Schmalkalden Bürgermeister: „In Sorge bei Fernwärmenetz“

Thomas Kaminski ist seit 2006 Bürgermeister in Schmalkalden. Foto: /Sascha Willms

Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski spricht im Interview zur Energiekrise, zu den Auswirkungen auf die Stadt Schmalkalden und zu geplanten Maßnahmen.

Die Energiekrise wirkt sich finanziell auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus. Industriebetriebe, Dienstleister, Handwerker und Privatpersonen haben Existenzängste. Bürgermeister Thomas Kaminski versucht, die aktuelle Situation und die Lösungsansätze der Stadt Schmalkalden darzustellen.

Herr Kaminski, unser Alltag steckt in einer ernsten Energiekrise. Wie schätzen Sie die Ausgangslage ein?

Seit Ende Februar, Anfang März führt der Ukrainekrieg zu erheblichen Verwerfungen am Gasmarkt mit deutlichen Einschränkungen der Erdgaslieferungen aus Russland. Dies verursacht am Spotmarkt täglich Einkaufspreise für Gas, die über dem Zwanzigfachen des Preises von 2020 liegen. Aufgrund dessen erhöhen sich auch die Preise für den Strombezug. Die Bundesnetzagentur hat in einem dreistufigen Verfahren die zweite Stufe einer Gasmangellage ausgerufen. Zahlreiche Gegenmaßnahmen der Bundesregierung und Einsparmaßnahmen in der Industrie wie bei Privathaushalten haben bis September gewisse Erfolge gezeigt, jedoch noch nicht die Gasversorgung für den gesamten Winter 2022/23 abgesichert.

Wie wirkt sich das konkret vor Ort aus?

Bestehende Strom- und Gaslieferverträge sind bislang nicht oder in eher geringem Umfang preislich angepasst worden. Ab November bis zum Jahreswechsel ist mit erheblichen Preissteigerungen um das Zweieinhalb- bis Dreifache für den Gas- und Strombezug zu rechnen. Leider ist diese Preissteigerung als moderat zu bezeichnen, da viele überörtliche Energieversorger noch deutlich höhere Preissteigerungen angekündigt haben und durchsetzen werden. Es ist der klugen Beschaffungsstrategie der örtlichen Energieversorger zu verdanken, dass die Preissprünge für Bestandskunden somit deutlich unterdurchschnittlich ausfallen.

Wie sieht die Situation bei der Fernwärme aus?

Hier ist die Situation dramatischer. Bereits im April 2022 hat es eine Verdoppelung der Vorauszahlungen gegeben. Es ist mit einer weiteren Erhöhung zu rechnen. Dies begründet sich mit der Beschaffung des Erdgases am Spotmarkt zu tagesaktuellen Preisen, die in noch nie dagewesene Höhen geschossen sind. Die Dezentrale Energieversorgung Schmalkalden GmbH unternimmt alles, um die Preisentwicklung zu begrenzen. Klar ist, dass die angesprochenen Preissteigerungen nicht nur Einschnitte in der Lebensqualität mit sich bringen werden, sondern für manche Familien und Betriebe existenzgefährdend sein können.

Was unternimmt die Stadt dagegen?

Gegen die aktuelle Preisgestaltung lassen sich seitens der Stadt Schmalkalden kaum Maßnahmen ergreifen. Wir sind froh, dass unsere örtlichen Energieversorger zumindest im Strom- und Gasbereich aufgrund der langfristig angelegten Beschaffungsstrategie die Preissteigerungen um maximal das Dreifache deckeln können, auch wenn dies für viele Verbraucher nur ein kleiner Trost ist. Insbesondere im Bereich der Fernwärme gibt es noch größere preisliche Verwerfungen, die beim Vierfachen des Preises von 2021 liegen dürften. Allein die Bundesregierung hat die Möglichkeit, mit verschiedenen Maßnahmen den faktisch außer Kraft gesetzten Gasmarkt wiederherzustellen und damit für moderatere Preise zu sorgen. Dies würde sich sofort auf den Endkunden der Fernwärme auswirken.

Was müsste die Bundesregierung für Maßnahmen ergreifen?

Oberstes Ziel mus sein, das Gasangebot so zu steigern, dass eine Beruhigung am Markt eintritt. Die Bemühungen der Bundesregierung diesbezüglich sind an der Errichtung des LNG-Terminals bei Bremerhaven erkennbar, aber offenbar nicht ausreichend. Ich schließe mich daher dem Vorschlag der IHK aus Halle-Dessau und der IHK Südthüringen an, die Gaspipeline Nord Stream 1 mit ihren kommunizierten Schwächen und Defekten vollständig aufzugeben und hierfür ersatzweise die nagelneue und auf neustem technischen Stand befindliche Nord Stream 2 Pipeline in Betrieb zu nehmen. Bei diesem Vorschlag wird sich erweisen, ob die Nordstreampipelines nur Spielball der russischen Politik sind oder Russland ernsthaft seinen vertraglichen Pflichten zur Gaslieferung nachkommen möchte.

