Interview „DDR-Spielzeugindustrie hätte überleben können“

Bernd Max Sauer, war in verschiedenen leitenden Funktionen in der Spielwarenindustrie der DDR tätig. Er hat seine Erfahrungen und die Geschichte der DDR-Spielwarenindustrie in einem Buch aufgearbeitet. Er sagt, „dass trotz beginnender Globalisierung Anfang der 1990er Jahre rund 4500 Beschäftigte der ehemaligen volkseigenen Spielwarenindustrie und weitere rund 1000 Beschäftigte in reprivatisierten Firmen der drei Cluster Sonneberg, Erzgebirge und Waltershausen überlebensfähig gewesen wären.“

Sonneberg - Bernd Max Sauer, war in verschiedenen leitenden Funktionen in der Spielwarenindustrie der DDR tätig. Er hat seine Erfahrungen und die Geschichte der DDR-Spielwarenindustrie in einem Buch aufgearbeitet: „Spielzeugland DDR. Das Werden, Wachsen und der Niedergang der Spielzeugindustrie der DDR.“ (Trautmann Verlag). Wir haben mit Bernd Max Sauer über dieses Buch und einige Aspekte der Zeitgeschichte zu diesem Thema gesprochen.

Ihr Buch ist eine Mischung aus Autobiographie, Dokumentation und persönlicher Abrechnung. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Der Entschluss, diese vorhersehbare zukünftige Entwicklung zu dokumentieren, reifte in mir zur Leipziger Herbstmesse 1990 - die letzte Messe in Leipzig für die Spielwarenindustrie in Ostdeutschland. Ich erkannte, wohin die bundesdeutsche Politik und die Arbeit der Treuhandanstalt führen würde. Ab diesem Zeitpunkt sammelte ich Unterlagen und Veröffentlichungen zur Spielwarenindustrie der DDR und Ostdeutschland. Durch meine Tätigkeit bei Plaho, Piko, Kombinat, und meiner Firma A&O Spielwaren trug ich einen großen Fundus an Unterlagen zusammen.

Als reines Fachbuch wollte ich dieses Buch nicht veröffentlichen. Ich wollte auch die vielen persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen aus diesen Zeiten festhalten. Von 2009 bis 2019 befragte ich 84 Zeitzeugen aus ehemaligen DDR-Spielwarenbetrieben, deren Meinungen und Erlebnisse aus der Wendezeit ins Buch einfließen. Für diese Zeit großer persönlicher Anstrengung, leider oft mit negativen Ergebnissen verbunden, wollte ich auch die Beweggründe, Handlungen von Personen und die damals geltenden Bundesgesetze dokumentieren. Deshalb enthält mein Buch auch autobiografisches Beiwerk. Ja, es sollte auch eine Abrechnung sein mit meiner Meinung nach Überheblichkeit, Ungerechtigkeit, Ignoranz und fachlicher Unfähigkeit handelnder Personen zur Treuhandzeit und nach der Privatisierung.

Man kann den Eindruck bekommen, dass ein Großteil der Arbeit eines Spielwaren-Managers in der DDR für die Verwaltung des Mangels aufgewendet werden musste. War das so und wo lagen die ärgsten Engpässe?

In meiner Tätigkeit ging es nicht nur um die Verwaltung von Mangelerscheinungen. 80 oder 90 Prozent der Industrieproduktion in den Betrieben Plaho und Piko funktionierten normal und ordentlich, also wie „geplant“. Um den restlichen Teil musste man sich als Betriebsdirektor selbst kümmern. Das ging oft nur mit persönlichen Beziehungen zwischen Betriebsdirektor und Betriebsdirektor. Allerdings mit der Folge, dass die Ergebnisse aus diesen Beziehungen wo anders in der DDR fehlten! Mein Schwerpunkt in der DDR-Spielwarenindustrie war die Produktentwicklung. Hier hatte ich den größten Einfluss auf Leistung, Qualität und Umsatz. Damit hatte ich großen Erfolg. Durch meine Ausbildung als Betriebsschlosser mit Abitur und mein Kunststoffstudium an der TU Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) hatte ich dafür die notwendigen fachlichen Voraussetzungen.

Gleichzeitig haben Sie als international erfahrener Spielwarenexperte erlebt, dass diese Probleme in Marktwirtschaften westlicher Prägung – zumindest nachdem die Kriegsfolgen überwunden waren – so nicht auftreten. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Der wesentliche Unterschied zwischen der westlichen und DDR-Spielwarenindustrie war die höhere individuelle Arbeitsproduktivität. Die DDR hatte 1989 gegenüber der BRD einen Rückstand von rund 50 Prozent. Das Recht auf Arbeit in der Verfassung der DDR führte meines Erachtens zu geringerer individueller Arbeitsproduktivität. Die Menschen in westlichen Staaten hingegen waren wohl produktiver, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Weitere Gründe waren unter anderem die fehlenden hochproduktiven Ausrüstungen und überbordende soziale Vergünstigungen. Ich war in der sowjetischen Besatzungszone geboren, ging in der DDR zur Schule und konnte studieren. Mit 33 Jahren übernahm ich Verantwortung zur Führung von Unternehmen in der DDR-Wirtschaft. Ich war stolz auf meine Arbeit und die Ergebnisse daraus, was heute jedoch nichts mehr wert ist.

Ein erheblicher Teil der Spielwarenexporte der DDR ging in die BRD. Wie groß war der Einfluss der Abnehmer aus dem Westen auf die Produktentwicklung?

