Karnevalklub Tiefenort Erstes Narrengelächter ist beurkundet

Zwei Beispiele stehen beim Karnevalklub Tiefenort für die bereits seit 40 Jahren währende Erneuerung und Kontinuität: der ungebrochene Zustrom an karnevalistischem Nachwuchs und das Kulturhaus „Stern“ als Narrhalla.

Es gab mal einen Kulturhausleiter, der meinte, in seinem Hause könne es etwas bunter, fröhlicher und frecher zugehen. Das Haus hieß damals „Philipp Müller“ und stand am Tiefenorter Markt, und der Chef war Günter Kaiser, einer von einheimischem Geblüt. Mit sieben Leuten, denen eine karnevalistische Initiative zugetraut wurde, konferierte er am 23. Februar 1983. Und nach neun Monaten gründeten zwölf Personen – es war ja auch der 12. November – „den Karnevalklub Tiefenort, genannt KCT“ mit Günter Kaiser als Präsident und „Defferte Helau“ als Schlachtruf.

Beim Programm wusste man sich damals zu helfen: Aus eigenem Aufkommen wurde das Publikum mit vier Büttenreden und dem Gesang der Krayenbergspatzen unterhalten. Weitere Standards wie der Gardemarsch, das Showballett und das Männerballett dagegen konnten dank guter Beziehungen engagiert, sprich: in der Region ausgeborgt werden. Schließlich war man andernorts noch früher so närrisch gewesen.

Die Lacher der frühen Jahre

Aber das holte der KCT im Laufe der Jahre alles nach. So wurde der Gemeindediener installiert, der die wichtigsten Nebensachen der Gemeinde kommentierte. Das Männerballett blieb mit dem „Cancan“, der „Julischka“ und insbesondere dem „Shaka Zulu“ in Erinnerung. Das Gesprächspaar Konstantin & Imanuel platzierte seine Pointen im „deffertschen Platt“, im gleichen Idiom verhandelten „dee Lisewett on dee Kodderin“ Tiefenorter Alltagsgeschichten. Eine der Stärken bei den Krayenbergspatzen war der Umgang mit Evergreens, und das funktionierte geschwind und aktuell – aus dem von Gilbert Bécaud geschriebenen und von Dalida bekannt gemachten Hit wurde „Am Tag, als die Mauer fiel“.

Die Zeit war reich an Spaß und Auftritten. Nicht nur, dass sich das ansässige Publikum nicht lange bitten ließ, weitere Termine hatte der KCT mit Firmen und Institutionen, die den Narrenspaß oftmals gemeinsam buchten. Insgesamt brachte man es damals zum Saisonstart um den 11.11. auf drei und im Februar gar auf beträchtliche neun Veranstaltungen.

Keine Wende ohne Einschnitt

Nun, die Wendezeit brachte auch dem KCT ihre Einschnitte. Einer war vor allem technisch-organisatorisch. Über all die vierzig Jahre war das Kulturhaus, das für die Tiefenorter immer und von nun an auch wieder offiziell „Stern“ hieß, die Narrhalla: der Saal nicht weitläufig, aber immer ausverkauft; die Bühne sehr überschaubar, aber perfekt beherrscht.

Nur im bedeutsamen Jahr 1990 musste man wegen Umbauarbeiten mal in das gegenüberliegende „Deutsche Haus“ (es steht inzwischen schon lange nicht mehr da) ausweichen. Und 1991 musste die Jecken bundesweit ihre Vorbereitungen wegen des 2. Golfkrieges in die Tonne klatschen.

Das Publikum gerade im Osten fand von nun an weit mehr Freizeitangebote. Auf den KCT übertragen: Die Zahl der Veranstaltungen ging zurück, die Füllung des Saales nicht.

