Kinder-Provinzschrei Kinderreise in die Welt der Künste

Als kleine Trommler, Korbflechter, Töpfer, Fädel-, Filz-; Mal- und Druckkünstler haben die Besucher des Kinder-Provinzschreis die Volkshochschule Suhl wieder verlassen. Auch manche Eltern ließen sich anstecken.

Wumms, wumms, klatsch schallt es aus dem hintersten Raum in der zweiten Etage des Heinrichser Rathauses, in dem die Suhler Volkshochschule zu Hause ist. Hier sind am Samstag außergewöhnlich junge Nutzer zu Gast. Sie alle sind Besucher des Kinder-Provinzschreis, zu dem der Verein Provinzkultur schon zum zwölften Mal eingeladen hat. Zum zweiten Mal in dieser umfangreichen Form, zum zweiten Mal in diesem ehrwürdigen Gemäuer, nach zwei Jahren unfreiwilliger Pause. Während die Trommler inzwischen die unterschiedlich großen Djemben verlassen haben und in andere Entdecker-Räume ausgeflogen sind, stehen die nächsten bereits vor der Tür. Wann können wir probieren? Wann geht es weiter?, fragen sie Max Strobel, der in 15 bis 20 Minuten dauernden Minikursen die Mädchen und Jungen in bunt zusammengewürfelten Grüppchen niederschwellig an die faszinierenden Instrumente heranführt. „Selbst in dieser kurzen Zeit geht richtig was“, sagt er, zeigt Bass- und Randtöne, wie man zum Teamplayer wird und wie sich Gruppendynamik entwickelt.

Nele, die gerade noch bei Birgit Boden eine Blume gefilzt hat, ist zu spät gekommen und warten eben die nächste Runde ab, indem sie ihrer Schwester ein wenig über die Schulter schaut. Auch sie probiert sich beim Nassfilzen aus und rubbelt gerade mit Olivenseifenlauge wie ein Weltmeister über Noppenfolie, die auf ihrer Blumenfläche liegt. „Richtig mit viel Kraft, damit alles schön verfilzt“, spornt die Workshopleiterin an. Emma möchte das gefilzte Stück auf eine Schlumpertasche übertragen. „Eigentlich war mein Konzept ja ein anderes“, lacht Birgit Boden. „Tüten gestalten war der Plan. Aber wie man sieht, wird mit Kindern immer alles ganz anders. Kann es auch. Es soll ja allen Spaß machen“, sagt sie. Freundschaftsbänder, Baumwoll-Gaze-Seiden-Filz-Stücke oder nach vollkommen eigenen Ideen gearbeitet, jeder geht mit einem schönen Ergebnis und vielen neuen Eindrücken.

Für eine Pause stehen im Gewölbekeller bei selbst gebackener Kuchen und Getränke bereit. Im Kino-Saal lässt sich eine Kreativ-Rast einlegen.

Mit Gerhard Renner aus Bedheim haben die Kinder einen Maler an ihrer Seite, der den Umgang mit Kreide, Kohle und Tusche zeigt. Wer mag, kann sitzend loslegen oder sich stehend an der Staffelei ausprobieren. Hier werden Hände zu Papier gebracht, Käfer, Schmetterlinge, Blumen.

Mobiles treffen beim Fädelangebot nebenan den Nerv auch der noch allerkleinsten Gäste des Tages, die wohl überlegt Hühnergötter, Muscheln, Schnecken, Zapfen, Filz- oder Rattankugeln auf Fäden oder dünne Drähte aufziehen. Diese an Treibholzstückchen befestigt, ergeben schönen Raumschmuck, ganz aus Naturmaterial.

Gut besucht zeigt sich auch Angelika Beugers Druckwerkstatt. Hier werden Ideen auf Skizzen festgehalten und auf Linolplatten übertragen. Mit Weißlinien-, Schwarzlinien und Flächenschnitt stehen verschiedene Techniken zur Auswahl, die unterschiedlichen Aufwand und Krafteinsatz bedeuten und am Ende ein unterschiedlich intensives Bild ergeben. „Ich erkläre den Kindern das Schneidwerkzeug mit den fünf Wechselklingen und wie damit vom Körper weg gearbeitet wird“, sagt die Suhler Künstlerin. „Am besten ist es, wenn man sich am Anfang für ein möglichst einfaches Motiv entscheidet“, rät sie ihnen.

Der größte der Räume ist Töpfer- und Flechtwerkstatt. Im vorderen Bereich entstehen unter Anleitung von Annette Schmid aus fertigen Grundplatten, die mit Peddigrohr von der Rattanpalme in verschiedenen Farben beflochten werden, Körbchen in den unterschiedlichsten Formen. An einem der Tische hat sich sogar eine Papa-Runde zusammengefunden, die mit Hingabe ebenso fleißig bei der Sache ist wie es ihre Töchter und Söhne sind.

Einige Tische weiter entstehen mit Olivia Schmidt Gartensticker oder Schälchen aus Ton. Mit aufgerollten Pflanzen erhält die formbare Masse ein individuelles Design.

Schon viele Jahre ist der Kinder-Provinzschrei Teil der Provinzschrei-Veranstaltungen. Dass er sich jedoch zu einer eigenen Reihe etabliert, das ist neu und der Idee von Claudia Neukirchner und Kathrin Weiner zu verdanken. „Es muss mehr gehen, als Glücksrad drehen, Bastel-Ecke und Kinderbespaßung“, schwebte Claudia Neukirchner schon lange vor, den kreativen Aspekt für Kinder mehr in den Vordergrund zu rücken. „Es ist enorm“, staunt sie selber. „Wir haben es bereits zum zweiten Mal geschafft, dieses Haus komplett zu bespielen.“ „Zum Glück“, freut sich Stefanie Hill, Mutti von Nele und Emma. „Es ist schön, dass nach zwei Jahren Stillstand für die Kinder eine solche Veranstaltung geboten wird, die wir dankend annehmen“, sagt sie. „Das ist sehr wichtig, auch wenn wir in Familie versucht haben, viel abzufangen und auch viel gebastelt und uns über Youtube selbst Techniken beigebracht haben.

Auch wenn sich am Samstag die Veranstaltungen in der Stadt gebündelt haben, war klar, den Kinder-Provinzschrei nicht wieder im November einzuplanen. 2021 wurde er kurzfristig abgesagt. Und ebenso kurzfristig haben die beiden Macherinnen die aktuelle Ausgabe organisiert. „Dank des Netzwerkes aus mehr als 20 Jahren Provinzschrei“, so Claudia Neukirchner weiter. Ein Anruf genügte: Macht ihr mit? Klar! Erhielt sie zur Antwort. Was für eine Frage! Sowie dank der Mitglieder im Verein, die auch den Kinder-Provinzschrei unterstützen.

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