In 42 Länder der Erde wurden Spielwaren aus der DDR exportiert. Feedback und Einfluss auf Neuentwicklungen durch die Abnehmer waren eher selten. Dadurch, dass der Verkauf von Spielwaren hauptsächlich durch den VE AHB (staatlicher Außenhandelsbetrieb) Spielwaren und Sportartikel Berlin erfolgte, gab es kaum Rückkopplung zu den Herstellerbetrieben. Positiv war dabei die konstruktive Zusammenarbeit mit unserer westdeutschen Vertreterfirma Heinrich Bauer, Nürnberg.

Sie waren viele Jahre mit unterschiedlichen Unternehmen Aussteller auf der Spielwarenmesse Nürnberg. Welche Funktion hatte diese Veranstaltung für die Spielwarenindustrie in der DDR?

Die Spielwarenmesse in Nürnberg war eine wichtige Messe für endgültige Vertragsabschlüsse mit großen Konzernen und für Einzelhändler. Hauptmesse für den Export von Spielwaren in das nichtsozialistische Wirtschaftssystem (NSW) war dagegen die Leipziger Herbstmesse. Auf der Nürnberger Messe wurden dann die Vorverträge oder Optionen anlässlich der Leipziger Herbstmesse zu fast 100 Prozent in Festaufträge umgewandelt. Deshalb hatte die Leipziger Herbstmesse die größte Bedeutung zur Vorstellung von Neuentwicklungen. Bis zur Spielwarenmesse wurden die Ergebnisse aus der Leipziger Herbstmesse ausgewertet, Neuentwicklungen noch verändert und einige Neuheiten präsentiert.

Mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle hatte die DDR eine Institution, die sich um die Ausbildung von Spielzeug-Designern kümmerte. Das kannte die BRD so nicht. Hat sich die Arbeit dort tatsächlich im Spielwarenangebot wiedergefunden?

Viele Absolventen dieser Hochschule arbeiteten nach dem Studium in den Entwicklungsabteilungen der Spielzeugbetriebe der DDR und im VEB Institut für Spielwaren Sonneberg. Eine andere Ausbildung gab es an der Ingenieurschule für Maschinenbau und Spielzeugformgestaltung Sonneberg. Wie viel der ausgebildete Diplomspielzeuggestalter bewirken konnte, hing vom Einsatzgebiet und dem schöpferischen und betriebswirtschaftlichen Niveau in den Entwicklungsabteilungen der einzelnen Betriebe ab. Dort, wo ein hohes Niveau die Gestaltung und Ökonomie in der Fertigung verband, konnten gute Ergebnisse erzielt werden. Positiv war dabei, dass die meisten Studenten in Halle und Sonneberg das Studium mit einem Facharbeiterabschluss begonnen hatten.

Die Spielwarenindustrie in Ostdeutschland hatte einmal rund 30 000 Beschäftigte. Im Jahr 1990 verringerte sich diese Zahl, die Produktion, die Umsätze und Exporte sehr stark. Wären aus Ihrer Sicht beim Übergang von der Planwirtschaft zum kapitalistischen Wirtschaften viele der Betriebe und Arbeitsplätze der Spielwarenindustrie der DDR zu retten gewesen?

Die Ost-Spielwarenindustrie hätte eine Konkurrenz mit einem jährlichen Umsatz von rund 250 bis 300 Millionen DM für die Spielwarenindustrie in den alten Bundesländern dargestellt. Durch die Verabschiedung des Zweiten Treuhandgesetz am 17. Juni 1990 verringerte sich die Anzahl der in der DDR-Industrie Beschäftigten. Darin beschloss die Volkskammer die Überführung der Volkseigenen Betriebe (VEB) der DDR in Privateigentum durch die Treuhandanstalt. Rund 800 Arbeitsplätze sind in der ostdeutschen Spielwarenindustrie 2019 noch übrig geblieben. Ich schätze jedoch ein, dass trotz beginnender Globalisierung Anfang der 1990er Jahre rund 4500 Beschäftigte der ehemaligen volkseigenen Spielwarenindustrie und weitere rund 1000 Beschäftigte in reprivatisierten Firmen der drei Cluster Sonneberg, Erzgebirge und Waltershausen überlebensfähig gewesen wären. Interview: Harald Hemmerlein

Bernd Max Sauer: „Spielzeugland DDR“, Trautmann Druck, Verlag & Werbung Sonneberg, 49,90 Euro. ISBN: 978-3-00-066320-8. Bestellung per Telefon 03675 74 29 77 oder Mail: trautmann-druck@t-online.de

In dem Buch werden die 22 Kombinatsbetriebe einzeln vorgestellt und ihr Schicksal nach 1990 beschrieben.

12.000 Beschäftigten arbeiteten in der Thüringer Spielzeugindustrie beispielsweise mit den Betrieben Sonni Sonneberg, Piko Sonneberg, Plüti Sonneberg, Spielzeugland Mengersgereuth- Hämmern, Anker- Mechanik Eisfeld, Spielzeugelektrik Meiningen, Puppenfabrik „biggi“ Waltershausen, Spielzeug- Mechanik Pfaffschwende und dem Institut für Spielwaren Sonneberg. Das Buch gibt einen Überblick gibt von der fleißigen Arbeiter und Angestellten in den Betrieben und den zahlreichen Produktionsstätten in Thüringen dieser ehemaligen Großbetriebe.

Interview mit freundlicher Genehmigung der Nürnberger Spielwarenmesse eG:

https://www.spielwarenmesse.de/de/magazin/macher/interview-mit-bernd-sauer-ueber-spielzeugland-ddr

 

Bilder