Ist die Versorgungssicherheit aus Ihrer Sicht gefährdet?

Ich beobachte durchaus den bemerkenswerten Erfolg beim Befüllen der Gasspeicher. Auch die Geschwindigkeit bei der Beschaffung von Gas aus alternativen Bezugsquellen wie LNG-Gas, Gas über französische Pipelines, aus Holland und Norwegen sind beachtlich. Meines Erachtens ist die Wärmeversorgung für den Winter aber noch nicht ganz abgesichert. Wir müssen uns daher zur Gewährleistung einer hundertprozentigen Versorgungssicherheit im Bereich Wärme Gedanken machen.

Was sind ihre größten Sorgen?

Die größten Sorgen mache ich mir beim Fernwärmenetz, worüber unser Gewerbegebiet Ost, die Hochschule, das Walperloh und Teile der Innenstadt mit Wärme versorgt werden. Sollte es hier zu Ausfällen bei der Gaslieferung kommen, haben die Wärmebezieher kaum andere Alternativen. Daher sind wir seit mehr als drei Monaten gemeinsam mit den Stadtwerken, der Dezentralen Energieversorgung Schmalkalden, der EON und dem städtischen Wohnungsunternehmen dabei, Notfallszenarien zu entwickeln und Maßnahmen zur Sicherstellung der Wärmeversorgung zu ergreifen.

Können Sie konkreter werden?

Unser Fernwärmenetz wird aus zwei Heizhäusern gespeist. Für den innerstädtischen Bereich haben wir als alternativen Energieträger Heizöl. Es können in den noch vorhandenen Öltanks bis zu 200 000 Liter gespeichert werden. Damit kann eine Wärmeversorgung in der Innenstadt für einige Tage bis mehrere Wochen auch ohne Gasbezug abgesichert werden. Hierfür wird zu einem mittleren fünfstelligen Betrag die Heizanlage so umgerüstet und erweitert, dass neben dem Gasbrenner für die Wärmeerzeugung ein Ölbrenner zum Einsatz kommt.

Im sogenannten zweiten Heizhaus für das Wohngebiet Walperloh, das Gewerbegebiet Ost und die Hochschule besteht eine solche Variante leider nicht. Hier ist ein Öltank mit 10 000 Litern bereits geordert worden. Mit diesem Fassungsvermögen kann für zirka acht Stunden die Versorgung aufrechterhalten werden. Es braucht daher eine ausgeklügelte Logistik der Heizölbelieferung im Fall des Ausfalls der Gasversorgung. Dies wird aktuell in enger Absprache mit der EON vorbereitet.

Wie sieht das für die Innenstadt aus?

Die Grundlast der Wärmeversorgung sowohl für die Innenstadt als auch für das große Heizhaus wird durch Biogas abgedeckt und hat eigentlich mit dem Erdgasbezug aus Russland nichts zu tun. Daher können wir theoretisch an dieser Stelle zumindest für die Grundlast von einer Versorgungssicherheit ausgehen. Wenn aber im Gasnetz zu wenig Gas enthalten ist, ist es völlig egal, ob es Erdgas aus Russland ist oder Biogas. Daher haben wir uns alternative Gedanken gemacht.

Die da wären?

Für private Haushalte, die in irgendeinem Bereich ihrer Wohnung über einen Ofen, Kamin oder ähnliches verfügen, beabsichtigen wir, Angebote zu unterbreiten, zu Preisen des Vorkrisenniveaus Holz als Festbrennstoff anzubieten. Dies tun wir aktuell über entsprechende Lesescheine, wonach Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt in Waldgebieten, wo die Holzernte abgeschlossen ist und Restholz zurückbleibt, dieses als Brennmaterial sammeln dürfen. Diese Berechtigung besteht allerdings nur nach entsprechender Genehmigung durch unsere Verwaltung. Ansprechpartner ist hier Roger Ziereisen, Telefon (03683) 667247. Davon wird aktuell schon reger Gebrauch gemacht. Weitere Maßnahmen sind noch vorzubereiten und abzustimmen. Ein Krisenstab, bestehend aus den Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates, dem Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft, der Stadtwerke und der Werraenergie, die Netzgesellschaft Schmalkalden sowohl mir als Bürgermeister wird sich damit sehr zeitnah beschäftigen.

Welche Maßnahmen hat die Stadt bereits in die Wege geleitet?

