre bestimmt auch Lauschaer Glas gut platziert, auf welche Art und Weise auch immer. Die Verbindung zu Lauscha wird sie jedenfalls so schnell nicht abreißen lassen. Weder die zu Fenja Lüderitz, mit der sich sich durchaus eine fruchtbringende Kooperation vorstellen könnte, und schon gar nicht die zum Kulturkollektiv. Eine ihrer Glas-Anemonen bleibt zur Erinnerung schon einmal in der Goetheschule, im Bücherregal neben der Bar, wo auch andere Kunstobjekte bereits an die bisherigen Akteure in der Künstlerresidenz erinnern.

 

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