Krieg in der Ukraine Welle der Hilfsbereitschaft

Berit Richter

Der Ilm-Kreis bereitet sich auf die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge vor. Und auch die Spendensammelaktionen sind angelaufen. Gleichzeitig werden weitere Forderungen nach sofortigem Frieden laut.

Matthias Haupt vom Rechts- und Ordnungsamt der Stadt und Helfer Ottfried Walther (von links) nahmen in Arnstadt am Donnerstag zahlreiche Spenden entgegen, unter anderem Babynahrung. Foto: Berit Richter

Arnstadt/Ilmenau - Donnerstagnachmittag in einem Hinterhof An der Weiße. Gerade fährt ein LKW vor. Namentlich genannt werden möchte die Dame nicht, ihr ist wichtig, zu helfen. Mehrere Kartons werden ausgeladen. „Meine Tochter hat alles schon beschriftet“, sagt sie und ist auch schon wieder weg. Kaum, dass Alexandra Lehmann noch Danke sagen kann.

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Die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung ist mit zwei Kollegen und einem ehrenamtlichen Helfer seit Mittag in der Spendensammelstelle zugange. „Es ist schon etliches zusammengekommen“, sagte sie. „Aber wir freuen uns, wenn es noch viel mehr wird.“ Die städtische Wohnungsbaugesellschaft stellt den leer stehenden Wohnblock zur Verfügung. So kann gleich sortiert werden. Winterjacken, Hygieneartikel, Babynahrung sind unter anderem bereits abgegeben worden. Eine Firma spendet 2400 Batterien. „Und eine Dame brachte sogar einen Rollator vorbei“ erzählt Alexandra Lehmann.

Die nächsten zwei Tage wird der Kreisfeuerwehrverband die Sammelstelle betreuen. Mit seinem Konvoi sollen die Spenden dann in Richtung Ukraine gebracht werden. Komme mehr zusammen als die Feuerwehr transportieren könne, wolle man die Sachen auch an andere angelaufene Hilfsprojekte geben, sagt Bürgermeister Frank Spilling (pl.).

Der Feuerwehrverband hat auch Sammelstellen in Großbreitenbach, Altenfeld und Holzhausen eingerichtet (unsere Zeitung berichtete). Darüber hinaus gibt es aber auch viele andere Spendenaktionen im Ilm-Kreis.

Wohnungen gesucht

Im Landratsamt bereitet man sich derweil auf die Ankunft von Flüchtlingen aus der Ukraine vor. Wie viele das konkret sein werden, ist offen. Gemäß dem Königsteiner Schlüssel, der bundesweit die Verteilung von Flüchtlingen regelt, muss das Land Thüringen circa 2,63 Prozent der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aufnehmen. Von diesen entfallen auf den Ilm-Kreis rund 5,05 Prozent.

Aktuell hat die Suche nach Unterkunftsmöglichkeiten oberste Priorität im Landratsamt. Der Aufruf an die Kommunen, freien Wohnraum zu melden, trägt erste Früchte. „Wir können mit unserer Wohnungsbaugesellschaft erst einmal zehn Wohnungen zur Verfügung stellen“, sagte Arnstadts Bürgermeister Frank Spilling am Donnerstag. Diese seien zwar im Moment unmöbliert, aber eine Möblierung werd man sicher auch hinbekommen. Darüber hinaus stelle man bis mindestens April vier Gästewohnungen der WBG bereit und prüfe auch, ob noch weitere Wohnungen zur Verfügung gestellt werden könnten.

Hilfe hat auch das Schullandheim in Dörnfeld signalisiert, wie Landrätin Petra Enders (pl.) am Mittwoch im Kreistag sagte. Und auch ein Hotel in Siegelbach habe Hilfe zugesagt.

Der Landkreis selbst hatte im Zuge der Flüchtlingswelle 2015 zahlreiche Wohnungen angemietet, insgesamt 221. Laut Auskunft des Landratsamtes sind davon momentan 28 frei. Diese sollen nun schnellstmöglich möbliert und hergerichtet werden. Darüber hinaus wären von den 239 Plätzen in den zwei Sammelunterkünften aktuell 30 Plätze frei.

