Jazz-Legenden in Ilmenau Ein schillerndes Leben

Beim Mingus-Projekt am Freitag dabei: Stefan Hunstein. Foto:  

Ilmenau und der Jazz – das ist eine innige Beziehung. Seit rund 70 Jahren wird hier ohne Grenzen und Schranken musiziert. Die Jazztage sind gerade erst vorbei – doch nun stehen schon wieder ein paar Höhepunkte ins Haus.

Eine Über-Ikone des Jazz, der Bassist Charles Mingus, hätte in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag gefeiert. Anlass genug, für den rührigen Jazzclub Ilmenau, dieses Wochenende ein kleines Festival zu organisieren, das Stars dieser Musik gleich im Bündel eingekauft hat.

Den Anfang macht an diesem Freitag der Multi-Instrumentalist Michael Riessler, ein bedeutender zeitgenössischer Komponist. Nein, der Mann ist nix für ein paar überstudierte Hornbrillen-Träger in schwarzen Rollkragenpullovern. Dass Riessler bereits beim Tanz & Folkfest in Rudolstadt aufgetreten ist, dürfte Beweis genug für seine Entertainer-Qualitäten sein. Der Schweizer Bassklarinettist wird mit Begleitmusikern, einem Erzähler und dem TV- und Theater-Schauspieler Stefan Hunstein („Tatort“, „Der Bulle von Tölz“, „Der Pass“) fiktiv die letzten Lebenstage des an ALS unheilbar erkrankten Charles Mingus hörspielartig nacherzählen.

Und als ob das nicht allein als Höhepunkt genügen würde, treten an diesem Samstag dann gleich drei absolute Legenden des Jazz auf: David Murray (Saxofon), Brad Jones (Bass) und Hamid Drake (Schlagzeug). Jeder der drei Szene-Giganten wäre es wert, ausführlich vorgestellt zu werden: Murray, dessen brillante Spieltechnik dem guten alten Saxofon zu einer umfassenderen wie eigenwilligen Ausdrucksweise verhilft. Oder der New Yorker Jones, dessen flexibles Kontrabass-Spiel nicht nur bei vielen Szene-Größen angesagt ist, sondern ihn auch bei Rockmusikern wie Sheryl Crow und Elvis Costello gefragt macht. Last But Not Least Hamid Drake – ein Drummer, der sich nicht nur intensiv mit dem Jazz auseinandergesetzt hat (beispielsweise als Sidekick von Don Cherry und Peter Brötzmann), sondern auch die perkussiven Traditionen zahlreicher Völker studiert und in sein Spiel integrierte. Wer jemals Drake am Schlagzeug wirbeln sieht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die drei zusammen bilden das „Brave New World Trio“, eine Dreierbeziehung, die wesentlich mehr ist, als die Summe ihrer Bestandteile. Von afroamerikanischen Jazztraditionen ausgehend wird eine Reise durch die Musik zahlreicher Kulturen unternommen: von Gospel über Blues, Soul und Swing bis zu improvisierter Musik.

Den Rahmen für diese beiden Hauptveranstaltungen bilden der Oscar-nominierte Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ von Raoul Peck über den Schriftsteller James Baldwin (am Samstag um 19 Uhr) und ein Vortrag mit anschließender Diskussion „Rassismus und Ausgrenzung im Jazz, von den Anfängen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bis Black Lives Matter“. Vortragender ist der Musikwissenschaftler und Autor Harald Kisiedu, Dozent am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück (Samstag um 15 Uhr).

Überschrieben sind die Veranstaltungen am Freitag und Samstag mit „I Am Three“ (Ich bin Drei), die als Klammer das schillernde Leben des schwarzen Künstlers Charles Mingus setzt. Mingus, der Zeit seines Lebens unter rassistischer Diskriminierung litt, formte mit seinem ganz eigenen eruptiv-wütenden Bassspiel eine ureigene Version des Protestes. Sein Spirit lebt bis heute fort...

... und wird beispielsweise vom Jazzclub Ilmenau aufgenommen. Die Mitglieder dieses Vereins können eine beachtliche „Ruhmeshalle“ vorweisen: Nicht nur spielte in den Anfangsjahren und bis zur Wende alles, aber wirklich alles, was in der international beachteten Jazz-Szene der ehemaligen DDR Rang und Namen hatte. Auch nach der Wende konnte ein Programm fortgesetzt werden, das dem Jazzclub Ruhm weit über Thüringen hinaus einbringt. Über die Jahren gastierten hier nicht nur solch renommierte Größen wie Bill Brufords Earthworks, Joachim Kühn, Aki Takase, Sven-Ake Johansson oder Louis Sclavis, Alexander von Schlippenbach, das Willem Breuker Kollektief und viele, viele mehr. Auch die heißen Insider-Tipps spielten zahlreich an der Ilm.

 Freitag, 13. Mai 2022, 20 Uhr: Michael Riessler und Begleitung.

 Samstag, 14. Mai 2022, 21 Uhr: Brave New World Trio (Murray/Jones/Drake). (alle Veranstaltungen finden im Helmholtz–Hörsaal der TU Ilmenau statt). 

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