Das handelnde Personal änderte sich freilich, zum Beispiel 1996, als Günter Kaiser sein Amt an Hagen Karn übergab. Doch das ist neben der Narrhalla ebenfalls ein Beispiel für Tiefenorter Kontinuität: Weitere Inhaber hat die dortige Präsidentenwürde nicht gehabt. In der Bütt konnten neue Redner brillieren, zum Beispiel Basti Thiel. Der Gemeindediener wurde pensioniert, inzwischen legt Opa Kurt (Steven Gebhardt) die örtlichen Schwutten und Streiche dar. Wo einst das Männerballett im Programm stand, präsentieren heute „Jette (Michael Rug) & friends“ die Einheit von Fasching und Sport. Eine weitere Metamorphose machte der Gesang durch: Statt der Krayenbergspatzen singen nun die „Söhne Tiefenorts“, ebenso professionell wie einheimisch geleitet von Jochen Wölkner.

Perspektive und verborgene Hilfe

Richtig stolz ist der KCT auf die nicht nachlassenden Anfragen von Nachrückern für das Ballett: Die Sparte wird es in diesem Jahr auf sechs Auftritte bringen.

Die Einführung der Weiberfastnacht war ein Erfolg; bei der ersten Auflage soll es sogar handgreifliche Auseinandersetzungen um die Eintrittskarten gegeben haben. Aber hier sorgte die Pandemie 2020 für ein Ende, und wegen des erforderlichen zusätzlichen Aufwands ist die Wiederaufnahme fraglich, meint Hagen Karn.

Und Aufwand ist unvermeidlich, auch wenn er oft kaum bis gar nicht wahrgenommen wird. Wer da alles auf der Bühne und im Hintergrund für Licht, Ton und möglichst geräuschlose Wechsel sorgt, verdient herzlichen Dank. Neben der Technik gehören die Saalwache, die auch mal Putzbrigade ist, und die Garderobe zu den vereinseigenen guten Geistern. Der Service mit Thekenbesatzung und Bedienung bringt unverzichtbare Dienstleistungen. Einfühlsame Musiker haben stets großen Anteil am Erfolg im Programm und beim Abfeiern.

Eine weitere Tiefenorter Spezialität sind die Saisonorden, die seit 40 Jahren von der ortsansässigen Töpferei Täubner aus keramischen Materialien angefertigt werden.

„Mitesser“ machen Sorge

Allerdings macht der Präsident keinen Hehl daraus: Im Hintergrund wirken noch andere Kräfte, die für das närrische Treiben eine erhebliche Belastung darstellen. Die Organisation zur Wahrung musikalischer Urheberrechte beispielsweise ist allerorten ein Ärgernis. Wegen der Forderungen des Finanzamtes muss der Verein inzwischen einen Steuerberater in Anspruch nehmen. Die Jurisprudenz wartet regelmäßig mit Ideen auf, die Zeitverschwendung, Verwaltungsgebühren und Notarkosten zur Folge haben. All das ist unproduktiv, dafür aber an der Grenze zur Existenzbedrohung, und es lässt bei eingetragenen Vereinen die Sinnfrage aufkommen.

Treues Publikum

Letzteres wirkt sich auf die Beziehungen zum Publikum glücklicherweise nicht aus: Das bleibt treu, wie man auch dieses Jahr an dem schon im Kartenvorverkauf ausgebuchten Haus ablesen kann. Und aufgeschlossen, worüber die Karnevalisten glücklich sind. Wenn also Dank zu sagen ist: Die Zuschauer müssen ein großes Stück davon abbekommen.

So ist der KCT zu einer kulturellen Größe in Tiefenort geworden und will es noch mindestens 40 Jahre bleiben.

Programm
für die Saison 202310. Februar: 20 Uhr Disco11. Februar: 18 Uhr Gala-Sitzung12. Februar: 15 Uhr Kinderfasching 17. Februar: 19.30 Uhr Gala-Sitzung18. Februar: 19.30 Uhr Gala-Sitzung

Alle Veranstaltungen finden im Kulturhaus „Stern“ statt.

Autor

 

Bilder