Eine Westerwelle ist losgetreten worden, alle Welt diskutiert über den deutschen Sozialstaat. Wie das eben so ist in unserer Gesellschaft, wenn eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Wer spricht noch vom Klimawandel? Vergessen! Abgehakt! Natürlich kann man das Thema ignorieren: weiter mit voller Kraft voraus, wie einst auf der Titanic!

Doch der Eisberg ist nicht mehr weit. Auch deshalb, weil die Staatsmänner und -frauen im Dezember vergangenen Jahres in Kopenhagen so grandios gescheitert sind. Weil wieder wertvolle Zeit vergeudet wird. Weil wir irgendwann, wie schon des Öfteren, sagen werden: Das haben wir nicht gewollt. Was aber nicht mehr gilt: Das haben wir nicht gewusst. Auch deshalb eine kurze Rückblende. 1972 veröffentlichte der Club of Rome die Studie "Die Grenzen des Wachstums". Eine der ersten Reaktionen auf dieses Menschheits-Menetekel war die des Yale-Professors Henry C. Wallich: "Unverantwortlicher Unfug." 1971 hatte der CDU-Politiker Herbert Gruhl im Bundestag auf das Waldsterben aufmerksam gemacht; 1975 erschien sein Buch "Ein Planet wird geplündert." Ein Ergebnis: Drei Jahre später war Gruhl aus seiner Partei geekelt worden. Und die Grünen, als sie in ihren frühen Jahren noch eine Umweltpartei waren: Sie wurden lange Zeit rücksichtslos vom Establishment gejagt. Haben wir aus allem nichts gelernt? Denn die Deutschen, und damit zum aktuellen Befund, sind keineswegs so umweltbewusst, wie sie sich gerne sehen. An der Spitze liegen sie nur, wie eine großangelegte EU-Studie unlängst belegte, bei der Selbstzufriedenheit. Die Deutschen? Nein: wir! Mehr als 40 Prozent von uns unternehmen gar nichts gegen den Klimawandel. Rund 20 Prozent sind ohnehin der Auffassung, dass der Klimawandel nicht menschengemacht ist. Und wenn wir etwas tun, dann erschöpft sich das oft in eher symbolischen Handlungen wie Radtouren am Wochenende oder im Vorgärtchen ein paar Zwiebeln ziehen. Dort aber, wo das eigene Handeln Verzicht bedeutet - weniger Wasser- und Stromverbrauch, Verringerung der Heizenergie, sparsamer Gebrauch des Autos, weniger fliegen -, da belassen wir es trotz apokalyptischer Aussichten häufig im Ungefähren. Oder benutzen einen Schneesturm in Washington und einen kalten Winter hierzulande, um abzuwiegeln und mit kurzfristigen Betrachtungen langfristige Expertisen auszuhebeln. Wenn wir uns aber selbst im Kleinen nicht in die Pflicht nehmen wollen, wenn wir Solar- und Windparkanlagen blockieren, dann fehlt uns Überzeugung und Kraft, etwas im Großen von Politik und Wirtschaft einzufordern. Mit Al Gore: Ja, es ist auch eine moralische Frage. Und absehbar eine existentielle. Deshalb könnten wir zwar kurzfristig trostvoll mit einer passenden Bauernregel schließen: "Kalter Februar - bringt ein gutes Jahr." Was aber langfristig werden wird? Da zitieren wir sorgenvoll Herbert Gruhl aus dem Jahre 1975: "Das 20. Jahrhundert wird zur Verelendung des gesamten Erdballs im 21. Jahrhundert führen." Und jeden Tag fällt das Gegensteuern schwerer.