Auch im Landratsamt selbst bereitet man sich vor: „Wir haben im Bereich des Ausländerwesens und im Sozialamt Ansprechpartner festgelegt, sodass jeder, der zu uns kommt, sofort Hilfe bekommen kann“, sagte Enders. Sozialarbeiter aus dem Landratsamt und vom Jobcenter sollen bei der Schul- und Kitaanmeldung sowie bei der Vermittlung von Sprachkursen, Arbeitsmarktangeboten und Kontakten zu psychosozialen und anderen Beratungsstellen helfen.

Derzeit steht der Ilm-Kreis zudem mit dem Innenministerium in Kontakt, über das Hilfstransporte in die Ukraine, die Slowakei und nach Moldawien veranlasst werden sollen, erklärte Enders. Auch unterstütze man Sammelaktionen wie die des Kreis-Feuerwehrverbandes. Auch mit dem Ilmenauer Flüchtlingsnetzwerk stehe man über die Beauftragte für Ausländer und Behinderte im Ilm-Kreis sowie über verschiedene Arbeitskreise in engem Kontakt.

Aktuell leben 143 Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit im Ilm-Kreis. Die Flüchtlingszahlen waren nach zwei Jahren mit eher geringem Zuwachs (2019: 143, 2020: 158) im letzten Jahr auf 253 angestiegen. 2022 kamen bisher 55 Flüchtlinge im Ilm-Kreis an. Laut Petra Enders in den letzten Tagen auch erste Menschen aus der Ukraine.

Solidaritätskundgebung

Nicht nur die ganz praktische Hilfsbereitschaft der Menschen im Ilm-Kreis ist groß, auch die Forderungen nach einem sofortigen Ende des Kreises in der Ukraine sind es. So ruft das Bündnis für Demokratie Ilmenau für Montag, 7. März, um 19 Uhr zur Kundgebung auf dem Marktplatz auf, um Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu bekunden. „An der Fassade unseres Rathauses weht die Fahne der ‚Mayors for Peace‘, denn Ilmenau ist eine friedliche Stadt, Ilmenau ist weltoffen und Ilmenau ist solidarisch.  Ilmenau verurteilt den Angriff auf die Ukraine. Wir sind wütend, bewegt und in Sorge, wir sind traurig, entsetzt und fassungslos – und wir fordern entschlossen: Schluss mit dem Krieg in der Ukraine!“, heißt es in der Ankündigung.

Auch in Arnstadt überlegt die Stadtverwaltung nach der spontanen Friedensandacht am Dienstag weitere Aktionen. Das Bedürfnis der Menschen, über ihre Sorgen, Ängste und Nöte zu reden, sei groß, sagte Frank Spilling. Das habe man an diesem Abend gemerkt. Die evangelische Kirchgemeinde lädt immer mittwochs 18 Uhr zum Friedensgebet in die Bachkirche. Dort werden auch Sachspenden angenommen.

Die Linke hatte am Donnerstagnachmittag zu einer Friedenskundgebung am Arnstädter „Rufer“ geladen. Man verurteile „den völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine“ aufs Schärfste, sagte Kreisvorsitzender Thomas Schneider. „Wir stellen uns gegen diesen Angriff und lehnen jeden Krieg als Mittel der Politik ab. Sicherheit und Unabhängigkeit der Ukraine müssen wieder hergestellt werden“

Kritik gab es aber auch an der NATO und deren Aufrüstung. Schneider forderte: „Wir müssen aus der Eskalationsspirale ausbrechen, von ihr profitieren nur die Rüstungskonzerne. Es braucht einen Politikwechsel für gewaltfreie Konfliktlösung.“

Linke-Landtagsabordnete Donata Vogtschmidt kritisierte die geplanten 100 Milliarden Rüstungsausgaben. Dieses Geld sei über Nacht da gewesen, aber für eine Milliarde Pflegebonus habe man ein Jahr lang kämpfen müssen.

Einig waren sich alle Redner in ihrer Forderung nach einem sofortigen Kriegsende, aber auch in der nach einer friedlicheren Welt ohne Waffen.