Wir haben bereits einige Maßnahmen zur Energieeinsparung ergriffen. Entsprechend der Energieeinsparungsverordnung des Bundes wurde die Effektbeleuchtung für Denkmale u. a. abgeschaltet. Entsprechende Maßnahmen im Rathaus wurden ebenfalls umgesetzt. Auch darüber hinausgehende Maßnahmen sind im Krisenstab zu diskutieren. Mir ist bewusst, dass die Zeitfenster für die Umsetzung nur sehr klein sind.

Ein Krisenstab?

Der Krisenstab wird regelmäßig ab nächster Woche zusammenkommen. Wir werden Maßnahmen wie die Einschränkung der Nutzung von Sportplatzgebäuden und anderen Räumlichkeiten, die nicht eine zwingende Nutzung mit sich bringen, in Erwägung ziehen und zeitnah mit den Nutzern kommunizieren. Es kann aber auch jeder Einzelne einen kleinen Beitrag leisten, indem sehr bewusst mit der zur Verfügung stehenden Energie umgegangen wird. Ich erspare mir allerdings die guten Ratschläge der Bundesregierung wie Händewaschen mit kaltem Wasser. Hier sind der Wille und die Kreativität jedes Einzelnen gefragt. Belehrungen helfen nicht weiter.

Wie möchten Sie zu diesem Thema mit der Bevölkerung in Kontakt bleiben?

Wir werden über verschiedene Kommunikationswege wie Facebook, Homepage der Stadt und der Tagespresse über die Entwicklungen aus dem Krisenstab berichten. Eine erste umfassende Kommunikation soll es zur Stadtratssitzung am Montag, 26. September, 18 Uhr, geben.

Wir werden nicht nur das Verständnis der Bevölkerung und Industrie brauchen, sondern in Teilbereichen auch deren Mithilfe. Was wir aber vor allem brauchen ist ein kluges Handeln der Bundesregierung. Dies wurde durch einen Brief an den Bundeskanzler Scholz durch die SPD-Fraktion des Stadtrates der Stadt Schmalkalden eingefordert, verbunden mit konkreten Vorschlägen.

Was plant die Stadt mittelfristig?

Die aktuelle Krise zeigt, dass wir mittelfristig, d. h. in den nächsten zwei bis drei Jahren, sehr große Anstrengungen unternehmen sollten, zu einer weitgehenden Eigenversorgung zu kommen. Hierfür bieten sich in unserer Lage der Stadt Schmalkalden insbesondere Fotovoltaik und Biomasse an. Parallel kann auch Windenergie in Betracht gezogen werden. Entsprechende Baumaßnahmen für eine sehr große Wärmepumpe laufen bereits am großen Heizhaus in der Asbacher Straße. Daneben führen wir Verhandlungen mit der Agrargenossenschaft Schmalkalden Schwallungen eG, die Biogas erzeugt. Wir haben im letzten und diesem Jahr verschiedene städtische Immobilien außerhalb des Denkmalschutzensembles der Innenstadt mit Fotovoltaik zur eigenen Energieversorgung versehen. Das TGF ist ebenfalls mit einer Fotovoltaikanlage versorgt worden. Eine 3 bis 4 MWP Fotovoltaikanlage ist in Planung.

Außerdem planen wir, das Gewerbegebiet B19 zu 100 Prozent CO2-neutral mit Energie zu versorgen. Auch sind viele Industriebetriebe und Privatpersonen im Bereich der Eigenversorgung aktiv geworden. Das städtische Wohnungsbauunternehmen hat im Helenenweg Fotovoltaikanlagen installieren lassen, die zu günstigen Konditionen im sogenannten Mieterstrommodell Strom erzeugen und zur Verfügung stellen. Ich bin sicher, dass in zwei Jahren die Situation rund um die Energieversorgung eine völlig andere sein wird als heute. Aber auch hier ist jeder gefragt, seinen Beitrag zu leisten. Die aktuelle Krise kommt aus dieser Perspektive mindestens ein Jahr zu früh.

Fragen an den Bürgermeister: Die Stadtratssitzung am Montag, 26. September, möchte Bürgermeister Thomas Kaminski nutzen, um über die Energiekrise und die Auswirkungen auf die Stadt Schmalkalden zu informieren. Die Öffentlichkeit ist dazu um 18 Uhr in das Bürgerhaus Werra-Aue eingeladen.

Welche Sorgen und Nöte bewegen Sie? Welche Fragen möchten Sie dem Bürgermeister und den politisch Verantwortlichen vor Ort stellen? Vielleicht haben Sie auch Ideen und Vorschläge, wie man die Krise gemeinsam bewältigen könnte. Schreiben Sie uns oder rufen Sie an. Wir leiten die Fragen weiter, berichten über die Antworten. Lokalredaktion Schmalkalden, Rufnummer (03683) 6976-0 oder 6976-13, Email: lokal.schmalkalden@stz-online.de oder lokal.schmalkalden@freies-wort.de.

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