Katastrophenschutz Retter rüsten sich für „Schwarze Schwäne“

Zwei Tage lang rüsten sich in Suhl 30 Leitende Notärzte und Organisatorische Leiter Rettungsdienst für Einsätze bei Extremlagen mit hochgefährlichen Stoffen.

Es sind Ereignisse, die niemand jemals erleben möchte, bei denen jeder aber auf versierte Rettungskräfte vertraut. CBRN-Lagen nennen die Profis Einsätze, bei denen hochgefährliche Stoffe im Spiel sind: chemische, biologische, radiologische oder nukleare.

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Dass es brennt, kommt leider öfter vor. Eine Massenkarambolage ist zum Glück schon seltener. Ein Gefahrguteinsatz mit potenziell tödlichen Stoffen: überaus selten, aber alles andere als unwahrscheinlich. „Viele erinnern sich an den Juni 2024, als auf einem Supermarkt-Parkplatz in Suhl bei einem Fahrzeugbrand plötzlich der enorm gefährliche Weltkriegs-Kampfstoff Weißes Phosphor entdeckt wurde“, verweist Christian Jacob, Sprecher im Suhler SRH-Zentralklinikum, auf das Ereignis vor über einem Jahr. Eine für die Suhler Feuerwehr bisher zwar geübte, aber live kaum absolvierte Lage. Ein leicht Verletzter kam damals in die Notaufnahme im Klinikum.

„Ein bisschen war dieses Ereignis auch der Anlass, unsere Vorbereitung auf solche Extremlagen zu testen und zu verbessern“, sagt Dr. Raimondo Laubinger. Er ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin im Klinikum Suhl. Mit seinem Team um Oberarzt Robert Schmitt sowie der Suhler Feuerwehr organisiert er jährlich einen Kurs für Leitende Notärzte. „Kursformate wie unseres, die mit viel Aufwand extrem nah an der Praxis konzipiert und durchgeführt werden, sind bundesweit gesucht“, weiß er. Standen im letzten Jahr bei dem zweitägigen Kurs Massencrashs im Fokus, sind es in diesem Jahr sogenannte„Schwarze Schwäne“, wie ein plötzlich austretender chemischer oder biologischer Giftstoff, der viele Menschen verletzt.

Toxikologie und ein Sprengversuch

Sobald bei solchen Einsatzlagen mehrere Menschen betroffen sind, werden neben Feuerwehr und Polizei Leitende Notärzte und Organisatorische Leiter Rettungsdienst alarmiert. Sie koordinieren den medizinischen Part eines Rettungs- und Hilfseinsatzes, ziehen Rettungskräfte hinzu und kategorisieren Verletzte nach Dringlichkeit ihrer Behandlung.

Am ersten Kurstag wurde die alles andere als trockene Theorie vermittelt – mit etwas Physik und Chemie, mit Toxikologie (die Lehre von Giftstoffen), Messtechnik und sogar einem Sprengversuch. Am Sonntag dann: Live-Übung. Was bei einem normalen Einsatz schon an die Knochen geht, ist bei einer Gefahrgutlage noch einmal potenziert. Arbeiten im Schutzanzug erschwert die Verständigung und die nötige Nähe medizinischer Untersuchungen. Es schafft allerdings auch den unverzichtbaren Eigenschutz in einer Lage, die oftmals unübersichtlich ist. Elf verletzte Personen müssen am Sonntag im Gefahrenabwehrzentrum in der Suhler Auestraße behandelt und eingeschätzt werden. Das Szenario: In einem Betrieb sind mehrere Gefäße mit Säuren und Laugen explodiert. In drei Räumen verteilen sich die teils schwer Verletzten. Von offensichtlichen Verätzungen bis hin zum Herzinfarkt durch den Schock. Die Feuerwehr hat in diesem Fall entschieden: Ohne die notwendige Schutzkleidung geht niemand in die Räume.

Also schwingen sich die Notärzte, ebenso die Organisatorischen Leiter Rettungsdienst in die schweren Schutzanzüge. Danach gilt es, in den eigens mit Pyrotechnik verrauchten Räumen alle Verletzten zu finden und zu kategorisieren. Akkurat arbeiten trotz eines enormen Stresspegels, trotz einer furchterregenden Umgebung und trotz des Eigenschutzes. Eine Teilnehmerin kommentiert: „Nach der Übung weiß ich, dass so eine Lage wirklich extrem an die Knochen geht. Der Stresspegel steigt durch den Schutzanzug noch einmal enorm an. Das richtige Verhalten in so einem Fall zu üben, halte ich für extrem wichtig.“

Zu 98 Prozent alles richtig gemacht

Nach ihrem erfolgreichen Einsatz werden die Leitenden Notärzte und Organisatorischen Leiter Rettungsdienst in der eigens vorbereiteten Dekontaminationseinheit von möglichen Schadstoffen gereinigt und aus ihren Schutzanzügen befreit. „Wir sind hier wirklich ganz nah an einem realen Einsatz“, bekräftigt Dennis Kummer, Amtsleiter der Suhler Feuerwehr. „Genau dafür sind solche intensiven Übungen da. Wir wollen gemeinsam lernen, wie wir unseren Einsatz noch besser und effizienter machen können.“ Die anschließende Nachbesprechung des Szenarios mit den Teilnehmern und Verletzten zeigt: „Zu 98 Prozent haben unsere Kolleginnen und Kollegen alles richtig gemacht. Gerade in einer solchen Situation nach Leitlinie, konzentriert und fundiert zu entscheiden, ist alles andere als leicht. Wir üben, um im Ernstfall auch die letzten zwei Prozent zu leisten und für unsere Patienten so gut wie irgend möglich da zu sein“, erklärt Kursleiter Raimondo Laubinger. Er lobt darüber hinaus die Zusammenarbeit von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst, Ehrenamtlichen und Notfallmedizinern. „Nur zusammen ist so ein praktischer Kurs denkbar und stemmbar. Wir hoffen, dass eine CBRM-Lage nie auftritt. Falls doch, sind wir allerdings gerüstet.“

Schwarze Schwäne

Autor Nassim Taleb bezeichnet in seinem gleichnamigen Buch Ereignisse, die außerhalb der Vorstellungskraft liegen, als schwarze Schwäne. Ihr Eintreten sei extrem unwahrscheinlich. Wenn ein solches Ereignis eintrete, habe es allerdings oftmals massive Konsequenzen. Beispiel: Das Attentat am 11. September 2002. Die philosophische Metapher des „schwarzen Schwans“ geht auf das mittelalterliche England zurück: Man dachte schlicht, alle Schwäne seien immer weiß. Erst, als man in den 1690er Jahren erstmals schwarze Schwäne in Australien entdeckte, brach diese Überzeugung zusammen. Dieser Umstand wurde fortan von Philosophen wie David Hume oder Karl Popper als Beispiel fehlerhafter induktiver Schlüsse herangeführt.