Kleinstädter im Vergleich Finnen staunen in Lauscha

Doris Hein

Ein Projekt der Fachhochschule Erfurt brachte Besucher aus Finnland nach Lauscha. Man lotet unter den Kleinstädten gemeinsam Wege in eine lebenswerte Zukunft aus. Die Finnen staunten nicht schlecht über die Punk-Musik in Lauscha. Sie selbst richten nämlich ein Metal-Festival aus.

„Strategien zur Verbesserung der Lebensqualität schrumpfender Kleinstädte durch die Stärkung gemeinschaftlichen Engagements“ nennt sich das Projekt, mit dem Katrin Großmann, Professorin für Stadt- und Raumsoziologie, und ihre Mitstreiter Leona Sandmann und Sven Messerschmidt von der Fachhochschule Erfurt geografisch peripher gelegenen Kleinstädte in strukturschwachen Regionen wie eben Lauscha im Rahmen einer internationalen Vergleichsstudie Möglichkeiten und Potenzial für eine lebenswerte Zukunft aufzeigen möchten. Kleine Orte abseits des Mainstreams blieben bei derartigen Untersuchungen häufig außen vor, erklärte Großmann. Ziel des Projektes sei es, lokale Ressourcen zu analysieren ebenso wie die Rolle der Zivilgesellschaft beim Versuch, die Lebensqualität der Menschen vor Ort zu erhalten.

Neben der thüringischen Glasbläserstadt als Fallstudie des deutschen Teilprojektes wurden auch Kleinstädte in Finnland und Russland in die Untersuchungen einbezogen. Seit Mai 2021 läuft das Projekt im Rahmen der angewandten Forschung.

Zunächst wurden zahlreiche Einwohner in unterschiedlichen Wohnsituationen über ihre Lebensverhältnisse befragt, weiß Bürgermeister Norbert Zitzmann. So wollte man als ersten Ansatz erforschen, wie und warum Menschen in dieser Region wohnen. Wegen Corona waren diese ersten Kontakte aber wenig öffentlichkeitswirksam, denn vieles musste online durchgeführt werden.

Im ersten Jahr standen zudem vor allem zahlreiche Interviews mit Vertretern der lokalen Kulturszene und der Stadtpolitik im Mittelpunkt.

Kultur im Focus

Damit wurde der Schwerpunkt auf Kulturinitiativen und auf deren Einfluss auf die Lebensqualität vor Ort gelegt. Mit Bürgermeister und Stadt als Koordinator und Vermittler von Kontakten konnten für einen detaillierten Erfahrungs- und Ideenaustausch nun finnische und deutsche Projektbeteiligte zusammengebracht werden.

So kam es, dass rund um den Mellichstöckdooch neben Großmann, Sandmann und Messerschmidt auch Johanna Lilius und Alla Bolotova von der Aalto Universität aus Finnland, Ria Maria Adams als Vertreterin der finnischen und der Wiener Universität gleichermaßen, Maria Gunko von der Universität Oxford sowie fünf Vertreter des finnischen Städtchens Puolanka in Lauscha viel Zeit mit dem Sammeln von Eindrücken, Gesprächen und Erfahrungsaustausch verbrachten.

Im Gemeinschaftsraum der Goetheschule stellte Leona Sandmann das Ziel der Begegnung vor. Von Menschen aus ähnlich situierten und doch ganz anders ausgestatteten Orten zu lernen, von deren teils komplett andersartigem Umgang mit ähnlichen Problemen zu hören und daraus Schlussfolgerungen fürs eigene Handeln zu ziehen, lautete die Aufgabenstellung. Ein eng gestricktes Programm brachte die Gäste aus Erfurt und Finnland dabei mit Vereinen, mit Schule und Kindergarten in Kontakt, mit Problemen des täglichen Lebens, aber auch unkonventionellen Lösungen.

Schon beim Gang durchs Gebäude des Kulturkollektivs und die Räumlichkeiten der Künstlerresidenz hatten die Besucher viele Fragen. Was wird bei euch wie finanziert? Wer engagiert sich hier für was? Dass die Vereinsmitglieder um Toni Köhler-Terz ganzjährig mit über 40 Kulturveranstaltungen aufwarten, beeindruckte vor allem Tommi Rajala und Oskari Haapalainen vom Pessimismusverein Puolanka. In ihrem rund 2500 Einwohner zählenden Heimatort im Nordosten Finnlands organisieren sie im Sommer ein Metal-Festival, das Musikfans aus aller Welt anzieht – heuer Anfang Juli. Entsprechend begeistert zeigten sich übrigens auch Heikki Kanniainen und Anna-Kaarina Uusitalo von der Gemeindeverwaltung Puolanka, als sie zur Spring Up-Party am Abend diversen Punk-Bands lauschten und dabei erneut mit jungen Leuten aus der Region ins Gespräch kamen.

Lauschaer Details

Beim Stadtrundgang mit Lothar R. Richter lernten die Besucher anhand historischer Gebäude und Sehenswürdigkeiten viele Facetten von Lauschas Geschichte kennen, staunten über den Friedhof in extremer Hanglage ebenso wie über die Schanzenanlage oder die traditionelle Heimarbeit der Glasbläser, die sie bei Grit und Herbert Müller-Sachs live erlebten.

In der Jugendstilkirche lauschten die Gäste den Erläuterungen zum Gotteshaus von Dietmar Weschenfelder und dem Spiel von Kantor Matthias Erler auf der Strebelorgel. Im Kindergarten wurden Betreuungsschlüssel und Einrichtungen verglichen. Beim Spaziergang zum Mellichstöckdooch mit Ralf Pamminger und weiteren Lauschaern erfuhren die Finnen viel über die Vereine im Thüringer Städtchen, die in ehrenamtlicher Tätigkeit Erlebnisbad und Goetheschule, Kulturhaus und Schanzenanlage, Parks und Spielplätze für die Bevölkerung (mit) unterhalten und für kulturelle Highlights sorgen. Alles mit einer unglaublich hohen Bereitschaft, sich in ihrer Freizeit dafür einzubringen.

Von der Gefahr des Burnouts im Ehrenamt, von Sparpolitik, die der Kreativität im Wege steht und vom täglichen Kampf um den Erhalt von Kinder- und Senioreneinrichtungen und mehr war schließlich im gemeinsamen Workshop in der Grundschule die Rede.

Wo Lauschaer Stadträte und Vereinsmitglieder darüber staunten, dass in Finnland viel weniger übers Ehrenamt und weitaus mehr über den Staat getan wird, dadurch aber auch die Bereitschaft zum eigenen Engagement bei den Bewohnern sehr niedrig sei. Wo auch verglichen wurde: In Puolanka gibt es 1600 Ferienwohnungsplätze, in denen Gäste aus dem urbanen Raum ihren Sommerurlaub verbringen. Nach Lauscha kommen meist Tagesgäste.

Von der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes und der Einordnung der Erkenntnisse in einen überregionalen Kontext erhofft sich Bürgermeister Zitzmann einen Gewinn für die Entscheider in der Stadt. Und dass dadurch wichtige Themen in der öffentlichen Wahrnehmung Raum finden. Für einige Lauschaer geht es aber im Sommer erst einmal zum Gegenbesuch nach Puolanka – auf die Suche nach dem, was die Lebensqualität dort ausmacht. Noch bis April 2023 folgt dann der angewandte Teil des Projektes...

 

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