Klinikseelsorge Meiningen Sterne für die Intensivstation

Bettina Schlauraff

Klinikseelsorgerin Bettina Schlauraff muss derzeit viel Leid erleben, viel trösten. Und sie sieht tagtäglich, wie sich das Personal im Helios-Klinikum Meiningen um jeden Patienten bemüht, ja kämpft. Ihnen allen gilt ihr Dank in Form von Weihnachtssternen.

Klinikseelsorgerin Bettina Schlauraff mit einem der Weihnachtssterne Foto: privat

Meiningen - Mindestens elf Schläuche winden sich von langen Stativen bis zum Krankenbett. Viele Kabel liegen in dicken Schlangen auf dem Bettrand und sind mit dem Körper verbunden. Monitore geben Geräusche von sich und zeichnen zackige Linien. Das Beatmungsgerät schnauft im immer gleichen Rhythmus. Meine blaue Handschuhhand liegt sanft auf der Hand eines Mannes mittleren Alters. Vor einer Woche haben wir die letzten Worte miteinander gewechselt. Jetzt liegt er im künstlichen Koma und wird beatmet. Seine Krankheit ist eine, die manche abwertend als „Schnupfen“ bezeichnen. Ihn hat es an die Grenze des Lebens gebracht. Die letzten Minuten vor dem künstlichen Koma waren quälend.

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Ein Moment, in dem die Gedanken dem eigenen Leben galten und den Liebsten daheim. Würde er je wieder aufwachen? Oder waren das jetzt die letzten bewussten Minuten in seinem Leben? Liebevoll und mit Rücksicht erklärten ihm die Mitarbeitenden auf der Intensivstation warum das alles nötig ist und was ihn erwartete. Bevor er nichts mehr sagen konnte, bestellte er Grüße an seine Familie. Tränen liefen über sein Gesicht. Ich blieb einfach da. Hörte zu. Machte ihm Mut: Dass er es schaffen kann. Dass seine Familie an ihn denken und ihm Kraft schicken wird. Und dass ich am nächsten Tag und in den nächsten Wochen wieder hier stehen werde an seinem Bett, auch wenn er dann tief schliefe. Dass ich nun, wenn er in den Schlaf sinken würde, in der Kapelle des Klinikums ein Gebet für ihn sprechen und eine Kerze anzünden werde.

Eine Woche ist nun vergangen. Ein auf und ab für ihn. Ein Kampf für ihn. Engmaschig begleitet und versorgt vom Ärzte- und Pflegepersonal. Noch immer ist nicht sicher, wohin die Reise für ihn geht. Zu unberechenbar ist diese Krankheit. Ein wenig noch halte ich seine Hand und erzähle leise von draußen. Dann lese ich ihm noch einen Liebesbrief von seiner Familie vor, lege mein Hand auf seine Stirn und segne ihn. Ob das alles etwas hilft, kann ich auch nicht sicher sagen. Aber es macht etwas mit der Atmosphäre des Raumes, mit mir, mit diesem Mann, mit dem Bettnachbarn und mit dem immer wieder aufmerksam in der Tür stehenden Pfleger. Es sät Hoffnungsschimmer in den sonst nüchternen medizinischen Raum. Rund um die Uhr ist jemand im Raum oder anderen Tür.

Kaum eine Lebensregung entgeht denen, die hier jeden Tag pflegen, waschen, rasieren, Infusionen wechseln, Blut abnehmen, absaugen, Monitore kontrollieren, Kurven zeichnen, umlagern, Betten frisch machen, Urinbeutel wechseln und immer wieder mit den Patienten sprechen. Sie alle wünschen sich für jeden einzelnen, dass er oder sie überlebt und gesund und selbstständig atmend die Station verlassen kann. Jeder einzelne Verlust ist einer zu viel. Später werde ich auf anderen Coronastationen unterwegs sein. Und viele Menschen werden mir erzählen, warum sie so gezögert haben, sich impfen zu lassen. Viele bedauern es. Viele geben zu, die Gefahr unterschätzt zu haben. Einer sitzt mit dem Sauerstoffschlauch in der Nase und sagt weinend, dass er noch gerne weiter für seine Enkel da sein möchte. Für manche habe ich hin und wieder bittere Nachrichten zu überbringen, dass beispielsweise Familienangehörige es nicht „geschafft“ haben und an der Krankheit gestorben sind. Mit viel Glück müssen sie nur einige Zeit Medikamente und Sauerstoff bekommen und dürfen dann wieder nach Hause. Einige werden dann noch lange brauchen, um sich wieder ganz zu erholen. Für manche kommt die Erkrankung zu einer bestehenden Krankheit dazu. Andere warten auf eine Operation und haben Angst, sich anzustecken.

Und alle die hier arbeiten sind es mittlerweile gewöhnt, sich ein dutzend Mal in Kittel, Häubchen, Visier, Mundschutz und Handschuhe zu werfen und all die Ängste mit auszuhalten. Als ich die Intensivstation verlasse, habe ich noch etwas zu überreichen. Eine Freundin hatte 30 zarte Weihnachtssterne gestickt und mir geschickt. Ich wüsste sicher etwas damit anzufangen, schrieb sie. Zusammen mit einem Dankesbrief lege ich sie einer Schwester in die Hände. „Ihr seid ein echter Lichtblick für die Menschen hier“, steht in dem Brief an sie.